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Feuilleton

Veränderter Blick auf Emil Nolde

Jahrelange Forschungen zur Haltung des Malers während des Nationalsozialismus räumen mit der Legende des widerständigen Künstlers auf. Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof Berlin belegt das eindrücklich.



Auf die Bilder Emil Noldes richten sich momentan viele Blicke: In der Berliner Ausstellung sind u.a. die Werke "Pfingsten (l)" und "Sechs Herren" zu sehen. Foto: Britta Pedersen/dpa
Auf die Bilder Emil Noldes richten sich momentan viele Blicke: In der Berliner Ausstellung sind u.a. die Werke "Pfingsten (l)" und "Sechs Herren" zu sehen. Foto: Britta Pedersen/dpa  

Zu einer stürmischen Böe im feuilletonistischen Wasserglas ballte sich kürzlich die Meldung auf, Bundeskanzlerin Angela Merkel wolle zwei Gemälde des expressionistischen Malers Emil Nolde (1867-1956) nicht länger in ihrem Arbeitszimmer im Kanzleramt hängen haben. Als Grund wurden Noldes entschiedene Parteinahme für den Nationalsozialismus und dessen ausgeprägter Antisemitismus genannt. Was zunächst klingt, wie eine verspätete Reaktion auf lange bekannte Tatsachen, erweist sich im Licht der gerade in Berlin eröffneten Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus" als nachvollziehbarer Schritt. Denn die in der Ausstellung präsentierten Ergebnisse eines mehrere Jahre währenden Forschungsprojekts geben vielfältigen Anlass, Leben und Werk des Künstlers aus einer veränderten Perspektive wahrzunehmen und zu bewerten.

Eigene Legendebildung

Nolde gilt als der berühmteste "entartete Künstler" in der Zeit des Nationalsozialismus. Denn von keinem anderen Maler wurden vergleichbar viele Werke in der diffamierenden Propagandaausstellung von 1937/38 gezeigt. Dieser Umstand hat in den Jahrzehnten nach 1945 zur Legende eines "sich gegen alle Widerstände durchkämpfenden, ‚widerständigen’ Künstlers während des Nationalsozialismus" geführt, schreiben die Kuratoren Aya Soika und Bernhard Funke im Vorwort des Katalogs. Daraus habe sich eine "kollektive Erbauungsgeschichte" entwickelt, "die es erlaubte, Noldes Bilder in eine Projektionsfläche individueller und gesellschaftlicher Sehnsüchte zu verwandeln." Wie die Kunsthistorikerin und der Historiker in ihren jahrelangen Archivstudien feststellten, war es Nolde maßgeblich selbst, der an der Legendenbildung und Selbststilisierung eines lange Zeit verkannten Künstlers mitwirkte.

Um Noldes Identifikation mit dem nationalsozialistischen Führerkult und seine ausgeprägte Abneigung gegen eine vermeintlich jüdisch dominierte Kunstwelt samt der dazugehörigen Presse zu verstehen, führen die beiden Forscher viele Indizien aus Noldes Biografie lange vor 1933 heran. Seit seinen Anfängen als unbekannter Maler noch vor dem Ersten Weltkrieg sieht sich Nolde als ein von der großen Mehrheit nicht verstandenes Genie, das sich gegen ungerechtfertige Anfeindungen behaupten muss. In dieser Sicht wird er vor allem von seiner Frau Ada bekräftigt, für die der Kampf um das künstlerische Ansehen ihres Mannes zu einem regelrechten Glaubensfeldzug wird. Zahlreiche Belege aus Briefen, Tagebucheinträgen oder den beiden Anfang der 1930er Jahre veröffentlichten autobiographischen Werke Noldes führen vor Augen, wie sich der Künstler, seine Frau und die Schar der Bewunderer gegen die scheinbare Blindheit der Allgemeinheit zusammenschließen. Für die Nolde-Jünger wird die Begegnung mit seinen Gemälden zu einem Erweckungserlebnis, das durchaus mit den religiösen Motiven seiner frühen Arbeiten korrespondiert.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernehmen, hält Nolde seine Zeit endlich für gekommen. Schließlich versteht er sich selbst als Vorkämpfer einer rein "deutschen" Kunst, der sich klar gegen die "in allen Künsten herrschende jüdische Macht" abgrenzt. Unter führenden Repräsentanten des NS-Regimes genießt Nolde große Bewunderung, die Anerkennung als "Staatskünstler" einer nordischen, mythischen Kunstrichtung scheint unausweichlich. Doch es setzt sich im NS-Staat die völkisch-reaktionäre Kunstauffassung durch, die in Nolde einen Exponenten der "Entartung" sieht. Die Aufnahme in die verhöhnende Ausstellung der Nazis wie auch das 1941 ausgesprochene Berufsverbot treffen den Künstler schwer und tragen abermals zu seinem Selbstverständnis des verkannten Genies bei. In der Abgeschiedenheit seines Wohnateliers an der dänischen Grenze in Seebüll bleibt Nolde jedoch künstlerisch aktiv und kommerziell erfolgreich. Bis zum Kriegsende hält er an der Unterstützung der nationalsozialistischen Kriegsführung fest.

Eindeutige Recherchen

In den Jahren nach 1945 trägt zunächst Nolde selbst, nach seinem Tod dann die von ihm testamentarisch eingerichtete Stiftung in Seebüll entscheidend zur Legendenbildung um seine Person und insbesondere um seine Rolle während des Nationalsozialismus bei. Gezielte Ergänzungen und Auslassungen führen dazu, dass Nolde zur Identifikationsfigur des kulturellen Wiederaufbaus und einer "guten" Moderne wird. Dieses Bild lässt sich nun nicht weiter aufrecht erhalten. Dafür sind die vielen in der Ausstellung zusammengetragenen Fundstücke, die auch dem erstmalig uneingeschränkten Zugang zu den Archiven in Seebüll entstammen, zu eindeutig: Die Ablehnung seiner Werke durch den NS-Staat führte keineswegs zu Noldes Absage gegen das NS-Regime.

In der Konsequenz wirft diese Ausstellung natürlich auch die Frage auf, ob Noldes Arbeiten während der NS-Zeit neu zu sehen und zu bewerten sind. Inwieweit korrespondierten seine wenig bekannten Darstellungen mythischer Opferszenen oder nordischer Menschen aus den späten 1930er und frühen 1940er Jahren mit seinen Sympathien für die nationalsozialistische Ideologie? Und sind womöglich auch die "ungemalten Bilder" Noldes während der Kriegszeit nichts anderes als ein Mythos des im Verborgenen weiterarbeitenden Künstlers? Die Ausstellung gibt auf diese Fragen keine Antworten. Aber sie sorgt dafür, dass sich die Besucher der Figur Noldes und auch seiner Kunst mit einem geweiteten Blick nähern. Denn am Ende kann man eine künstlerische Arbeit nicht vollständig von ihrem Schöpfer trennen.

 

"Emil Nolde. Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus". Bis 15. September im Hamburger Bahnhof Berlin, www.emilnoldeinberlin.de

Autor

Klaus Grimberg
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 04. 2019
00:00 Uhr

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Klaus Grimberg

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