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16 Wirbel und ein "Missing Link" in die Urzeit

Niemand hierzulande kennt Fossilien besser als Ralf Werneburg. Der Direktor der Schleusinger Bertholdsburg hat mit zwei Wissenschaftler-Kollegen nun ein Rätsel der Urzeit gelöst: Sie konnten den ältesten Salamander der Welt identifizieren.



Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Urzeit-Salamander genau in der Mitte des aus Kirgisien stammenden Sedimentgesteins zu erkennen. Foto: Museum Schleusingen/Schmidt
Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Urzeit-Salamander genau in der Mitte des aus Kirgisien stammenden Sedimentgesteins zu erkennen. Foto: Museum Schleusingen/Schmidt   » zu den Bildern

Als "Triassurus sixtelae" bezeichnen Paläontologen in lateinischer Sprache eine rätselhafte Amphibien-Art, von der es bislang kaum eine Handvoll Exemplare gibt. Kein Wunder: Die fossilen Tierchen, nur wenige Zentimeter groß, sind rund 220 Millionen Jahre alt. Und dazu noch äußerst selten aufzufinden. Die beiden Stücke, auf denen die wissenschaftliche Arbeit von Ralf Werneburg und seinen Kollegen Rainer B. Schoch aus Stuttgart und Sebastian Voigt aus der Pfalz beruht, stammen aus Kirgisien und lagern heute in Moskau und Freiberg/Sachsen. Gefunden bei Grabungen in den Siebziger- und Neunzigerjahren. Laien wie unsereins erkennen im Sedimentgestein aus der Zeit des Trias nicht mehr als den Abdruck eines possierlichen Urzeit-Wesens. Fachleute wie Werneburg allerdings sind sich sicher: "Das ist der älteste Salamander der Welt."

Und der beschert dem Schleusinger Museumsdirektor nun sogar internationale Aufmerksamkeit. Gemeinsam haben die drei Wissenschaftler ihre Entdeckung in der amerikanischen Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" beschrieben. Und sind damit sozusagen die weltweit führenden Experten beim "Triassurus sixtelae". Für ihn sei das schon ein "kleiner Höhepunkt", sagt Ralf Werneburg. Einige Jahre Forschungsarbeit hat er dieser urzeitlichen Fossilien-Art geschenkt und damit eines der vielen kleinen Rätsel der Evolution mit gelöst: Den drei Forschern gelang es, den ältesten Urzeit-Salamander als "Missing Link" zwischen den erdgeschichtlich "alten" und den modernen Amphibienformen zu identifizieren, zu denen sogenannte Blindwühler, Frösche und Schwanzlurche zählen. Insbesondere solche Zwischenformen der Urzeit-Tiere sind für Wissenschaftler interessant, weil sich anhand ihrer die Spur der Evolution verfolgen lässt. Der "Triassurus sixtelae" ist eine solche Form, die eine Lücke in der Entwicklungsgeschichte der Salamander schließt und verstehen hilft, wo diese Tiere eigentlich herkamen.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen gestalteten sich extrem schwierig, erzählt Werneburg. Nicht nur unzählige Vergleiche mit bereits weltweit beschriebenen Amphibien-Arten waren nötig, unter dem Mikroskop mussten auch typische Merkmale gefunden werden, die den ältesten Salamander auch sicher abgrenzen. Bei nur wenige Zentimeter großen Fossilien ist das heikel. Minimale Abdrücke von Knochen oder Weichteilen können entscheidend sein. Ein signifikantes Merkmal aber war schnell sicher: Der älteste Salamander hatte 16 Wirbel, moderne Arten haben weniger, alte Arten sogar mehr. Auch Schulter- und Gaumenknochen besitzen eine ganz eigene Form.

Das Tierchen lebte wohl an einem Süßwassersee, so viel lässt sich sagen. 330 Millionen Jahre reicht die Geschichte der heutigen Amphibien in der Erdgeschichte zurück. Der älteste Salamander ist ein Teil davon. Ein winziger. Aber eben einer, der aus heutiger Perspektive eine Lücke schließt. Im Keller der Schleusinger Bertholdsburg lagern tausende Fossilien aus aller Welt - zusammengetragen in vielen Jahrzehnten. Auch Ralf Werneburg hat daran seinen Anteil. Wer durch die Reihen mit den vielen Schränken geht, merkt schnell, wie aufwändig und wie schier unendlich die Arbeit der Paläontologen ist: Der Evolution in ihren Jahrmillionen auf die Spur zu kommen benötigt Zeit und Ausdauer. Da ist die Entdeckung des ältesten Salamanders ein Glücksfall, den Ralf Werneburg ruhigen Gewissens genießen darf.

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Peter Lauterbach
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Veröffentlicht am:
14. 05. 2020
00:00 Uhr

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Peter Lauterbach

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14. 05. 2020
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