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In Zeiten wie diesen

Mundschutz in Heimarbeit

Für einen Moment - ich gebe es ehrlich zu - musste ich schmunzeln: Der Sonneberger Bürgermeister Heiko Voigt spornt seine Bürger zu einem Gemeinschaftswerk an.



Für einen Moment - ich gebe es ehrlich zu - musste ich schmunzeln: Der Sonneberger Bürgermeister Heiko Voigt spornt seine Bürger zu einem Gemeinschaftswerk an. 25.000 Mundschützer sollen kleine Firmen und "jeder, der zu Hause eine Nähmaschine hat" für sich und andere nähen. Ziel sei, mit selbst geschneiderten Mund-Nasen-Schutz die Ausbreitung des Corona-Virus in der Spielzeugstadt zu verlangsamen. Die Stadtverwaltung stellt nicht nur ein Schnittmuster zur Verfügung, sondern bietet sogar an, die in Heimarbeit gefertigten Teile "mit Hygienespüler" zu waschen und an ältere Mitbürger zu verschicken.

Ganz schön pfiffig - in Zeiten wie diesen. Freilich macht sich auch Voigt über die Wirksamkeit solcher Mundschützer aus medizinischer Sicht keine Illusion. Aber sie beruhigen angesichts der Angst vor dem Virus, und vielleicht schützen sie wirklich ein bisschen. Die Idee kommt natürlich nicht von ungefähr, sondern aus blanker Not. Mundschützer sind Mangelware. Sechs Millionen Stück einer größeren Bestellung, die von der Bundesrepublik für hiesige Krankenhäuser und Arztpraxen ausgelöst wurde, sind auf einem Flughafen in Kenia irgendwie verschwunden. Keine Ahnung, von wem solche Teile wo gefertigt werden, hierzulande ja offenbar nicht. Auch wenn sie ein Schuldiger finden ließe - dem Bürger hilft das auch nicht weiter. Dem bleibt, wie einst gelernt, nur die Kunst der Improvisation.

Die blanke Not beim Schutz der Gesundheit grub sich schon früh in mein Gedächtnis ein: Der einzige Mundschützer, den ich in meinem Leben bislang basteln sollte, bestand aus einem hellbraunen Damenstrumpf und mehreren Papiertaschentüchern. Im Zuge einer Zivilverteidigungsübung mussten wir in der achten Klasse in der Schule eine atomschlagsichere Atemmaske herstellen. Und weil ich natürlich sowohl das Bastelmaterial als auch die Schere zu Hause vergessen hatte, wurde ich als einziger vom Klassenlehrer mit den Worten: "Und hier haben wie einen Ungeschützten!" gebrandmarkt. Alle hatten ihre Masken um und sahen mich mit großen Augen an. Ich wäre im Ernstfall voll verstrahlt worden.

Doch der Virus ist kein Isotop. Und die Sonneberger Aktion auch ein ganz ernsthafter Versuch, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange dazusitzen. Es stärkt zudem das Gefühl, auf sich und andere aufzupassen. Schon deshalb würde ich, wäre ich Sonneberger, wohl freiwillig mitmachen. Und weil ich nicht nähen kann, den Stoff zuschneiden.

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Veröffentlicht am:
25. 03. 2020
00:00 Uhr

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25. 03. 2020
00:00 Uhr



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