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Der Akkordeon-Punker

Kimmo Pohjonen hat die Ziehharmonika technisch aufgerüstet. Für eine seiner kraftstrotzenden Performances kommt der finnische Musiker mit seinen beiden Töchtern am Samstagabend zum Grasgrün-Konzert nach Meiningen.



Kimmo Pohjonen mit seinen Töchtern Inka und Saana. Foto: Kassila/Agentur
Kimmo Pohjonen mit seinen Töchtern Inka und Saana. Foto: Kassila/Agentur  

Vergessen Sie alles, was Sie über das Akkordeon wissen! Kimmo Pohjonen bietet garantiert nichts davon. Der finnische Musiker am heimischen Nationalinstrument sprengt alle Konventionen. Von Russland kam das Akkordeon im frühen 19. Jahrhundert nach Finnland. Kimmo Pohjonen, der 1964 im west-finnischen Industrie-Städtchen Viiala geboren wurde, hat den herkömmlichen Umgang mit dem Schifferklavier selbst erlebt. Als Kind in Anzug und Krawatte gezwängt, zog er zusammen mit seinem Vater Polka-spielend von einem Dorffest zum nächsten.

Aus dem Volksmusik-Käfig ist Pohjonen ausgebrochen - heute trägt er eine Irokesenfrisur und zeigt beim Spiel die muskelbepackten Arme. "Du musst dich abschotten von den Stimmen der Lehrer, von Eltern und allen, die dir Vorschriften machen", sagt der Musiker in dem preisgekrönten Dokumentarfilm "Soundbreaker", der 2012 über ihn gedreht wurde. Der Trailer zeigt Pohjonen im Eisloch tauchend, Akkordeon unter Wasser spielend.

Die entscheidende Inspiration kam aber doch durch einen Lehrer: Als Musikstudent in Helsinki erlebte Pohjonen den tansanischen Sänger-Musiker-Geschichtenerzähler Hukwe Zawose. Hals über Kopf folgte Pohjonen ihm in die Tropen, schlief dort auf dem Hof und erlernte das Spiel auf dem Daumenklavier. Ein paar Monate später kehrte er innerlich befreit zurück. Bereit, mit neuen Klangformen und Stilmischungen zu experimentieren.

An Pohjonens Instrument baumelt nun ein Kabel, das mit Pedalen, Effektgeräten, Mikrofon und Computer verbunden ist. Durch elektronische Effekte und Samples kann er das Akkordeonspiel auf die klanggewaltigen Dimensionen eines ganzen Orchesters erweitern. In seinem aktuellen Projekt "Ultra Organ", mit dem er vor ein paar Monaten auch in der Hamburger Elbphilharmonie gastierte, verbreitet das Instrument die Klänge einer großen Orgel.

Pohjonen hat Wrestling-Kämpfe am Akkordeon begleitet und Sinfonien für Mähdrescher und Traktoren geschrieben. Mal arbeitet er mit einem klassischen Streichquartett; dann wieder verzwirbelt er finnische Folklore mit amerikanischem Country. In einem anderen Projekt duelliert er sich in Jimi-Hendrix-Manier mit dem Rockgitarristen Timo Kämäräinen - inklusive Zertrümmerung des Akkordeons mit dem Vorschlaghammer.

"Das Leben ist zu kurz, um es allen recht zu machen", meint der Künstler, der mit seinen Eigenwilligkeiten gleichwohl erfolgreich ist. So hielt sich sein letztes Album, "Sensitive Skin" von 2015, zwei Monate lang auf dem Spitzenplatz der europäischen World Music Charts.

Kimmo Pohjonens Live-Auftritte sind kraftstrotzende Multimedia-Performances; gern unter Einsatz der "Naturgewalten" Licht, Wasser und Feuer. Auf der Bühne trägt der Künstler oft einen langen, dunklen Rock; die muskulösen Oberarme bleiben nackt. Seine athletischen Bewegungen erinnern an die Rituale von Schamanen oder asiatischen Kämpfern.

Die Besucher erleben galoppierende Rhythmen und anziehende Lautstärke-Ausschläge. Störgeräusche pfeifen in einem undurchdringlichen Geflecht aus echten Tönen und ihren digitalen Doppelgängern. Klanggewitter wechseln mit friedlichen Harmonien.

In Meiningen tritt Pohjonen als Trio "Skin" auf, das er vor drei Jahren zusammen mit seinen Töchtern Saana und Inka gegründet hat. Die beiden sind Anfang zwanzig, spielen Gitarre und Schlagzeug. Dazu raunen sie mit ätherisch hohen Elfen-Stimmen, während Pohjonen ein textloses, tranceartiges Bassbrummeln anstimmt.

"Ich habe großes Glück, denn ich kenne auch viele tolle arbeitslose Musiker", erzählt der Musiker. "Dabei mache ich nur, woran ich glaube und was für mich sinnvoll ist. Ich denke weder an das Publikum noch an die Verlage." Es ist wohl gerade diese Unbeirrtheit, die Pohjonens Fans schätzen.

 

Konzert mit Kimmo Pohjonen am Samstag, 20 Uhr im Schloss Elisabethenburg Meiningen (Innenhof)

Autor

Antje Rössler
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Veröffentlicht am:
20. 07. 2018
00:00 Uhr

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Antje Rössler

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Veröffentlicht am:
20. 07. 2018
00:00 Uhr



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