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Bad Salzungen

Nach dem Unglück bleibt der Schmerz

Die Hausaufgaben waren gemacht, die Frühstücksbrote geschmiert und die Ranzen gepackt. Dann kommt ihr Bus auf eisglatter Straße ins Rutschen und überschlägt sich. Zwei Kinder sterben, weitere werden verletzt.



Berka vor dem Hainich am Donnerstagnachmittag, Stunden nach dem Unfall: Hebekissen zum Aufrichten des verunglückten Schulbusses sind am Bus installiert. Am Morgen war der Bus auf eisglatter Straße verunglückt, zwei Kinder kamen ums Leben. Foto: Swen Pförtner/dpa
Berka vor dem Hainich am Donnerstagnachmittag, Stunden nach dem Unfall: Hebekissen zum Aufrichten des verunglückten Schulbusses sind am Bus installiert. Am Morgen war der Bus auf eisglatter Straße verunglückt, zwei Kinder kamen ums Leben. Foto: Swen Pförtner/dpa   » zu den Bildern

Berka/Hainich - In der Grundschule in Berka vor dem Hainich bleiben am Donnerstag viele Stühle leer. Dabei ist der Bus mit 23 Kindern an Bord wenige hundert Meter vor dem Ziel, als er gegen 7.30 Uhr auf einer glatten schmalen Landstraße verunglückt. Der Unfall reißt zwei Achtjährige der zweiten Klasse - ein Junge und ein Mädchen - aus dem Leben, 21 weitere Kinder zwischen acht und elf Jahren werden verletzt, zwei von ihnen schwer, sieben mittelschwer, so die Polizei.

23.01.2020 - Schulbusunglück nahe Eisenach - Foto:

Schulbusunfall in Thüringen Berka vor der Hainich
Schulbusunfall in Thüringen Berka vor der Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich
Schulbusunfall nahe Eisenach Berka vor dem Hainich

Nicht nur in dem 800-Einwohner-Dorf im Wartburgkreis herrscht Bestürzung. "Der ganze Ort ist im Schockzustand", sagt Innenminister Georg Maier (SPD) vier Stunden später auf einer Pressekonferenz im elf Kilometer entfernten Eisenach. Nicht nur seine Stimme stockt.

Frostig und nass ist es in dieser Senke, die der Bus wie an jedem Schultag durchfährt. Diese Linie nimmt nicht die bereits schmale Hauptstraße nach Berka, sondern ein noch viel kleineres Sträßchen östlich des Dorfs, wo bereits der unbesiedelte Hainich beginnt und die Wege teils holprig und stellenweise mit Granit gepflastert sind. Der Umweg wird ganz bewusst eingeschlagen - aus Sicherheitsgründen. Aus dieser Richtung komme der Bus im Ort so vor der Schule an, dass die Kinder nicht mehr die Straße überqueren müssen, heißt es.

Auch der Bus selbst war einer mit mehr Sicherheit als viele anderen: Kein Linienbus mit Stehplätzen, sondern ein Überland-Fahrzeug des kommunalen Busbetriebs "Wartburgmobil", mit hohen Rückenlehnen und Anschnallmöglichkeit.

Analyse statt Spekulation

Warum aber dann dieser schlimme Unfall-Ausgang? Lag es am Fahrer, am Bus, am Wetter, am Straßenzustand, am Winterdienst oder gar den Kindern? Darüber wollen die Verantwortlichen am Donnerstag während der Pressekonferenz nicht mutmaßen. Der Gothaer Polizeichef Günther Lierhammer betont, die Ursachenforschung sei noch in vollem Gange. Auch Innenminister Georg Maier sagt, es sei kein Tag zum Spekulieren und warnt vor vorschnellen Schlüssen. Jetzt sei zunächst die Zeit, "innezuhalten". Die Polizei müsse den Unfall sauber analysieren und gemeinsam mit den Sachverständigen herausfinden, wie es zu dem Unglück kam. Das Gebot der Stunde sei, den Menschen zur Seite zu stehen. "Wenn es Glatteis war, wird den Fahrer keine Schuld treffen", zitiert die Bild -Zeitung einen Verkehrsrechtsexperten.

"Die Situation vor Ort war bedrückend", berichtet Brandschutz-Einsatzleiter Christian Grebe, der kurz zuvor noch in Berka war. Viele der Feuerwehrleute und Rettungshelfer, die vor Ort agieren, kennen die Kinder und deren Familien. "Die Einsatzkräfte haben Großes geleistet", sagt Grebe. Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) verweist darauf, dass auch für die Feuerwehr Unfälle mit Kindern das Schlimmste seien, was passieren könne. Die Bilder vergesse man nicht, sagte Wolf. Es handle sich um ein dörfliches Umfeld, so Innenminister Maier. "Jeder kennt jeden." Laut Karola Hunstock, der Vorsitzenden der Verwaltungsgemeinschaft Hainich-Werratal, zu der Berka gehört, besuchen 85 Kinder aus der Umgebung die kleine Grundschule.

Sie wird nach den Worten von Bildungsminister Helmut Holter (Linke) am Freitag geöffnet sein. Dann sollen Schulpsychologen mit den Schülern, Lehrern und bei Bedarf auch den Eltern arbeiten, sagte er. Zusätzliche Lehrer sollen die Pädagogen vor Ort unterstützen. Den Eltern sei es aber freigestellt, ob sie die Kinder in die Schule schicken oder sie lieber zu Hause betreuen, hieß es. Auch sollten alle Schulleiter in Westthüringen über den Unfall informiert werden, erklärte Holter, denn dort lernen vielleicht Geschwisterkinder der Betroffenen.

Am späten Vormittag sind in Berka die Kinder, die bei dem Unglück verletzt worden waren, längst in umliegende Krankenhäuser gebracht worden, die anderen haben den Ort des Geschehens verlassen, als der Leichenwagen vorfährt, um die sterblichen Überreste ihrer zwei achtjährigen Mitschüler abzuholen. Das am Abhang liegende Buswrack selbst ist da noch nicht geborgen.

Der Notarzt und frühere Kinderintensivmediziner Gerhard Franke aus Schleusingen zeigt sich am Telefon betroffen. "Wie schlimm muss das für die Eltern und Familien, die Mitschüler und Nachbarn sein?", fragt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Immense Kräfte

Präventiv könne man gegen einen solchen Schicksalsschlag nichts tun. Franke erläutert, dass auf die Körper bei derartigen Unfällen so immense Kräfte einwirkten, dass es faktisch nicht möglich sei, irgend etwas dagegenzusetzen. Nach solch einem Geschehen, bei dem die Kinder durch den Bus und sogar aus ihm hinaus geschleudert wurden, habe ein kindlicher Körper anfangs zwar eine bessere Kompensationsfähigkeit als der eines Erwachsenen. "Doch das kippt sehr schnell um, weil Kinder von vornherein eine höhere Atemfrequenz und einen schnelleren Herzschlag haben als Erwachsene und dann nichts mehr nachsetzen können". Zudem sei es draußen kalt gewesen, was die Fähigkeit des Körpers, auf die gerade erlittenen Verletzungen zu reagieren, weiter einschränke.

Dass eine Anschnallpflicht in Schulbussen eine machbare Lösung sei, bezweifelt der Mediziner Franke: "Stellen Sie sich mal einen Bus voller Schüler vor, in dem der Busfahrer auch noch kontrollieren soll, ob alle den Gurt angelegt haben ..."

Im Laufe des Tages drücken Politiker und Vertreter vieler Parteien und Organisationen ihr Mitgefühl für die Opfer und mit den Hinterbliebenen aus. Am Freitagabend gibt es eine Andacht in der Kirche im nahen Bischofroda. "Gestern waren die beiden Kinder noch in unserer Christenlehre", berichtet Christian Stawenow, Regionalbischof für Eisenach und Erfurt und fügt hinzu:"Wir können nicht verstehen, was geschehen ist, und sind voller Fragen. Uns bleibt ein Hilfeschrei zu Gott und die Bitte um Beistand für die Familien." Dankbar ist er für die Notfallseelsorger und ihre Erste Hilfe vor Ort. Zu dem Gottesdienst wird auch Landesbischof Friedrich Kramer erwartet. "Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren", sagt Kramer am Donnerstag.

"Es ist so furchtbar"

Auch die Leser von insüdthüringen.de zeigten sich schockiert: "Es ist so furchtbar. Alle Kraft der Welt den Eltern der zwei getöteten Kinder. Dem Busfahrer ebenfalls viel Kraft und gute Genesung und auch den verletzten Kindern gute Besserung", schreibt eine Leserin. Ein Kommentar aus dem Kreis Hildburghausen lautet: "Anschnallen? Davon haben meine Kinder noch nie was gesehen bzw. gehört. Wir fahren sie momentan seit Schulbeginn wieder in die Schule, da es in den letzten Jahren bei uns auch schon öfters kleine Zwischenfälle gab. Muss aber dazu sagen, wir sind in der glücklichen Lage, die Kinder zu bringen und zu holen. Mein tiefstes Beileid den betroffenen Familien."

Am Donnerstagmorgen kam es in Oberbayern fast zur gleichen Zeit ebenfalls zu einem Unfall mit einem Schulbus. Bei Traunstein prallte er gegen einen Baum Neun Kinder im Alter zwischen 12 und 16 Jahren und auch der Busfahrer wurden verletzt.

Autor

Holger Schalling, Marie Frech, Andreas Hummel
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
24. 01. 2020
07:13 Uhr

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Holger Schalling, Marie Frech, Andreas Hummel

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Veröffentlicht am:
24. 01. 2020
07:13 Uhr



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