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Feuilleton

Von der Kultur des Zurückblätterns

Mit einer Verbeugung vor der Arbeit der Archivare, der Bitte, DDR-Geschichte nicht einseitig aus den Quelle n zu lesen und der Warnung vor den Tücken digitaler Stichwortsuche eröffnete der Historiker und Publizist Götz Aly am Dienstag den 89. Deutschen Archivtag in Suhl.



Zur Eröffnung des Archivtags verriet Götz Aly, "warum mich ein Archivbesuch glücklich macht". Foto: ari
Zur Eröffnung des Archivtags verriet Götz Aly, "warum mich ein Archivbesuch glücklich macht". Foto: ari  

Er beginnt, und das ist bemerkenswert für einen solchen Vortrag an einer solchen Stelle, mit einem einfachen Dank. "Ich bin Ihnen sehr dankbar", ruft Götz Aly den hunderten Archivaren und Historikern aus ganz Deutschland zu, die in dieser Woche zu ihrem 89. Verbandstag in Suhl zusammen kommen, "und deswegen bin ich heute hier". Dankbarkeit ist sein Motiv, zu einer Zunft zu sprechen, deren Dienste er als Geschichtswissenschaftler und Autor, wie er bei seinem Vortrag ausführt, immer wieder in Anspruch genommen hat.

Hintergrund

Im Deutschen Archivtag haben sich die deutschen Archive und Archivare zusammengeschlossen. Der jährliche Verbandstag und die Fachmesse Archivistica finden in diesem Jahr in Suhl statt. Es ist der 89. in der Geschichte des Verbands - der erste fand 1899 in Straßburg statt. Zwei Mal war Thüringen bereits Gastgeber der Archivare - 2008 in Erfurt und 1999 in Weimar.

 

In Thüringen gibt es rund 150 Archive, davon sechs Staatsarchive, die von der Landesregierung erst vor wenigen Jahren zum Thüringer Landesarchiv zusammengeführt wurden - Standorte ist u.a. Meiningen mit der Außenstelle Suhl.

 

Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff kündigte zur Beginn der Tagung an, dass die drei Thüringer Archiv-Standorte für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit in Gera, Erfurt in Suhl als Erinnerungs-Orte erhalten bleiben. Die Landesregierung wolle in einer möglichen nächsten Legislaturperiode dafür sorgen, dass alle frei werdenden Stellen in den Archiven wieder besetzt werden, kündigte Hoff an.

 

Eine Aura spüren

 

Für ihn sind Archive deshalb so wertvolle Orte, weil sie nicht nur Schriftstücke, sondern auch eine "Kultur des Zurückblätterns" bewahren. Und diese Kultur sieht Aly durch einen Zeitgeist gefährdet, der entweder geneigt ist, Geschichtsbilder einseitig aus den Quellen zu lesen, oder historische Forschung aus der Ferne mittels Stichwortsuche in digitalisierten Schriftstücken als gängige Methode etabliert. Wer wirklich etwas über den Geist der Zeit erfahren möchte, in dem etwas niedergeschrieben wurde, der müsse schon ins Archiv kommen, meint Aly. Für ihn entfaltet sich erst dort die Aura, die ein Historiker spüren sollte. Dazu gehöre es, in den Akten zu blättern, das Papier zwischen den Fingern zu halten, sich selbst sozusagen eine ganze Welt aufzublättern. "Das beste, was Archive leisten können, ist das Weltbild zu erweitern - oder zu erschüttern", sagt er in Suhl.

Manch einer mag den Heidelberger Historiker, der sich in seinen zum Teil kontrovers diskutierten Publikationen vor allem mit der NS-Diktatur und dem Antisemitismus beschäftigt hat, altmodisch nennen. Doch mit seiner Skepsis gegenüber selektiver Quellen-Rezeption trifft er einen wunden Punkt historischer Forschung. Götz Aly nennt ein Beispiel: Das Ringen um ein gültiges Geschichtsbild der DDR, das in den zurückliegenden Jahren deutlich durch von politischer Seite geforderte "Aufarbeitung" und von einseitiges Quellenstudium beeinflusst wurde. "Archive", sagt der Historiker in Suhl, "halten aber keine einfachen Weltbilder bereit." Genauso wenig sollten Historiker heutige Maßstäbe an die Zeit anlegen, die sie aus den Quellen erschließen wollen.

Geschichte der DDR etwa dürfe perspektivisch nicht alleine auf Geschichte der SED, des Politbüros oder der Stasi verengt werden. Für ihn sei es ein Skandal, wenn Reisebusse zur ehemaligen Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße fahren, wo den ausströmenden Besuchern dann anhand der Erkenntnisse aus den Stasi-Akten ein Geschichtsbild errichtet werden soll, das darauf abziele, die DDR im Nachhinein zu beurteilen und zu verurteilen. Solche Sätze dürften bei Mitarbeitern von Stasi-Unterlagenarchiven, die sich in der Rolle von Geschichtsschreibern sehen, nicht gut ankommen.

Götz Aly plädiert dafür, die vielfältige Lebenswirklichkeit der DDR-Gesellschaft auf möglichst breiter Quellenbasis abzubilden und zu diskutieren. Die Archive als Erinnerungsträger für DDR-Geschichte sieht er dabei in der Pflicht. Sie würden letztendlich darüber entscheiden, welches Schriftgut aufbewahrt werde und welches nicht. Archive sollten sich auch nicht scheuen, Gegensätzliches zu sammeln: "Für mich ist der Nachlass von Egon Krenz genauso wichtig wie der von Wolfgang Schäuble. Und der eines 1991 gekündigten DDR-Professors genauso wie der eines Professors im Westen", sagt Aly. Aufgabe der Archive sei es, "sich in andere Welten hineindenken zu können." Nicht die Perspektive des Lesenden heute ist für ihn entscheidend, sondern die des Schreibenden damals. So werde deutlich: "Konflikte und Meinungen wiederholen sich im Lauf der Geschichte - unter jeweils anderer Maskerade."

Wie wichtig es ist, auch scheinbar Unwichtiges zu sammeln, schildert Götz Aly anhand der Recherche für sein Buch Marion Samuel. Das jüdische Mädchen wurde 1943 im Alter von elf Jahren im KZ ermordet. "Über sie fand ich nichts", erzählt Aly. Nichts außer einer kleinen Karteikarte im Bundesarchiv, auf der sie in einer Berliner Grundschule registriert wurde, weil sie Jüdin war. Dieser Hinweis war der Schlüssel, um die Lebensgeschichte zu finden. "Die Karte", sagt Aly, sei zwar aus rassistischen Gründen angelegt worden, aber ist sie nicht dennoch eine einmalige Quelle?

Ähnlich wertschätzend blickt er auf die Archive der DDR-Betriebe: "Bewahren Sie das auf, das ist etwas Besonderes, im Westen gibt es nichts Vergleichbares", fordert er in Suhl. Das gleiche gelte für nach der Wende geächtete Berufe oder Ausbildungsmethoden. Beispiel des Historikers: Der Beruf des Krippenerziehers, der 1991 abgewickelt worden sei - nebst dem pädagogischem Institut in Leipzig. "Die DDR", so Aly, "hatte zu diesem Thema Wertvolleres zu sagen als der Westen." Seine Forderung: Auch, was die Politik dem Müllhaufen der Geschichte überantwortet hat,sollten Archive bewahren. Die Archivare hätten dabei nicht zu beurteilen, was gut und was schlecht, sondern alleine was gleichbedeutend ist. Anderes Beispiel: Das Züchtigungsverbot für Kinder: In der DDR per Gesetz bereits 1952 verboten, in Bayern entsprach die Landesregierung 1972 einer Bitte von Pädagogen. "Diese Unterschiede", sagt Götz Aly, müsse man unabhängig von ihrer politischen Bewertung bewahren.

Skepsis bei Stichworten

Sein Imperativ an die Archivare für die Zukunft: "Bewahren und Verteidigen Sie das Provenienzprinzip!" Archive ordnen ihre Schriftstücke in der Regel nach Herkunft und Entstehungszusammenhang - noch. Götz sieht darin die einzige Möglichkeit, beim Quellen-Studium Zusammenhänge zu erfassen und zu untersuchen. Das ist oft mühevoll. Wer, was immer populärer wird, nach Stichworten in der immer größer werdenden Menge an digitalisierten Schriftstücken sucht, wird oft schneller fündig - aber bleibe gewissermaßen ein Fremder, der sein Urteil von außen fällt.

 

Der Historiker, Publizist und Politikwissenschaftler Götz Aly hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Gesellschaft in der NS-Zeit und dem Antisemitismus vorgelegt. Populärstes Werk ist der 2005 erschienene Titel "Hitlers Volksstaat".

Autor

Peter Lauterbach
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
18. 09. 2019
13:52 Uhr

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Autor

Peter Lauterbach

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Veröffentlicht am:
18. 09. 2019
13:52 Uhr



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