Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Feuilleton

Der andere Vater

Mit seinem Blauen Salon hat das Bildungszentrum der Thüringer Polizei ein beliebtes Gesprächsforum in Meiningen etabliert. Im 16. Blauen Salon redete Petra Riemann über ihren Vater Lutz - einen Spitzel.



Schnüffler. Das ist das Wort, das Petra Riemann ein wenig Sorge bereitet hat. Die Presse, die Medien könnten aus ihrem Vater, dem durch Defa-Produktionen und den "Polizeiruf 110" bekannten Schauspieler Lutz Riemann, einen gemeinen Schnüffler machen. Einen, der seine Nase tief in das Leben anderer steckt, zu deren Nachteil, im Dienste des Staates. Das war 1999, als er ihr sagte, dass er ein IM war.

Später ist diese Sorge der Angst gewichen, dass ihr Vater tatsächlich ein Schnüffler gewesen ist. Kein "Kundschafter des Friedens", für sein Land, die DDR, und über dessen Grenzen hinaus. Sondern einer, dem es Vergnügen bereitet hat, sich Vertrauen zu erschleichen und privates, gar intimes Wissen über seine Freunde und Bekannten "nach oben" zu melden. Bürger, die diesem Staat harmlos waren, Künstler und Kreative wie er. Die Stadt, in der Lutz Riemann geschnüffelt hat, war Meiningen.

Hierher, in ihre eigene Kindheitsstadt, an die alte Arbeitsstätte ihres Vaters, das Meininger Theater, ist Petra Riemann am Mittwoch mit ihrem Mann, dem Journalisten Torsten Sasse, zu einer Lesung gekommen. Das Foyer der Kammerspiele ist bis auf den letzten Quadratmeter mit Stühlen gefüllt. Viele ehemalige Kollegen, Freunde und Bekannte von Lutz Riemann sind da, um vom Horchen und Gucken des "Richard König" zu hören. Ein Deckname, der an König Richard denken lässt, ein Stück, in dem Lutz Riemann auch in Meiningen spielte, eine Nebenrolle.

Warum dieser Name - die Tochter kann es nicht sagen. Warum überhaupt diese Schnüffelei - sie weiß es nicht. Der Vater, einst beinahe vergöttert, redet nicht mehr mit ihr, die Mutter ebenso wenig. Das Schreiben ihres Buches ist das Bemühen, diese Sprachlosigkeit zu durchbrechen, den anderen Vater, den IM, zu verstehen. Sie erinnert sich an ihre Kindheit, zitiert aus Stasi-Akten, lässt sich von ihrem Mann befragen.

"Jeder Scheißdreck"

Es fallen Namen, die bekannt sind in Meiningen. Der Maler und Grafiker Manfred Hausmann etwa, von dem "jeder Scheißdreck nach oben" gemeldet wurde, wie er es sagt. Er sitzt im Publikum. Oder der frühere Meininger GMD Wolfgang Hocke. Als er mit dem Orchester Konzertreisen in die Bundesrepublik machen darf, ist Lutz Riemann dabei und aufmerksam. Ob sich damals jemand gewundert hat über die Mitreise eines Schauspielers, unklar.

Petra Riemann erzählt auch von "Onkel Peer". Peer Steinbrück ist der Cousin ihrer Mutter, er hat die Familie mehrfach besucht in den Siebzigerjahren in Meiningen. Als der sich 2013 um die Kanzlerschaft bewirbt, wird die Verbindung zu Lutz Riemann und dessen Stasi-Tätigkeit von der Welt publik gemacht. Er streitet ab, Peer Steinbrück bespitzelt zu habend. Dennoch wurden über die Besuche in Meiningen Informationen gesammelt. Vielleicht war das Haus in der Berliner Straße verwanzt.

Am Ende der Lesung bleibt wieder Sprachlosigkeit. Torsten Sasse, der in der Bundesrepublik aufgewachsen ist, ringt um Worte. Über die DDR, so sagt er, sei er nicht überrascht gewesen, der habe er alles zugetraut. Von seinem Schwiegervater aber, dem Schauspieler Lutz Riemann, habe er sich blenden lassen.

 

Petra Riemann: "Die Stasi, der König und der Zimmermann. Eine Geschichte von Verrat", Metropol Verlag 2019, 283 Seiten, 22 Euro

 

 

Autor

Susann Winkel
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 09. 2019
10:49 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bildungszentrum der Thüringer Polizei Bücher DDR Familien Grafiker Konzertreisen Malerinnen und Maler Manfred Hausmann Meininger Theater Ministerium für Staatssicherheit Mütter Peer Steinbrück Polizei Presse Richard König Schauspieler Stasi-Unterlagen Thüringer Polizei
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Siegbert Schefke vor der Reformierten Kirche in Leipzig. Foto: dpa

vor 11 Stunden

Der Tag, der die Welt veränderte

Journalist Siegbert Schefke filmte am 9. Oktober 1989 heimlich die Montags-Demo in Leipzig. Vier Wochen später fiel die Mauer. Über seinen riskanten Einsatz für die Freiheit hat er ein Buch geschrieben. » mehr

Zur Eröffnung des Archivtags verriet Götz Aly, "warum mich ein Archivbesuch glücklich macht". Foto: ari

18.09.2019

Von der Kultur des Zurückblätterns

Mit einer Verbeugung vor der Arbeit der Archivare, der Bitte, DDR-Geschichte nicht einseitig aus den Quelle n zu lesen und der Warnung vor den Tücken digitaler Stichwortsuche eröffnete der Historiker und Publizist Götz A... » mehr

Der Journalist Siggi Seuß im Englischen Garten vor dem Meininger Theater. In seinem Buch versucht er eine Zeitreise in die Theatergeschichte. Foto: Meyer

28.10.2019

Legenden aus der Aufbruchzeit

Der Journalist Siggi Seuß hat das Meininger Theater unter Ulrich Burkhardt und Christine Mielitz als "Jahre voller Euphorie" erlebt. Darüber hat er nun ein Buch geschrieben - auch aus der Befürchtung, jene Zeit könnte zu... » mehr

Der Maler Lothar Bisky. Foto: Zinken/dpa

19.10.2019

"Ich weiß, wo ich herkomme"

Die DDR hat Norbert Bisky eingeholt. Der Maler befasst sich nach langen Jahren wieder mit ostdeutschen Wurzeln und Mauerfall. Der Blick von einem der wichtigsten zeitgenössischen Künstler hat sich gewandelt. » mehr

Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß

13.11.2019

Silbermond wandelt mit Leichtigkeit

Die Bautzener Band Silbermond setzt sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus ein und scheut auch nicht davor zurück, in "Mein Osten" unbequeme Wahrheiten über ihre sächsische Heimat auszusprechen. » mehr

Die Räuberbande von Bauerbach: Viktoria Hagen-Wehrhahn (l.), Ewald Ganz und Jessica Meier. Fotos (3): ari

09.07.2019

Bauerbach und die Liebe zum Theater

Auf der Bühne, wie es sie unten im Meininger Theater gibt, da gehorchen die Verse dem Geist. Hier oben, in Bauerbach, formt sie das Herz. Vielleicht gibt es keinen schöneren Ort für Schillers Stücke als jene Lichtung am ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Hunde-Foto-Shooting mit Angelika Elendt

Hunde-Foto-Shooting Caruso |
» 12 Bilder ansehen

Kastanienkette Ilmenau

Längste Kastanien-Kette | 14.11.2019 Ilmenau
» 5 Bilder ansehen

Rauchentwicklung Tankstelle Waldau Waldau

Rauchentwicklung Tankstelle Waldau | 14.11.2019 Waldau
» 7 Bilder ansehen

Autor

Susann Winkel

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 09. 2019
10:49 Uhr



^