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Theater im Wohnzimmer

Vorhang zu und alle Fragen offen? Aber woher denn! Im Theater geht noch was. Im Rudolstädter jedenfalls: Es spielt seit Dienstag im Internet - zur Freude seines Publikums.



Steffen Mensching Foto (Archiv): ari
Steffen Mensching Foto (Archiv): ari  

Ob dem großen Bert Brecht je ein Virus als, nun ja, Weltenrichter in den Sinn kam - daran darf man getrost zweifeln. Doch schön hat er eine Befindlichkeit dieser Tage einst im guten Menschen von Sezuan aufgeschrieben: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen: Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Denn ungefähr so müssen sich Theaterleute gerade fühlen. Vom Publikum mal ganz zu schweigen. Aber einfach nichts tun ist halt auch keine Lösung. Finden die findigen Theaterleute an der Saal.

Während alle Theater hierzulande in diesen Tagen wegen der Corona-Pandemie geschlossen bleiben müssen, weichen manche Häuser mit ihrer Kunst ins Internet aus. Auch das Landestheater Rudolstadt nutzt das zumindest an biologischen Viren freie World Wide Web neue Spielwiese. Auf der eigenen Webseite zeigt es seit Dienstagabend, passend zum Beethoven-Jahr, einen kompletten und professionell angefertigten Mitschnitt der Inszenierung "Die Schicksalssinfonie" aus der Feder von Intendant Steffen Mensching und Oberspielleiter Michael Kliefert. Und trifft damit promt einen Nerv beim zu Hause sitzenden Publikum: "Unser Angebot wird erstaunlich gut angenommen", sagt Theater-Sprecherin Friedericke Lüdde. Seit das Video online steht, wurde es schon über 300 Mal abgerufen. Das Theater sei selbst über diese hohen Zugriffzahlen überrascht. Und will nun nachlegen.

Videos von Inszenierungen ins Netz zu stellen, ist nicht immer ganz einfach: In der Regel handelt es sich um urheberrechtlich geschützte Werke, für die Theater bei Musik- oder Theaterverlagen die Aufführungsrechte für die Bühne erwerben müssen. Mitunter sind für jeden Zuschauer, der ein Ticket erwirbt, Tantiemen fällig. Besonders für Musical-Inszenierungen ist das oft heikel. Soll ein Video-Mitschnitt gar veröffentlicht werden, muss sich das Theater dafür die Rechte besorgen - und zahlen. Bei der "Schicksalssinfonie" ist das kein Problem: Die beiden Text-Autoren und Rechte-Inhaber sind ja im eigenen Haus. Als Orchester-Schauspiel-Projekt machte das Stück bei seiner Uraufführung 2010 Furore und schaffte es bis ins Berliner Maxim Gorki Theater.

Nach und nach will das Rudolstädter Landestheater nun weitere Audio- und Filmbeiträge von Schauspielern, Musikern der Thüringer Symphoniker und anderen Theatermitarbeitern in die Mediathek geben. Kafkas "Der Prozess", der im Januar 2019 Premiere hatte, ist seit gestern Abend auf der Homepage verfügbar. Die Videos sollen den Austausch mit dem Publikum auf unterhaltsame Art und Weise nicht abreißen lassen, genauso aber auch die momentane Situation widerspiegeln, sagt Friedericke Lüdde.

Intendant Steffen Mensching ist wohl einer der Antreiber dieser ungewöhnlichen Art der Kommunikation zwischen Theater und Publikum. "Warum tun wir dies?", fragt der Intendant. Und antwortet sich selbst: "Weil wir nach einer sinnvollen Beschäftigung für uns suchen, weil wir den Zuschauern etwas bieten wollen, das sie vielleicht für ein paar Augenblicke aus der Corona-Isolation reißt." Wobei es Steffen Mensching wohl vor allem zum die geistige Isolation geht, um die Monotonie des täglichen Nachrichtenstroms. "Es gab ein Leben vor Corona, es wird ein Leben mit Corona geben und - davon bin ich überzeugt - auch ein leben nach Corona."

Oberspielleiter Michael Kliefert gilt nicht als großer Freund von Theaterstreaming. "In dieser unfreiwilligen Auszeit kann so ein Ersatzangebot für einige ein schöner Erinnerungsvorgang, ein Stück Normalität sein. Für andere ist es eine überraschende Möglichkeit, eine Inszenierung, die verpasst wurde, auf dem Bildschirm zu sehen", meint Kliefert. Theater sei und bleibe aber eine Raumkunst, im Kern flüchtig und vergänglich, trotz aller digitaler Konserven. "Vielleicht", glaubt der Rudolstädter Oberspielleiter, "wird genau das dadurch noch spürbarer." Wichtig seien jetzt nicht tausende Streams und Mutmachervideos in sozialen Netzwerken, sondern Besonnenheit und Taten, die nützlich sind. Klieferts Gedanken gehen bereits darüber hinaus und zielen auf das große Ganze: "Die Welt ist krank - sind wir als Zivilisation im Angesicht dieser globalen Krise lernfähig?" Schwer vorstellbar, dass genau dies kein Thema für das Rudolstädter Landestheater nach der Krise wäre.

 

www.theater-rudolstadt.de

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Peter Lauterbach
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Veröffentlicht am:
27. 03. 2020
00:00 Uhr

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Peter Lauterbach

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Veröffentlicht am:
27. 03. 2020
00:00 Uhr



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