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Feuilleton

Vom DDR-Konsum und einem Spleen zur Zeitreise

"Da müsst ihr mal in den DDR-Konsum nach Themar", riet eine Bekannte. Guter Tipp! Auf der Suche nach Fotos von Butter-Bechern und Senf-Töpfen aus volkseigener Produktion für unser Konsummarken-Buch wurden wir fündig im kleinen Museum von Johannes Bettak.



Johannes Bettak in seinem "Ostalgie-Konsum" in Themar.
Johannes Bettak in seinem "Ostalgie-Konsum" in Themar.   Foto: Krug

Ernst-Thälmann-Straße - das ist natürlich purer Zufall. Den Hamburger Arbeiterführer hat das heute vielleicht etwas unscheinbare Haus in der Themaraner Altstadt ein paar Jährchen voraus. Schon 1867 gründete hier ein gewisser Ludwig Carl einen Kolonialwaren-Laden. Da war Ernst Thälmann noch Quark im Schaufenster, wie es so schön heißt. Und die anderen Genossen, die ihn dann mit einem Straßen-Namen ehrten, würden sich nichts aus der Kolonialwaren-Tradition machen. Wohl schon aus den Geschäftsräumen im Erdgeschoss. Hier gab es Platz für einen Konsum. Butter, Milch, Eier - was man eben so brauchte, auf dem Land. Bis der Kapitalismus den Konsum verjagte und ein Quelle-Geschäft zeitigte. Aber auch das geriet in die Mühlen der Geschichte und wurde - Ironie derselben - zum DDR-Museum. Über die schöne, neue Warenwelt obsiegt seit drei Jahren die alte: Der "Ostalgie-Konsum" schmückt die Ernst-Thälmann-Straße: Seit dem 1. Mai 2016 schließt ihn Johannes Bettak hin und wieder als privates Museum auf.

"Trink Fix" und "Nudossi"

"Im Grunde", sagt der 38-jährige Themaraner, "ist das ein Spleen von mir". Mit den Erträgen seiner Leidenschaft, oder besser, Sammelwut, könnte Johannes Bettak inzwischen wohl problemlos einen ganzen Lkw füllen - wenn das reicht. Hinter der Ladentüre seines Konsums eröffnet sich dem Besucher eine Warenwelt, die wohl selbst manchem Funktionär einst die Augen getrübt hätte: Nicht nur Bückware in Form des bulgarischen Rotweins "Rosenthaler Kadarka", auch Baby-Nahrung, weißer Kohlenanzünder, "Trink-Fix"-Dosen, Back-Oblaten oder "Nudossi"-Becher finden sich dort. Alle verfügbaren Regale sind randvoll gestopft mit den Dingen von einst. Gezählt hat er nicht, aber insgesamt mögen es mehrere Tausend "Konsumgüter" sein, die Bettak mit den Jahren zusammengetragen hat. Sein Fundus reicht von Getränken aller Art über Nahrungsmittel, Schreibwaren, Chemie und Kosmetik, Spielzeug, Elektrogeräten, Küchen- und Haushalts-Gegenständen bis hin zu Papiertüten.

Ostpakete zu gewinnen

Wir suchen Ihre Erinnerungen! Haben Sie Fotos vom Handel zu DDR-Zeiten, aus Konsum, HO oder Centrum-Warenhaus - wir freuen uns darüber. Und sind gespannt auf Ihre Erinnerungen an das ein oder andere Ostprodukt. Was funktioniert nach wie vor bei Ihnen Zuhause? Was vermissen Sie, was die volkseigene Produktion einst zeitigte? Unter allen Einsendern verlosen wir "Konsummarken"-Bände und weitere wertvolle Preise. Schreiben Sie an die Redaktion Ihrer Heimatzeitung, Schützenstraße 2, 98527 Suhl, Feuilleton (Konsummarken) oder per Mail an konsummarken@insuedthueringen.de

Sogar einen waschechten FDJ-ler hat der Themaraner mit Blauhemd und DDR-Jeans eingekleidet, Büro-Schreibmaschine, Konsum-Waage, Registrierkasse aufgestellt, alte Schilder und Urkunden an die Wände gehängt. Für ihn, der gerade acht Jahre alt war als die DDR aus der Geschichte fiel, muss diese Sammelleidenschaft eine Art never ending Entdeckungstour sein. Denn es ist ja ein alter Hut, dass Sammler, wenn sie denn wirklich von der Leidenschaft gepackt sind, niemals aufhören können. Sie sind ihr verfallen. Johannes Bettak scheint dieser Überwältigung ergeben. "Schon mein Vater Detlef hat angefangen, zu sammeln", berichtet er. Mit einem Unterschied: Was er auf Tauschbörsen oder im Internet aus einstiger volkseigener Produktion erspäht, was ihm Leute ins Haus schleppen oder was ihm zufällig bei Wohnungsauflösungen in die Hände fällt, ist für die meisten Besucher seines kleinen Museums keine Entdeckung, sondern eine Wiederentdeckung.

Für alle aber ist es eine Zeitreise: Kindergartenkinder und Schüler stehen staunend bis skeptisch, hin und wieder sogar schaudernd vor seinen Schätzen. Die älteren, aus der Erlebnisgeneration, mit liebevollem Blick. Nicht mehr und nicht weniger als ein Stück Heimat hat Johannes Bettak hier aufgehoben. Und an die erinnern sich gar nicht so wenige immer wieder gerne. "Manche werden hier glücklich", sagt er und erzählt von illustren Gruppen aus dem Seniorenheim. Selbst sieht er sich dabei nicht als Museumsdirektor und seinen Konsum zu systematischer Präsentation oder irgendwelcher Aufarbeitung verpflichtet. "Schön, dass du das machst", würden ihm die Menschen immer wieder sagen. Das genügt ihm.

"Wir hatten ja nüscht" - diese Legende stimmt natürlich so nicht. Sie ist eher ein Gefühl. In der DDR gab es nahezu alles - nur nicht immer und an jedem Ort. Von manchen Dingen wurde einfach viel zu wenig hergestellt. Der "Ostalgie-Konsum" beweist: Auch der Arbeiter- und Bauern-Staat war eine üppige Konsum-Gesellschaft. Und zwischen Rostock und Ummerstadt gab es so viel, dass es für einen Sammler unmöglich ist, alles zusammenzutragen. Johannes Bettak hat sich daher auf Lebensmittel spezialisiert. Mit TV- oder Radiogeräten, Möbel oder Fahrzeugteilen hat er wenig am Hut. Auch Zeitschriften, Bücher oder Bekleidung interessieren ihn nicht. Dafür hat er echte Raritäten aus der erstaunlich bunten Warenwelt zwischen Brausepulver, Margarine-Becher oder Dosen-Konserve.

Alles originalverpackt

Rahmbutter-Schachteln? Kein Problem für Johannes Bettak. Auch Senfbecher (die weißen, mit der in den Deckel eingestanzten Schrift) und Margarine-Dosen hat er, Würfelzucker, Milchpulver, Fisch und Wurst in Büchsen, alkoholische Getränke aller Art bis hin zum "Kumpeltod", Bier und Limonade, Pudding und Kaffee, Pflanzenöl, Mehl, Filtertüten, Brühwürze, Essig und Konserven. Verderbliches wie Butter findet sich natürlich nicht in den Regalen. Aber mit originaler Butter-Verpackung und Styropor hat der Themaraner Butterstückchen nachgebastelt. Sieht aus wie echt.

Das meiste andere seiner Lebensmittel aber ist noch originalabgefüllt und originalverpackt. "Ich gebe selten etwas weg an andere Sammler", sagt er. Nur wenn er etwas mehrfach besitzt, tauscht oder verkauft er. Manches - etwa Diät-Nahrung in Gläsern - gilt als absolute Rarität. Auch Hustensaft aus DDR-Produktion ist heute scheinbar so selten wie eine Blaue Mauritius. Bei "Fagusan" muss selbst Johannes Bettak passen - DDR-Medikamente sind eine Leidenschaft und ein Sammelgebiet für sich. Aber wie viel sind solche Dinge heute bei Sammlern überhaupt wert? Johannes Bettak will sich da nicht festlegen. Man könne ja mal bei ebay nachschauen, sagt er ausweichend. Wer das tut, merkt schnell: DDR-Konsumgüter sind längst keine Billigprodukte mehr.

Das Gefühl für den Handel scheint dem jungen Mann in die Wiege gelegt: Ludwig Carl, der Urgroßvater seiner Mutter Anne, eröffnete das erwähnte Kolonialwarengeschäft, das auch mit Futtermitteln handelte und Mineralwasser auf Flaschen zog. Seine Großeltern funktionierten das Geschäft in den Zwanzigerjahren zum Lebensmittelladen um. Nach dem Krieg zog die Konsumgenossenschaft ein: Der "Schul-Konsum" war eines von mehreren Konsum-Geschäften in Themar. Als die Wende kam und das Ende des kleinen Lebensmittelladens absehbar war, dauerte es nicht lange, bis Anne Bettak im August 1990 eine Quelle-Agentur eröffnete. Damit blieb sie über 25 Jahre in Themar im Geschäft - bis der Internethandel die kleinen Bestell-Agenturen obsolet machte. Ein paar Jahre stand der Laden leer - nun ist er Museum. Und wieder scheint es, als hätte die Familie aus dem Haus in der Ernst-Thälmann-Straße 36 einen Nerv der Zeit getroffen: Kolonialwaren sind schon lange nicht mehr gefragt, auch keine Eier, Milchflaschen oder Quelle-Waschmaschinen. Nun sind Erinnerungen etwas wert. Johannes Bettak handelt nicht mit ihnen. Aber er freut sich darüber, wenn sie bei den Besuchern Wertschätzung finden.

Lesen Sie dazu auch: Post von unseren Lesern

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Peter Lauterbach
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Veröffentlicht am:
17. 07. 2019
13:28 Uhr

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Peter Lauterbach

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Veröffentlicht am:
17. 07. 2019
13:28 Uhr



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