Lade Login-Box.
Corona Newsletter
Topthemen: Coronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf Instagram

Feuilleton

Fantastisch! Frauen!

Die Schirn-Kunsthalle setzt eine Tradition fort: Sie stellt vergessene Künstlerinnen einer Epoche vor. Die neue Schau macht Surrealistinnen bekannt. Sie stehen den berühmten männlichen Künstlern in nichts nach - machen aber doch einen Unterschied.



34 Künstlerinnen des Surrealismus stellt die Frankfurter Schirn vor, darunter Bridget Tichenor mit ihrem Werk "Die Gefangenen".	Foto: Peter Juelich
34 Künstlerinnen des Surrealismus stellt die Frankfurter Schirn vor, darunter Bridget Tichenor mit ihrem Werk "Die Gefangenen". Foto: Peter Juelich  

Sie waren geprägt vom "Bankrott der alten Gesellschaft" nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die Künstler um den Schriftsteller André Breton mit seinem 1924 in Paris veröffentlichten "Manifest des Surrealismus" teilten die Ablehnung von Materialismus, Rationalismus und Kapitalismus. Sie suchten eine darüber, in Traum und Unbewusstem liegende Wirklichkeit zu erfassen und für die Freiheit in der Gesellschaft zu kämpfen.

Bekannt wurden vor allem männliche Vertreter wie Salvador Dalí, Max Ernst, Marcel Duchamp oder René Magritte. Künstlerinnen waren aber genauso Teil des Surrealismus - ihnen widmet die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main ihre erste große Ausstellung des Jahres unter dem Titel "Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo".

Die am Donnerstag eröffnete Ausstellung zeigt rund 260 Gemälde, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Filme von 34 Künstlerinnen aus Europa, den USA und Mexiko. Die Schau vervollständige ein wesentliches Kapitel der Kunstgeschichte, betont Schirn-Direktor Philipp Demandt.

Nach Worten der Kuratorin Ingrid Pfeiffer sind diejenigen Künstlerinnen zu sehen, die direkt mit der von André Breton und seinen Freunden gegründeten surrealistischen Bewegung persönlich oder durch Ausstellungen verbunden waren. Neben bekannten Namen wie Louise Bourgeois, Frida Kahlo, Leonora Carrington, Meret Oppenheim oder Dorothea Tanning sind zahlreiche weniger bekannte Persönlichkeiten wie Leonor Fini, Alice Rahon oder Kay Sage aus mehr als drei Jahrzehnten surrealistischer Kunst zu entdecken.

Zerlegte Frauenkörper

"Der qualitative und quantitative Beitrag von Künstlerinnen zum Surrealismus ist bisher nur von Fachleuten beleuchtet worden", führt Demandt ein. Die Künstlerinnen verwendeten die gleichen Elemente wie die Künstler, aber ein zentrales Thema griffen sie anders auf: den weiblichen Körper. Die Künstler hätten häufig abgeschnittene Frauenkörper ohne Kopf dargestellt, erklärt die Kuratorin Ingrid Pfeiffer. "Die Surrealisten verherrlichten die Frauen in ihren Schriften, in ihren Kunstwerken zerlegten sie sie."

Die Surrealistinnen suchten nach den Worten von Pfeiffer selbstbewusst ein neues weibliches Identitätsmodell. So kehrt beispielsweise Leonor Fini (1907-1996) in ihren Bildern die traditionellen Motive von Frau und Mann um. Junge Männer liegen nackt schlafend, während Frauen oder weibliche Wesen über ihnen wachen. "Fini deutet die schlafende Venus von Tizian in einen schlafenden Eros um", interpretiert Pfeiffer.

Ebenfalls selbstbewusst, aber androgyn stellt sich Claude Cahun (1894-1954) auf ihren kleinformatigen schwarz-weißen Fotografien dar. Mal blickt sie grimmig mit kurzer Frisur, mal trägt sie Glatze oder hält eine Hantel auf dem Schoß (Selbstporträt 1927). Später stand Cahun auf der Kanalinsel Jersey im Widerstand gegen die deutschen Besatzer "ihren Mann". Sie wurde gefasst und 1944 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nicht vollstreckt, aber Cahun litt bis zu ihrem Tod unter den Folgen der Haft.

Die Künstlerinnen griffen auch Motive außereuropäischer Kunst indigener Völker auf. Paradebeispiel dafür sind Gemälde von Frida Kahlo (1907-1954): Im "Selbstbildnis mit Dornenhalsband" (1940), das Kahlo während der Trennung von ihrem Mann Diego Rivera malte, trägt sie einen Dornenkranz um den Hals, von dem Blut heruntertropft. An den Dornen hängt ein Kolibri.

Ikonographie geschaffen

"Aufgespannt wie Christus am Kreuz", beschreibt Pfeiffer. Der Kolibri stehe für den aztekischen Sonnengott und sei ein Hoffnungssymbol, die Schmetterlinge auf dem Kopfschmuck ein Zeichen für Verwandlung und Neuanfang. "Kahlo verwebt präkolumbianische und christliche Kunst", erklärt Pfeiffer. Sie habe ihre Ikonographie geschaffen "wie vor ihr kein anderer Künstler".

Zur Ausstellung bietet die Schirn-Kunsthalle eine Einführung auf ihrer Internetseite. Außerdem sind ein Katalog mit 420 Seiten und 350 Abbildungen sowie ein Begleitheft erschienen. Zum Begleitprogramm gehören eine surrealistische Filmnacht am 12. März, ein internationales Symposium vom 23. bis 25. April, ein Tag für Schulklassen und ein Fest "Schirn at night".

 

Die Ausstellung "Fantastische Frauen" ist bis 24. Mai in der Frankfurter Schirn zu sehen. Öffnungszeiten sind dienstags und freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs sowie donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Es gibt einen Audioguide. Führungen können unter (069) 2998820 gebucht werden.

Autor

Jens Bayer-Gimm
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
15. 02. 2020
08:25 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
André Breton Christliche Kunst und Kultur Claude Cahun Diego Rivera Frida Kahlo Gemälde Internationalen Konferenzen Jesus Christus Kunsthalle Schirn Künstlerinnen und Künstler Louise Bourgeois Marcel Duchamp Max Ernst Meret Oppenheim René Magritte Salvador Dalí Skulpturen Surrealismus Tizian Weltkriege
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Die Gemälde "Madonna mit Kind und Weintraube" und "Salomé mit dem Haupt Johannes des Täufers" . Fotos: Staatsgemäldesammlung/Nationalmuseum

25.02.2020

Zwei Cranachs kehren nach Kronach zurück

Zwei Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. sind von München nach Kronach umgezogen. Besucher können die Neuzugänge in der Fränkischen Galerie auf der Festung Rosenberg beim Tag der offenen Tür am 1. März bestaunen. » mehr

Von ihr will sich wohl jeder Besucher ein Bild machen - sei es sogar mit dem Handy: Raffaels "Sixtinische Madonna" ist das berühmteste Kunstwerk in den Alten Meistern. Fotos (2): Kahnert/dpa

27.02.2020

Dieses Haus der ganzen Welt

Die neu eingerichtete Gemäldegalerie Alte Meister nebst Skulpturensammlung zeigt im wiedereröffneten Semperbau des Dresdner Zwingers prachtvolle Fülle. Ab morgen steht das Museum allen Besuchern offen. » mehr

"Aufrechter weiblicher Torso" (1971/1987), Zement (l.) und ein Porträt von Bernhard Minetti (1991/92), Bronze - beide aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

26.02.2020

Zeugnis ablegen vom Menschen

Der Dresdner Künstler und Autor Wieland Förster gehört zu den prägenden, figürlich arbeitenden Bildhauern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Das Angermuseum Erfurt widmet ihm eine bemerkenswerte A... » mehr

"Rolling Angels" in Dresden

06.02.2020

"Rolling Angels" in Dresden

Für ein Kunstprojekts zum 75. Jahrestag der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg rollen bis zum 16. Februar auffällige Betonskulpturen durch die Stadt. » mehr

Henryk Goldberg ist Journalist und lebt in Erfurt. An dieser Stelle nimmt er Anstoß und gibt Denkanstöße.

12.06.2019

Kunst und Künstler

Kennen Sie Axel Krause? Nein? Ich kannte ihn auch nicht. Axel Krause ist der deutsche Maler, der dadurch berühmt wurde, dass er nicht ausstellte. Nicht ausstellen durfte. » mehr

Johann Conrad Seekatz: Familie Goethe in Schäfertracht (1762). Foto: Burzik/KSW

02.08.2019

Dichter, Welterklärer, Inspirator

Goethe wird vermessen. Wie ist er zu packen? Was und wie ist vorzeigbar im 21. Jahrhundert? Die Klassik-Stiftung Weimar und drei Partner schenken der Bundeskunsthalle in Bonn eine bemerkenswerte Ausstellung. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Sperrung vor Neustadt am Rennsteig Neustadt am Rennsteig

Sperrung Neustadt am Rennsteig | 23.03.2020 Neustadt am Rennsteig
» 4 Bilder ansehen

Brand in Katzhütte Katzhütte

Brand Katzhütte | 23.03.2020 Katzhütte
» 4 Bilder ansehen

inbound3887575027251749210

#Ichbleibdaheim |
» 8 Bilder ansehen

Autor

Jens Bayer-Gimm

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
15. 02. 2020
08:25 Uhr



^