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Hildburghausen

Die Mauer trennte sie – mitten in Südthüringen

Vor der Wende lebten Birgit und Ulrich Ratz als Nachbarn in Themar. Zusammen sein durften sie in der DDR nicht. Der Mauerfall änderte alles – und in zwei Jahren feiert das Paar Silberhochzeit.



Eheleute Ratz
  Foto: ari


Diese Hochzeitsglocken sind nicht zu überhören: Als der Polizist Ulrich Ratz seine Birgit heiratet, schallen Martinshörner durch die Straßen von Themar. Die Kollegen haben drei Dienstwagen organisiert, die mit Blaulicht den Korso um Brautauto und Gästekolonne vom Standesamt weg zu begleiten. „Die Leute standen auf den Bürgersteigen, weil sie dachten, es wäre etwas passiert“, sagt Birgit Ratz und lacht bei der Erinnerung an ihren Hochzeitstag am 31. August 1996.

Ein Hochzeitstag, der wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre. Denn weil die heute 61-Jährige
Westverwandtschaft hat, hätte sie ihren Angebeteten vor der Wende mit eindeutigen Avancen in Schwierigkeiten gebracht. Heute, 23 Jahre später, wirken die beiden verknallt wie am ersten Tag. Sie sitzen nebeneinander auf dem Sofa, Ulrich Ratz hat seinen Arm auf die Lehne hinter seiner Frau gelegt. Er ist inzwischen im Ruhestand. 2018 haben sie – um ihre Liebe aufzufrischen, wie sie sagen, obwohl das nach außen hin gar nicht nötig scheint – endlich kirchlich geheiratet.

Weil das schon lange der Wunsch von Birgit Ratz gewesen ist. Sie ist evangelisch, ihr Mann konfessionslos.
„Deswegen habe ich mich vorher nicht getraut zu fragen“, erzählt sie. Aber dann habe es sich wie automatisch ergeben. Ganz so, wie sich auch die Liebe der beiden entwickelt hat – damals, als sie noch nicht sein durfte.

Rückblick. Brigit Ratz zieht nach der Trennung von ihrem ersten Mann mit ihrem Sohn Sven nach Themar. Sie ist Mitte 20. Die Scheidung zieht sich hin; es belastet die junge Frau. Da sieht sie auf der Straße diesen
Typ, der sein Auto parkt und in Wohnblock gegenüber geht. Dunkle Haare, schlank, Uniform: Birgit Ratz
traut ihren Augen kaum. Genau so stellt sie sich ihren Traummann vor. „Ganz ehrlich“, sagt sie und beugt
sich nach vorne, als verrate sie ein Geheimnis. „Ich wollte ihn schon immer.“

Einmal gesehen, geht ihr dieser Kerl von gegenüber nicht mehr aus dem Kopf. Sie sorgt dafür, dass er sie
bemerkt, hat immer wieder etwas draußen vor dem Haus zu tun, wenn er von der Arbeit kommt, und winkt
ihm zu. Und der schöne Mann winkt zurück. Normalerweise beginnen so Liebesgeschichten. Die Geschichte
von Birgit und Ulrich Ratz ist keine, die normal abläuft. Sie beginnt als Herzschmerz-Geschichte. Und das,
obwohl alles so klar scheint.

Aber sie spielt in der DDR. Ein Staat, der eigenen Regeln aufstellt. Und die geben vor, dass Birgit und Ulrich Ratz nicht zusammen sein dürfen, sofern sie die Konsequenzen nicht tragen. Denn: Eine Oma von
Birgit Ratz lebt in Duisburg, Ruhrgebiet. Ihrem Vater – der wie Ulrich Ratz bei der Volkspolizei gearbeitet hat – sei damals dringend nahegelegt worden, den Kontakt zu seiner Mutter abzubrechen. Als er sich geweigert habe, habe man ihn kurzerhand aus dem Dienst entfernt. Eine Situation, die Birgit Ratz damals so erschreckt, dass sie auf näheren Kontakt zu ihrem Schwarm verzichtet. Zu seinem Besten. Ulrich Ratz erlebt selbst Ähnliches. „Ein Kollege hatte eine Freundin mit Westverwandtschaft“, erinnert er sich. „Das war ein Problem.“ Dem Mann sei die Pistole auf die Brust gesetzt worden: Freundin oder Job. Wie die Sache ausgegangen ist, erzählt der 61-Jährige nicht. Nur, dass ihm da bewusst geworden ist, dass er es besser bei nachbarschaftlichem Small Talk mit der Frau von der anderen Straßenseite belässt. Obwohl er betont: „Ich fand die Birgit auch sofort toll.“ Und er schaut sie von der Seite an, er lächelt, sie lächelt.

Es klingt wie in einer dieser Romeo-und-Julia-Geschichten. Nur dass die Wende ihr ein anderes Ende schreibt. Aber nicht so kitschig wie im Drehbuch einer solchen Geschichte, in der es so weiterginge,
dass die zwei im Moment des Mauerfalls, nach all den Jahres des Wartens, des Ausharrens, des gegenseitigen sehnsüchtigen Beobachtens auf die Straße stürmen und sich in die Arme fallen würden.

Im Gegenteil: Ihr Verstand leitet Birgit Ratz noch eine ganze Weile. Wenn, dann soll schließlich alles
passen. Also wartet sie, bis ihre Scheidung durch ist. Sagt sie. Wahrscheinlich ist sie außerdem, so wie ihr Angebeteter, ein wenig schüchtern. Traut sich womöglich nicht, diese Routine, die sich zwischen ihr und dem Mann von gegenüber eingespielt hat, zu durchbrechen. Etwas zu durchbrechen, ist immer ein Risiko.
Irgendwann kann es die Mutter von Ulrich Ratz nicht mehr mit ansehen, dass die beiden wie Königskinder umeinander herumschleichen.

Sie nimmt die Sache in die Hand. Es ist das Jahr 1992, als sie sozusagen das erste Date einfädelt: Ein gemeinsamer Ausflug ins oberfränkische Rodach in die Therme. Gemeinsam bedeutet tatsächlich: gemeinsam. Ulrich Ratz am Steuer des Wagens, neben ihm hat seine Mutter die schöne Nachbarin platziert, sie selbst verzieht sich auf den Rücksitz. Ihr Plan, die zwei zusammenzubringen, geht auf. In der Therme seilen sie sich in den Whirlpool ab. Im Prinzip, erzählen sie heute, sind sie seit diesem Tag ein Paar. Weil ja eigentlich unterschwellig und unausgesprochen alles klar war. Aber sie sagen auch, dass sie in der Anfangszeit, der Kennenlernzeit, ganz oft Ausflüge unternommen haben. Dass sie von da an jeden Donnerstag in die Therme nach Rodach, das damals noch nicht Bad hieß, gefahren sind.

Dass sie Kronach besucht haben oder die Wasserkuppe in Hessen, wo es den Ulrich beim Sommerrodeln aus
der Bahn geworfen hat. Das weiß er heute noch. Auch, dass er dabei ein paar Schürfwunden abgekriegt hat. Wenn Ulrich Ratz heute von damals erzählt, dann fragt er immer wieder: „Wo ist die Zeit hin?“ Es scheint, als hätten sich die Jahre zwischen der standesamtlichen Trauung 1996 und der kirchlichen Hochzeit 2018 zusammengezurrt wie ein gespanntes Gummiband, das man plötzlich loslässt. Vielleicht liegt es daran, dass die Liebe nie weniger wurde. Spontan nimmt Ulrich Ratz seine Frau in den Arm, schaut ihr in die Augen und küsst sie. Innig.

Was 1992 mit einem Ausflug ins Thermalbad begonnen und sich über Tagestouren durch die Region fortgesetzt hat, gibt es immer noch. Nur im größeren Stil. Das verlängerte Wellness-Wochenende im Bayerischen Wald gehört längst ins Standard- Programm des Paars wie der Urlaub auf dem Bauernhof in Kärnten oder die Fahrten nach Südtirol in die Dolomiten. Reisen ist das Hobby, das sie verbindet.
Auf dem Handy von Ulrich Ratz sind offenbar Tausende von Bildern; er kann es kaum aus der Hand legen, als er von den Urlauben erzählt.

Blättert so gezielt darin nach bestimmten Fotos, dass es scheint, als habe er das Inhaltsverzeichnis der
Motive samt Aufnahmedaten im Kopf: Meran im Schnee, Meran im Sonnenschein, die Terrasse der Ferienwohnung, Hund Felix im See beim Schwimmen, Hund Felix macht Männchen am Geländer. Überhaupt geht es im Gespräch viel um Felix, „er ist wie unser Enkelkind“, sagt Birgit Ratz über den Beagle. Im Haus liegen auf sämtlichen Sofas, Eckbänken und dem Sessel Hundedecken mit aufgedruckten
Pfötchenabdrücken oder warme Felle.

Da ist klar, wer das Sagen hat – und vermutlich sogar über das Fernsehprogramm bestimmt. In die
Röhre zu gucken, ist immerhin eine Beschäftigung, die Felix liebt. Und weil er der Erste wäre, der unbekannten Besuch genauestens abchecken und erst dann sein Okay geben würde, verbringt er diesen Nachmittag vorsichtshalber im Zwinger – man kann ja nie wissen, wie jemand Fremdes reagiert, den Felix anspringt und abknutscht. Gemeinsame Kinder haben Ulrich und Birgit Ratz nicht. Weil die 61-Jährige ein orthopädisches Leiden plagt, hätten ihr Ärzte davon abgeraten, sagt sie. Ulrich Ratz hat aber ihren Sohn aus erster Ehe adoptiert.

„Der Sven war von Anfang an ganz begeistert von ihm“, denkt die Mutter zurück. „Er hat früher immer Ausschau nach ihm gehalten und gerufen: Onkel Uli kommt wieder.“ Passt. Und deswegen hat das Paar seit
vergangenem Jahr eben zwei Hochzeitstage. Die Pläne für die Silberhochzeit 2021 stehen schon halbwegs.
Dann soll die ganze Verwandtschaft zusammenkommen, wünscht sich Birgit Ratz. Dass ihre Mutter bereits
gestorben ist und die kirchliche Trauung nicht mehr miterleben konnte, macht die Themarerin noch
heute traurig. Sie kämpft mit den Tränen, als sie das Thema anschneidet.

Auf einem Schränkchen neben der Couch steht ein gerahmtes Bild ihrer Mutter. „Ich kann das nicht wegräumen“, sagt Birgit Ratz und es klingt ein wenig wie eine Entschuldigung. Zur Silberhochzeit, hofft sie, können Schwiegermutter, Onkel und Tante, alle im hohen Alter, nach Thüringen reisen. „Wer weiß, ob wir danach noch einmal so zusammenkommen.“ Dann fängt sie sich wieder. Klatscht sie mit der Hand auf den Oberschenkel ihres Mannes. „Mit uns ist das wie in dem Lied: Tausend Mal berührt. Der kam ja plötzlich und einfach so daher“, sagt sie. Und singt diese eine Zeile: „Und es hat Zoom gemacht.“

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Von Alexandra Paulfranz
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Veröffentlicht am:
09. 11. 2019
09:24 Uhr

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Autor

Von Alexandra Paulfranz

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Veröffentlicht am:
09. 11. 2019
09:24 Uhr



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