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Der Hamster in uns

Konserven, Mehl und Klopapier - aus Angst vor dem Virus kaufen einige Menschen gerade die Supermärkte leer. Kein Zeitgeist, denn das "Hamstern" hat Tradition - und viele Vorbilder in der Natur.



So blickt unsere Karikaturist Ralf Böhme auf das Thema.
So blickt unsere Karikaturist Ralf Böhme auf das Thema.  

Kleine Knopfaugen, dicke Pausbacken - so ziehen Hamster über die Felder, um Nahrung für den Winter zu sammeln. Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus ahmen viele Menschen dieses Verhalten derzeit nach - und stopfen sich im Supermarkt statt ihrer Backen - die Einkaufwägen voll. Über die äquivalente Bezeichnung hatte jüngst die Zeitschrift New Yorker berichtet: Es gebe natürlich im Deutschen ein Wort für das panische und irrationale Einkaufen - die sogenannten "Hamsterkäufe" - meist zu beobachten, wenn "Geiz ist geil"-Angebote besonders günstig sind.

Das Wort setzt sich zusammen aus den Wörtern "Hamstern" und "Kauf". Laut dem Wörterbuch der deutschen Sprache gibt es erste Belege für das Wort "Hamstern", also das Horten von Lebensmitteln oder knapp werdenden Dingen, seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Richtig beliebt wurde der Ausdruck aber vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Damals sprach man auch von "Hamsterfahrten" - dabei fuhren Menschen aufs Land "zum Zwecke des Hamsterns", wie es im Duden heißt.

"Man kann sagen, dass das Wort richtig in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen wurde, als viele Leute ihre Nahrung wirklich mühsam ‚auf Hamsterfahrten‘ zusammensuchen mussten", sagt Horst Simon, Professor für Historische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin, über das "Hamstern". Für Simon ist der Begriff ein typisches Beispiel dafür, wie Menschen neue Wörter bilden: "Wir beobachten Tier-Eigenschaften und übertragen sie auf uns." Auch Begriffe wie "herumtigern" und "einsauen" funktionierten nach diesem Prinzip.

Die Deutschen sind dabei nicht die einzigen, die sich in Sachen Horten den Hamster zum Vorbild nehmen: Auch in Schweden spricht man von "hamstra" - also vom Hamstern. Und der englische Sprachraum kennt Simon zufolge ein ähnliches Sprachbild: "to squirrel something away" macht aus dem Substantiv Eichhörnchen ein Verb, das ebenfalls das Horten beschreibt. Eichhörnchen sammeln Nüsse und Samen für den Winter und vergraben ihre Beute im Boden.

Auch Hamster legen reichlich Vorräte für den Winter an - allerdings werden die nicht irgendwo verbuddelt, sondern in einen Bau geschafft. Die gehorteten Leckereien können dabei ein Vielfaches größer sein als die Nager selbst. Zwei bis drei Kilogramm, in Ausnahmefällen sogar bis zu 15 Kilogramm Futter können Hamster zusammentragen.

Die Nager haben aber andere Vorlieben als Klopapier und Konservendosen: Sie packen am liebsten Getreide und andere Pflanzenteile in ihre Backentaschen. Es gibt aber Tiere, die noch besser hamstern können als der Hamster selbst: "Meister im Horten sind die asiatischen und nordamerikanischen Pfeifhasen", sagt Jan Decher vom Zoologischen Forschungsmuseum Bonn. Sie können, obwohl sie mit durchschnittlich 110 bis 120 Gramm Gewicht weitaus leichter sind als Feldhamster, bis zu 28 Kilogramm Wintervorrat anlegen. Wer sich an diesen possierlichen Tierchen ein Vorbild nimmt, muss ganz schön hamstern: 18,6 Tonnen Lebensmittel-Vorrat wären das im Vergleich für einen eher schlanken 80-Kilo-Mann. Und zwar mit bloßen Händen in den heimischen Keller zu tragen. Oder anders gesagt: 84,5 Einkaufswagen mit der hierzulande zulässigen Höchstbeladung von 220 Kilogramm gälte es aus dem Laden zu schieben. Viel Spaß! dpa/lau

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Veröffentlicht am:
12. 03. 2020
08:50 Uhr

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12. 03. 2020
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