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Feuilleton

"Lenin lebt" - als Denkmal aus DDR-Zeiten

Einst Ikone, dann vom Sockel gehoben: Nach der Wende waren Lenin-Denkmäler nicht mehr gefragt. Doch einige gibt es noch.



Das lenin-Denkmal in Wünsdorf vor dem Haus der Offiziere des ehemaligen russischen Militärgeländes. Foto: Pleul/dpa
Das lenin-Denkmal in Wünsdorf vor dem Haus der Offiziere des ehemaligen russischen Militärgeländes. Foto: Pleul/dpa  

Nach heftigem Streit und Protest steht er nun da: Der gusseiserne russische Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924). Kürzlich aufs Podest gehoben in Gelsenkirchen von der linksextremistischen Partei MLPD, gegen den Willen der Stadt in Nordrhein-Westfalen. Es ist das wohl einzige Lenin-Denkmal im Westen Deutschlands. In Ostdeutschland hingegen haben mehrere Dutzend Lenin-Monumente aus DDR-Zeiten überdauert, wie aus dem jetzt erschienenen Buch "Lenin lebt" hervorgeht.

Etliche der sozialistisch geprägten Monumente seien nach dem Mauerfall abgeräumt worden. Was heute noch steht, hat der portugiesische Autor Carlos Gomes in Bild und Text dokumentiert. Die fast vergessenen oder vernachlässigten Denkmäler seien authentische Objekte und Zeugnisse deutsch-deutscher Geschichte, schreibt er. Es habe nach 1989 keine "großen Denkmalstürze" durch die Bevölkerung gegeben, aber ideologische Konflikte beim Umgang mit den Denkmälern. Es sei eine Politik mit der Brechstange gewesen, mit der Geschichte entsorgt worden sei. Für seine Dokumentation durchstreifte der Autor das frühere Hauptquartier der Sowjetarmee im brandenburgischen Wünsdorf und suchte auch in Städten, Museen und im Wald nach Denkmälern für den Gründer der Sowjetunion. Die Funde seien "fassbare Geschichte", meint Gomes, der in Berlin lebt.

Der Autor verweist auch darauf, dass es in Westdeutschland doch schon einmal eine Erinnerung an den einstigen Führer der internationalen Arbeiterbewegung gab. Zwei Jahre lang, von 1968 bis 1970, habe in München eine Bronzetafel an den Aufenthalt Lenins in der Stadt erinnert. Die Tafel an seinem ersten Münchener Wohnsitz im Jahr 1900 sei jedoch nach zwei Sprengstoffanschlägen abmontiert worden.

Ein- und ausgebuddelt

Nach Gründung der DDR 1949 ließ die SED-Führung massenweise den Anführer der sozialistischen Oktoberrevolution von 1917 auf den Sockel heben. Höhepunkt sei der 100. Lenin-Geburtstag gewesen, so der Autor. Im April 1970 wurde der größte DDR-Lenin in Ost-Berlin mit viel Pomp aufgestellt.

Das 19 Meter hohe Monument des sowjetischen Bildhauers Nikolai Tomski wurde nach dem Mauerfall und erbitterten Kontroversen zerlegt und am Stadtrand verbuddelt. In dem Film "Good Bye, Lenin!" war zu sehen, wie die nachgebaute Statue davonschwebte - ein Symbol für den Untergang der DDR. Mehr als zwei Jahrzehnte später kam zumindest der freigelegte, tonnenschwere Granitschädel in eine Dauer-Ausstellung in der Zitadelle in Berlin-Spandau.

Ins Museum schaffte es auch ein bronzenes Standbild aus Eisleben. Das Monument sei zunächst von der Wehrmacht als Kriegsbeute aus der Sowjetunion abtransportiert worden. Doch das mehr als drei Meter hohe Bildnis sei zu groß für den Schmelzofen gewesen. Nach 1945 sei Lenin dann auf dem Rathausplatz platziert worden. 1991 verlieh ihn die Stadt an das Deutsche Historische Museum in Berlin. Eine Rückkehr nach Eisleben sei nicht auszuschließen, so Gomes.

Bis heute streiten Historiker darüber, ob Lenin ein Diktator war. "Er hat den roten Terror und die diktatorischen Maßnahmen zumindest in der revolutionären Ausnahmesituation unterstützt", meinte der Berliner Philosoph Andreas Arndt. Für ihn ist aber fraglich, ob Lenin, hätte er länger gelebt und den sozialistischen Staat aufgebaut, dauerhaft auf ein System der Unterdrückung gesetzt hätte.

In Staaten der früheren Sowjetunion gibt es bis heute Tausende von Denkmälern für den Revolutionär. Die Popularität Lenins erklärt sich mit dessen Wesenszügen. "Selbst seine erbittertsten politischen Gegner erkannten seine persönliche Bescheidenheit an, dass er bei allem Selbstbewusstsein ohne Allüren war" - so Arndt anlässlich des 150. Lenin-Geburtstages. Dieser habe keine der Privilegien seines Amtes ausgenutzt.

Ob in Weimar, Halle, Wittstock, Sassnitz oder Riesa - in allen ostdeutschen Bundesländern ist Lenin nicht ganz verschwunden, steht aber meist nicht mehr am ursprünglichen Platz, wie Autor Gomes zeigt. So ist in Gera ein nachdenklicher, sitzender Lenin nach Jahren in einer Lagerhalle im Hinterhof einer Gaststätte gelandet. Er sei zu besichtigen, wenn das Lokal geöffnet ist, heißt es im Buch.

Autor

Jutta Schütz
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
01. 07. 2020
19:01 Uhr

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Jutta Schütz

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01. 07. 2020
19:01 Uhr



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