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Feuilleton

Götz Aly blickt in eine bedrückende Welt

Der Historiker Götz Aly eröffnet in Coburg die Veranstaltungsreihe "Wir erinnern". Im Mittelpunkt seines neuen Buches steht der Antisemitismus in Europa zwischen 1880 und 1945.



Götz Aly, Experte für Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts, im Coburger Gemeindehaus Contakt. Foto: Christine Wagner
Götz Aly, Experte für Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts, im Coburger Gemeindehaus Contakt. Foto: Christine Wagner  

Die Schwachen sind die Gefährlichen!" - davon ist Götz Aly überzeugt. Im Saal des Coburger Gemeindehauses Contakt stellte der Historiker sein Buch "Europa gegen die Juden 1880-1945" vor und eröffnete die Veranstaltungsreihe "Wir erinnern", die vom Coburger Arbeitskreis Lebendige Erinnerungskultur, der Buchhandlung Riemann, dem Evangelischen Bildungswerk und der Initiative Stadtmuseum organisiert wird. Wer sind die gefährlichen Schwachen? "Antisemitismus", so erläutert Götz Aly im Gespräch mit den Zuhörern, "hatte und hat meistens etwas mit Minderwertigkeitsgefühl, mit Unterlegenheitsvorstellungen zu tun."

Der Autor

Götz Aly wurde 1947 in Heidelberg geboren. Nach dem Abitur besuchte er zunächst die Deutsche Journalisten-Schule in München und studierte anschließend Geschichte und politische Wissenschaften in Berlin. Er arbeitete als Journalist für zahlreiche Publikationen und habilitierte sich 1994 in Politikwissenschaft. Seine Themenschwerpunkte sind nationalsozialistische Rassenhygiene, Holocaust und Wirtschaftspolitik der NS-Diktatur sowie Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Auf über 400 Seiten beleuchtet der Autor verschiedene Aspekte der Judenverfolgung zwischen den Jahren 1880 und 1945. Seinen Vortrag fokussiert er hauptsächlich auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges. In den von Deutschland besetzten Gebieten kollaborierten die Regierungen - wie zum Beispiel das Vichy-Regime in Frankreich - mit den Nazis. Im Lauf seiner Forschungen stellte Götz Aly fest, dass dies jedoch mit durchaus unterschiedlicher Intensität geschah. Wurden zum Beispiel in den Niederlanden 85 Prozent der Juden deportiert, konnten in Frankreich drei Viertel gerettet werden: Von einzelnen Beamten, von der Kirche, von Nachbarn. Zudem wählten die Regierungen der besetzten Länder aus, wer in die Lager kommt: Von den rund 700 000 ungarischen Juden wurden 430 000, die auf dem Land lebten und als besonders minderwertig galten, deportiert. Bei den rund 200 000 - meist assimilierten - Budapester Juden verweigerte die ungarische Regierung die Beihilfe zur Deportation (nur etwa zehn Prozent von ihnen kamen um), und Adolf Eichmann berichtetet daraufhin nach Berlin, dass man da nichts machen könne.

 

Das NS-Regime, so Götz Aly weiter, legte Wert darauf, die Regierungen der besetzten Länder in diese Verbrechen zu verstricken. Und: "Die Bevölkerung bereicherte sich an jüdischem Besitz, wurde in den Sog des Bösen mit hineingezogen. Sie wurde mitschuldig", betonte Aly. Allein in Wien wurden 40 000 jüdische Wohnungen beschlagnahmt, enteignet und bis heute nicht restituiert.

Eine der Ursachen für den historischen Antisemitismus sieht Götz Aly in der starken Bildungsaffinität der Juden: "Bildung war transportabel, sie ermöglichte den sozialen Aufstieg." Der Antisemitismus der Gegenwart sei sehr komplex: In einigen Ländern - wie Deutschland, Polen und Ungarn - speise er sich aus Abwehrreaktionen. Der "linke Antisemitismus" identifiziere sich mit den Palästinensern. Ein nationaler Antisemitismus sei in den Ländern festzustellen, in denen die Vernichtung Israels zur Staatsräson gehöre.

Götz Aly sagte, er habe bei der Recherche und dem Schreiben seines Buches eine bedrückende Welt vorgefunden: "Es eröffnete aber den Blick auf Handlungsmöglichkeiten, sogar in diesem grausamen Krieg."

 

Götz Aly: "Europa gegen die Juden 1880-1945"- S. Fischer Verlag, 26 Euro

 

Weitere Veranstaltungen

10. April , 19.30 Uhr, Contakt: "Atomwaffenfrei: Jetzt!", Vortrag und Gespräch

29. Mai , 19.30 Uhr, Contakt: "Die große Illusion", Vortrag und Gespräch über den Versailler Vertrag

22. Juli , 19.30 Uhr, Contakt: "Der vergessene Verschwörer", Vortrag über Georg Alexander Hansen

Autor

Christine Wagner
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
23. 03. 2019
00:00 Uhr

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Christine Wagner

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Veröffentlicht am:
23. 03. 2019
00:00 Uhr



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