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Der Mensch - ein Himmelsstürmer?

Zu Prometheus hat Ludwig van Beethoven, der große Musikjubilar dieses Jahres, etwas so Heroisches wie befreiend Erheiterndes komponiert - seine Ballettmusik "Die Geschöpfe des Prometheus".



Friedrich Schorlemmer ist Pfarrer und Bürgerrechtler. An dieser Stelle nimmt er Anstoß und gibt Denkanstöße.
Friedrich Schorlemmer ist Pfarrer und Bürgerrechtler. An dieser Stelle nimmt er Anstoß und gibt Denkanstöße.  

Zu Prometheus hat Ludwig van Beethoven, der große Musikjubilar dieses Jahres, etwas so Heroisches wie befreiend Erheiterndes komponiert - seine Ballettmusik "Die Geschöpfe des Prometheus". Er hat lebenslang festgehalten an den Erkenntnissen, Erfordernissen, Hoffnungen und Verpflichtungen, die sich aus der Aufklärung ergeben: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen".

In der Restaurationszeit nach dem Wiener Kongress unter Metternich ließ sich Ludwig van Beethoven seine von der Aufklärung herkommende Position nicht nehmen. Das schloss auch die Kampfansagen an jegliche religiöse und politische Bevormundung ein. Das große Goethe-Gedicht "Prometheus" wurde vielfach gebraucht und im DDR-Schulunterricht ideologisch-atheistisch missbraucht. Im Grunde nimmt der Dichterfürst den Menschen heroisch wahr, nicht mit seinen Ambivalenzen, seinen Widersprüchen, seiner Doppelgesichtigkeit, und seinen Anmaßungen. Prometheus wird das handlungsleitende Vorbild im atheistischen Staat, der mythologische Freiheitsheld.

Prometheisch hieß demgemäß: Der Mensch als Macher und Könner, als Zertrümmerer des Göttlichen, der Befreier von jeglicher Sklaverei und als Bringer des Feuers. Das aber muss er - angekettet - selber büßen! Dahinter steht eben ein Selbstbewusstsein und eine Selbstermächtigung, dass der Mensch aus eigener Kraft all das schafft, was geschaffen wird. Der Mensch formt nach seinem Bilde den (neuen) Menschen. Ein programmatisches Gedicht als Apotheose an den Menschen ohne Gott.

Religion des Fortschritts

Der Himmel wird freigeräumt. Die Entthronung Gottes vollzieht sich durch das Bringen des Lichtes. Zusammen mit dem Feuer ermöglicht der Lichtbringer Klarsicht, lässt den Menschen allmächtig erscheinen, der nicht mehr durch die religiös verbrämten Dankbarkeitsforderungen erniedrigt wird oder sich kleinmachen lässt. Der Mensch als Himmelsrebell legitimiert alles Autoritäre, alles Be- und Unterdrückende im Namen der neuen kommunistischen Weltschöpfung. Es formierte sich eine säkulare Religion des Fortschrittlichen. Es gab dann - völlig undialektisch! - demgemäß nur "Rückschrittliche" und "Fortschrittliche". Der Mensch war durchgängig "prometheisch" gedacht.

Johannes R. Becher schrieb ein Gedicht mit dem Titel "Das Atom". Dort heißt es in der letzten Strophe: "Die Atomforscher haben das Gewissen der Völker geweckt. Den Völkern ist es aufgegeben, das Atom zu bändigen und es in den Dienst des Friedens zu stellen. Im Zeitalter einer neuen Weltschöpfung, zum Ruhme der Menschheit." Auch im Westen waren solche Vorstellungen verbreitet. Man glaubte, mit der Atomenergie ließe sich das Energieproblem glänzend lösen, ohne sich klarzumachen, wie gefährlich und ambivalent diese Energiequelle ist, deren Abfälle Jahrtausende noch unterirdisch strahlend bleiben.

Pathos und Pomp

Lenins frühe Parole wurde ein handlungsleitender Glaubenssatz: "Kommunismus, das ist Sowjetherrschaft plus Elektrifizierung des ganzen Landes". Für Pathos, Pomp und Massenaufmärsche mit einer
(Un-)Tiefen ansprechenden Musik musste auch Beethoven herhalten, zumal als Trauermusik für verstorbene hohe Parteifunktionäre. Besonders beliebt Passagen aus der Eroika. Auch der Realsozialismus bemächtigte sich grandioser Zukunftsvorstellungen und bemühte dazu gern die neunte Sinfonie. Heute wirkt das abgeschmackt: Damals war Zukunftsblindheit politische Realität.

Wer wollte sich dem Fortschritt entgegenstellen? Auch Goethe und Schiller, wie Marx und Brecht wurden in den propagandistischen Dienst gestellt. Aber das Innerste erreichende Musik sowie zu-treffende Literatur erwiesen sich als stärker und tragfähiger, als wahrer und schöner als jede propagandistische Inszenierung. Der gigantische Betonsarg um Tschernobyl ist ein warnender Vorbote großen künftigen Unheils, wenn wir nicht maßhaltend mit dieser ein-maligen Erde umgehen und wach bleiben.

Wer kein Zukunftspathos mehr hat, ist arm dran und die emanzipatorischen, also auf Freiheit und Souveränität gerichteten Fragen des Prometheus sollte sich jede Zeit - und jeder Mensch! - neu stellen. Auch wenn wahrlich "nicht alle Blütenträume reiften."

Übrigens gehört zu Schillers "Ode an die Freude" auch diese oft verschwiegene Passage:

Festen Mut in schwerem Leiden,

Hülfe, wo die Unschuld weint,

Ewigkeit geschwornen Eiden,

Wahrheit gegen Freund und Feind,

Männerstolz vor Königsthronen -

Brüder, gält es Gut und Blut, -

Dem Verdienste seine Kronen,

Untergang der Lügenbrut!

Autor

Friedrich Schorlemmer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
26. 03. 2020
00:00 Uhr

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Friedrich Schorlemmer

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26. 03. 2020
00:00 Uhr



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