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In der DDR geboren, im vereinten Deutschland ein Star

Ohne den Mauerfall wäre die heutige Unterhaltungsbranche um einiges ärmer. Ein Blick auf die Biografien vieler Stars und vor allem prominenter Schauspieler der Bundesrepublik offenbart eine DDR-Herkunft.



TV-Stars aus dem Osten - Jan Josef Liefers
Jan Josef Liefers (r), Schauspieler, steht im Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds Berlin neben der Wachsfigur seiner Tatort-Rolle Prof. Karl-Friedrich Boerne.   Foto: Christoph Soeder

Ausgerechnet im ausgesprochen westdeutschen Münster, der katholisch geprägten Universitätsstadt in Westfalen, gehört Jan Josef Liefers zum «Tatort»-Team. Geboren wurde der Schauspieler vor 55 Jahren auf der ganz anderen Seite der Republik, in Dresden, in einem Land, das es heute nicht mehr gibt: in der DDR. Liefers gehört heute zu den beliebtesten TV-Promis. Und es fällt 30 Jahre nach dem Mauerfall auf, dass viele von Deutschlands populärsten Film- und Fernsehstars aus dem Osten kommen.

Eine gängige These lautet, dass Deutschlands Politik und Wirtschaft von Wessis dominiert würden. Als Gegenentwurf dazu ließe sich die These aufstellen, dass viele der bekanntesten Gesichter und Stimmen der Unterhaltungsbranche aus dem Osten Deutschlands stammen.

Es geht hier nicht um ausgebürgerte oder übergesiedelte Promis wie Manfred Krug, Winfried Glatzeder und Nina Hagen und auch nicht um die früheren Stars des DFF, des staatlichen DDR-Fernsehens, also Leute wie Wolfgang Lippert, Karsten Speck und Gunther Emmerlich, die mehr oder weniger auch Karriere im wiedervereinigten Deutschland machten.

Die Rede soll hier sein von Menschen, die ihre ersten Jahrzehnte oder auch nur Kinderjahre in der DDR erlebten und nach der Wende und Wiedervereinigung gesamtdeutsch oder gar international durchstarteten. In der Musikbranche gehören dazu die Musiker von Rammstein, Tim Bendzko, der Rapper Sido und die Magdeburger Zwillinge Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel, bei den Fernsehmoderatorinnen und -moderatoren Inka Bause, Carmen Nebel und Kai Pflaume.

Eine Liste von bekannten ostdeutschen Schauspielerinnen und Schauspielern gerät rasch sehr lang: Neben Jan Josef Liefers gehören auch dessen Frau Anna Loos sowie die gebürtigen Dresdner Claudia Michelsen, Cornelia Gröschel und Martin Brambach dazu, ebenso die bei Potsdam aufgewachsenen Schwestern Anja Kling und Gerit Kling, die in Erfurt geborene Yvonne Catterfeld oder auch Sandra Hüller und Corinna Harfouch, die beide in Suhl geboren wurden.

Aus Leipzig stammen Maria Simon und Simone Thomalla, Sven Martinek dagegen kommt aus Magdeburg und Sylvester Groth aus Jerichow in Sachsen-Anhalt. Charly Hübner kam in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern zur Welt, Devid Striesow in Bergen auf Rügen und Matthias Schweighöfer in Anklam nahe der Insel Usedom.

Anfang der 80er Jahre in Ost-Berlin geboren wurden Filmstars wie Karoline Herfurth, Tom Schilling, Alexander Fehling, Friedrich Mücke und Nora Tschirner. Zur Wende schon Teenager oder älter waren die gebürtigen Ost-Berliner Jördis Triebel, Ronald Zehrfeld, Fritzi Haberlandt, Milan Peschel, Lina Wendel und Pierre Sanoussi-Bliss.

Schon zu DDR-Zeiten ein Theaterstar waren Michael Gwisdek und Peter Kurth, ebenso wie der spätere «Landarzt» Walter Plathe und «In aller Freundschaft»-Chefarzt Thomas Rühmann. Die heute in Franken ermittelnde «Tatort»-Kommissarin Dagmar Manzel spielte eine unglücklich Verliebte im Defa-Schwulendrama «Coming Out», das am Abend des Mauerfalls 1989 in Berlin (Ost) Premiere feierte.

«Nach der Wende wurden viele handwerklich sehr gut ausgebildete Ostschauspieler zu extrem niedrigen Gagen eingekauft, einfach weil sie überhaupt keine Ahnung vom westdeutschen Filmmarkt hatten», erklärt die in der DDR geborene Künstleragentin und Managerin Ute Bergien in Berlin. «Das war für viele derjenigen, die heute prominent sind, ein Einstiegsgarant, ohne den so manche Karriere anders verlaufen wäre.» Die Schauspielerausbildung der DDR an nur wenigen Stellen wie der renommierten Ernst Busch in Berlin (Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch) und der Potsdamer Filmhochschule HFF (heute Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf) sei streng reglementiert, aber eben auch exzellent gewesen, betont Bergien.

Der Schauspieler Thorsten Merten, bekannt geworden mit Filmen von Andreas Dresen («Halbe Treppe», «Halt auf freier Strecke»), erläutert seine Vermutung zum Thema: «Auf Bildschirm und Leinwand entsteht der Eindruck, dass Schauspieler mit ostdeutschem Geburtsort nicht so unterrepräsentiert sind, wie wir es von prominenten Berufen in anderen Bereichen kennen. Das könnte daran liegen, dass ein Schauspieler kein großes Erbe oder elterliches Netzwerk braucht, sondern nur sich und sein Talent.» Und vielleicht liege es auch daran, sagt der im thüringischen Ruhla geborene Merten, dass in den vergangenen 30 Jahren unzählige Drehbücher über die DDR - oft erdacht und angeschoben von Westdeutschen - verfilmt wurden. «Diese manchmal mehr, oft auch weniger gelungenen Storys bedurften auch einer Beglaubigung durch ostdeutsche Gesichter.»

Ansonsten ist Merten, den Millionen als Kommissariatsleiter aus dem Weimarer «Tatort» kennen, aber Realist: «Ähnlich wie die Grundbücher von Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain in Berlin sind auch die Häuptlingsposten der Filmwirtschaft überwiegend in westdeutscher Hand.» Insgesamt gehe es sowieso nur um die wenigen Schauspieler, die oft im Film präsent sein dürfen. «Das Gros der ausgebildeten Mimen schafft es aber meistens kaum, mit der Schauspielerei die Miete zu verdienen. Und das ist die eigentliche Scheiße.»

 

 

Veröffentlicht am:
19. 10. 2019
16:05 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
19. 10. 2019
16:05 Uhr



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