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Hildburghausen

Thüringer Waldkinder kennen keine Langeweile

In Zeiten aktueller Schul- und Kindergartenschließungen verzweifeln manche Eltern. Früher mussten sich Kinder selbst beschäftigen. Die Lebenserinnerungen von Hans Amm aus den 1930er Jahren geben Aufschluss.



Angeln war eine abenteuerliche Beschäftigung für Kinder früherer Generationen. In den Dörfern im Thüringer Wald gingen sie der Jagd nach Fischen aber illegal nach, da ihnen die Not keine andere Möglichkeit ließ. Generell waren sie bei ihrer Freizeitgestaltung sehr einfallsreich, da kein Geld für Spiele ausgegeben werden durfte. Man war viel in der Natur und wusste, sich selbstständig zu beschäftigen. Foto: picture alliance/Barrett MacKay
Angeln war eine abenteuerliche Beschäftigung für Kinder früherer Generationen. In den Dörfern im Thüringer Wald gingen sie der Jagd nach Fischen aber illegal nach, da ihnen die Not keine andere Möglichkeit ließ. Generell waren sie bei ihrer Freizeitgestaltung sehr einfallsreich, da kein Geld für Spiele ausgegeben werden durfte. Man war viel in der Natur und wusste, sich selbstständig zu beschäftigen. Foto: picture alliance/Barrett MacKay  

Gießübel - Ein sehr beliebtes Spiel in meiner Kindheit war das Stickeln. Das Wort stickeln war vermutlich vom Begriff Pfahl abgeleitet. Allerdings waren die Stickel bedeutend kleiner als Zaunpfähle. Man stellte also zu erst einen Stickel her. Er war aus Rundholz, konnte in verschiedenen Größen und Umfang sein, schätzungsweise 40 bis 50 Zentimeter lang und vier bis fünf Zentimeter im Durchmesser.

Unten wurde er angespitzt, am Griff oben verjüngt. Dadurch wurde er griffiger. Die Zahl der Teilnehmer war mindestens zwei. Nach oben war keine Grenze gesetzt - die Anzahl der Mitspieler richtete sich im wesentlichen nach dem zur Verfügung stehenden Platz. Es konnte jeder gegen jeden spielen oder man bildete zwei Mannschaften.

Der Stickelplatz war ein Stück Erdboden, der steinfrei sein sollte. Dazu nahmen wir vorwiegend die Straßengräben und ihre Ränder. Im Spiel jeder gegen jeden wurden die Stickel zunächst mittels die Armkraft in den Erdboden hineingetrieben. Die Stickel standen dann in der Regel eng beieinander.

Der erste Spieler zog nun seinen Stickel wieder heraus und versuchte, beim wiederholten Hineinwuchten einen stehenden Stickel seitlich zu treffen, dabei zu lockern oder ihn ganz umzuhauen. War letzteres gelungen, so war der Spieler, dem der umgeschlagene Stickel gehörte, ausgeschieden. War der Stickel dagegen nur angeschlagen, also gelockert, so hatte der folgende Spieler die Möglichkeit, diesen mit seinem Stickel vollends umzuschlagen.

Da es immer der Reihe nachging, konnte der Spieler, dem ein angeschlagener Stickel gehörte, diesen herausholen und erneut festwerfen. So ging es reihum. Wer den letzten Stickel herausgehauen hatte, war der Einzel- oder Mannschaftssieger.

Verschärfte Regeln

Zu bemerken ist dabei noch folgendes: Hat der Spieler beim Hineinwuchten seines Stickels den Gegner nur gestreift und ist sein eigener Stickel nicht ins Erdreich eingedrungen, sondern lag längsseits im Spielfeld, musste dieser auf die sogenannte "Schlochter" (abgeleitet von "schlachten"). Der gestreifte Stickel konnte somit am längsseits liegenden Stickel Revanche nehmen.

Die "Schlochter" war ein 20 bis 25 Zentimeter langes Holz, ob rund oder kantig war egal. Das Holz lag auf der Erde und der längsseits gelegene Stickel wurde im rechten Winkel darauf gelegt (Schlachterholz). Der gestreifte Stickel hatte jetzt die Möglichkeit, den liegenden Stickeln mit einem gezielten Wurf von der Schlochter zu werfen.

War dies nicht der Fall oder sein Stickel war nicht ordentlich in den Erdboden getrieben oder lag flach, musste dieser nun auf die Schlochter und der andere hatte die Chance, selbigen hinunter zu werfen. Es musste derjenige ausscheiden, der von der Schlochter heruntergeworfen war. Der Sieger nahm weiter am Spiel teil.

Das Stickeln ist in seiner Ausführung leicht und überschaubar. Variationen sind auch möglich. Es ist unterhaltsam und Geschicklichkeit ist gefordert. Es war unser liebstes Spiel.

Geheime Bäckerei

Zur Winterszeit wurde zu Hause noch gebastelt. Wir machten Laubsägearbeiten, bauten Burgen, Häuser und vieles andere mehr. Geschimpft wurde von Mutter, wenn wir mit der Laubsäge in die Tischleisten sägten.

Oft kamen wir Kinder auch zusammen, um Plätzchen zu backen. Meist in der sogenannten Fuchshütte, wo mein Cousin Hanser und Cousine Irene wohnten. Jeder brachte etwas an Naturalien wie Fett, Zucker und Mehl mit. Die Eltern wussten davon nichts. Kritisch wurde es erst, als sie merkten, dass die Materialien ohne ihr Zutun immer weniger wurden.

Rasante Modellflieger

Es kam nun die Zeit heran, in der wir uns Flieger bauten. Das Material bestand aus einer Holzleiste, zwei Pappflügeln (vorne und hinten), die mittels Gummischnur auf der Leiste festgemacht wurden. Das Flugzeug wurde dann ausgelotet, was durch Verschiebung des Vorderflügels geschah. Zum Schluss wurde ein Stein angebracht. Das Gewicht führte dazu, dass der Flieger sich etwas nach vorne neigte und sich ein Zug ergab.

Gestartet wurden die Flieger in erster Linie von der runden Schutzhütte auf dem Gießübler Löffelberg. Von hier aus konnte man den Flug gut beobachten. Es war keine Seltenheit, dass die Flieger zunächst nach unten in Richtung Tal flogen - dort in die Thermik kamen und in Richtung Glashütte weiterzogen, sie wendeten dann, flogen zurück und landeten am Fuß des Sommerbergs. Vereinzelt flogen sie sogar weiter bis in das Dachsbachtal. Der Flug wurde durch Wind und Thermik beeinflusst.

Großer Bedarf bestand meist bei den Gummischnürchen. Sie wurden von uns aus Schläuchen von Fahrrad oder Motorrad zurechtgeschnitten. Oft kam man nicht an das Material ran. Es war Ende der 1930er Jahre, als wir erstaunt darüber waren, dass mein Freund Heinz Enders eine größere Menge an Gummischnürchen in seinem Besitz hatte. Es stellte sich heraus, dass er den besten Motorradschlauch seines Vaters dazu verarbeitet hatte. Er bekam, gelinde gesagt, sein Fett weg. Heinz wohnte mit seinen Eltern im Haus von Max Grimm in der Rehbachstraße. Er war für ein bis zwei Jahre mein Schulkamerad. Die Familie zog dann nach Suhl, weil dar Vater hier arbeitete. Nach etwa 25 Jahren trafen wir uns wieder.

Zwischendurch, je nach Wetterlage, haben wir mit allen möglichen Reifen - Holzreifen, Metallreifen vom Fahrrad oder Gummireifen gespielt. Wir waren dann laufend im Trapp.

Blasrohr wie die Indianer

Die Herbstzeit war die Zeit, in der wir das Blasrohr hervorholten - ganz wie die Indianer im Amazonas, von denen wir damals schon abenteuerliche Berichte hörten. Zu dieser Jahreszeit waren die Früchte der Eberesche, die Vogelbeeren, reif. Sie wurden mit dem Blasrohr verschossen. Unsere Waffe stammte von Glasbläsern, die im Ort wohnten, und die Rohlinge als Arbeitsmaterial brauchten. Oft war es bunt gestreift, was uns sehr gefiel. Die günstigste Länge war doch recht beachtliche 70 bis 80 Zentimeter, sowie zehn bis 15 Millimeter im Durchmesser.

Das Blasrohr wurde wie folgt geladen: Die Vogelbeeren hingen einzeln an einen Treubel. Mit den Lippen wurden die Beeren abgezupft und im Mund gelagert. Manchmal waren das an die zehn bis 15 Beeren und mehr.

Der Mund war also ganz schön voll. Mit der Zunge wurde nun die erste Beere in das Blasrohr geschoben und mit starkem Pusten herausgeschossen. Es dauerte eine geraume Zeit, bis das Mund-Magazin leergeschossen war. Recht hygienisch ging es dabei nicht zu.

Verbotene Fischjagd

Am Flößteich habe ich immer mal wieder geangelt. Die Gerätschaft bestand aus einem Holzstock - den machte man sich an Ort und Stelle - , aus einfacher Schnur, einem Korken und Angelhaken. Als Köder wurde ein Heuhüpfer (eine Grille) festgemacht. Die Ausbeute war nicht groß. Geangelt wurde nach Forellen. Einmal hatte ich eine sehr große Forelle gefangen. Da ich sie nicht in einer Tasche unterbringen konnte, riss ich die Innentasche meiner Jacke auf und legte sie zwischen Futter- und Außenstoff.

Die Forelle wurde zu Hause ausgenommen und gebraten. Sie schmeckte aber stark nach Moos, ein Zeichen dass es sich um einen recht alten Fisch handelte.

Das Fischen war verboten. Die Gewässer waren vom Fiskus verpachtet. Ein Pächter war der Wiegands-Fritz, Besitzer der Glashütte in Gießübel. Es wurde natürlich trotzdem illegal in fließenden Gewässern gefischt.

Das war eine sehr schlüpfrige Angelegenheit: Die Fische suchten Schutz, und das Sicherste war für sie das Ufer. Man legte sich also auf den Bauch und griff mit der bloßen Hand unter die Ufer, um den Fisch zu ertasten. Hatte man Glück, wurde der Fisch mit der Hand gepackt und hervorgeholt.

Es war aber keine Seltenheit, dass sich unter den Ufern auch andere Tiere wie Frösche und Wassermaus versteckten. Mit diesen kam man dann auch in Berührung - das war ein Graus!

Die Forellen waren sehr glitschig und man musste schon recht geschickt vorgehen, um sie auch festzuhalten. Sie wurden nicht waidgerecht getötet: Man griff ihnen unter die Kiemen und brach das Genick.

Einmal war ich mit Bruder Fritz und meinem Freund Huts-Fritz (Fritz Hartung) entlang des Rehbachs unterwegs. Es wurde Ausschau nach Forellen gehalten. Im Bachbereich einer Wiese wurde eine Forelle gesichtet und man begann mit der Jagd.

Die Forelle wurde unter dem Ufer hervorgeholt und in eine große Heringsbüchse, die mit Wasser gefüllt war, gelegt. Zu dieser Zeit kam ein Förster die Straße herauf. Sie waren immer hinter den Jagdfrevlern her, zu denen auch die illegalen Fischer gehörten.

Als Bruder Fritz und Huts-Fritz den Förster wahrgenommen hatten, ergriffen sie die Flucht. Ich blieb meinem Schicksal überlassen. Ich konnte den Flüchtigen nicht folgen, da ich damals erst an die fünf Jahre alt war. Ich fing nun heftig an zu schreien, aber welch ein Glück: Tante Marta und Schwester Emma kamen vorbei, sie hatten im Wald Holz gesammelt, und nahmen mich mit nach Hause.

Hans Amm wurde 1932 in Gießübel geboren. Seine Kindheitserinnerungen hat er aufgeschrieben. Wenn Sie, liebe Leser, sich ebenfalls an besondere Spiele Ihrer Kindheit erinnern, können sie uns gerne davon berichten. In der gegenwärtigen Lage aber bitte nur schriftlich: am bequemsten via E-Mail lokal.hildburghausen@freies-wort.de oder an Freies Wort Lokalredaktion, Schleusinger Straße 16, 98646 Hildburghausen.

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Veröffentlicht am:
23. 03. 2020
10:16 Uhr

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23. 03. 2020
10:16 Uhr



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