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Nach Gelenkersatz sofort wieder mobil

Künstliche Knie- oder Hüftgelenke werden am Klinikum Kulmbach jetzt nach der "Fast-Track- Methode" eingesetzt. Das macht es möglich, schon am Tag der Operation wieder zu stehen.



Knapp 600 Knie- und Hüftgelenksprothesen werden am Klinikum Kulmbach pro Jahr eingesetzt.	Foto: Klinikum Kulmbach
Knapp 600 Knie- und Hüftgelenksprothesen werden am Klinikum Kulmbach pro Jahr eingesetzt. Foto: Klinikum Kulmbach  

Kulmbach - Rund 370 000 Menschen haben in Deutschland im Jahr 2014 ein neues Hüft- oder Kniegelenk erhalten. Die Mehrzahl der Patienten ist Befragungen zufolge mit dem Ergebnis des Eingriffs zufrieden, Gelenkersatz-Patienten sind in Deutschland laut einer Mitteilung des Klinikums Kulmbach sehr gut versorgt.

Doch die Anforderungen an den künstlichen Gelenkersatz werden, unter anderem bedingt durch die demographischen Veränderungen, steigen. Das ist ein Fazit aus dem Weißbuch Gelenkersatz des IGES Instituts, das sich unter anderem mit Forschung zum Thema Gesundheit befasst. Eine OP-Methode mit dem Namen "Fast Track" trägt dazu bei, dass Patienten unmittelbar nach dem Einsatz eines künstlichen Knie- oder Hüftgelenks sehr viel schneller wieder mobil werden. "Fast Track" steht dabei für "den schnellsten und direktesten Weg zum Erreichen eines Ziels". Jetzt wird diese Methode auch am Endoprothetikzentrum am Klinikum Kulmbach angewendet. Leitender Arzt Dr. Gerhard Finkenzeller ist von den Resultaten beeindruckt.

Wer nach der Fast-Track-Methode ein künstliches Gelenk erhält, unterzieht sich einem Behandlungsablauf, der in vielen Einzelheiten anders ist als bisher. Das beginnt schon mit der Aufklärung vor der Operation. Patienten werden zu einem Informationstreffen eingeladen, bei dem alle wesentlichen Abläufe erklärt werden und bei dem sich das Team, das später im Operationssaal stehen wird, vorstellt. Das hat, wie Dr. Finkenzeller erläutert, einen positiven Einfluss auf die Psyche der Patienten. "Es geht darum, den Betroffenen deutlich zu machen, dass sie von der OP eine Erleichterung, nicht etwa eine Belastung erwarten können. Es geht auch darum, den Menschen zu vermitteln, dass sie als unser Patient im Mittelpunkt stehen und einen aktiven Part in dem gesamten Geschehen einnehmen." Auch ganz konkrete praktische Dinge werden bereits im Vorfeld geübt, zum Beispiel das Laufen an Gehhilfen. Wer das schon vor der OP "intus" hat, muss sich nicht erst in einer Belastungssituation darauf einstellen. All das zusammen wirkt sich positiv aus. Am 5. Dezember hat die erste dieser "prähospitalen Schulungen" am Endoprothektikzentrum in Kulmbach stattgefunden.

Sicher auch nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass Patienten, die mit Hilfe dieser Methode operiert werden, nicht mehr über viele Stunden nüchtern bleiben müssen. "Essen und Trinken ist in einem gewissen Umfang bis drei Stunden vor der OP möglich", erklärt Dr. Finkenzeller. Am Morgen der OP wird noch ein leichtes Frühstück gereicht. "Das tut dem Körper gut und der Psyche auch."

"Rapid Recovery", schnelle Erholung, ist die Devise. Deshalb wird bei den Gelenkersatz-Operationen auf Drainage-Schläuche verzichtet. Das erspart dem Patienten ein weiteres Trauma beim Ziehen. Insgesamt werden die Operationen "blutarm" durchgeführt. "Wir wollen möglichst optimale Bedingungen für unsere Patienten schaffen", betont Dr. Finkenzeller. Es gibt zudem keine "Blutleere" mehr, das heißt auf die Kompression des Oberschenkels während der OP wird verzichtet. Damit werden dem Patienten Schmerzen erspart, die durch das Zusammenpressen des Schenkels entstehen würden.

Auch die übliche Verbandstechnik wird bei Fast Track weggelassen. Stattdessen wird die Wunde mit einem transparenten Pflaster verschlossen, das im Regelfall bis zum Fädenziehen nicht gewechselt wird. Das Pflaster ist atmungsaktiv und wasserdicht. Der Patient kann sofort wieder duschen.

Bereits im Aufwachraum werden erste leichte Bewegungsübungen mit dem Patienten gemacht. "Nach dem Abklingen der Narkose können die Patienten schon wieder aufstehen", berichtet Dr. Finkenzeller. Er erzählt von einer 83-jährigen Patientin, die nach dem Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks am Tag nach der Operation bereits wieder selbstständig gelaufen ist. Noch am Tag der OP war die Frau schon das erste Mal wieder auf ihren Beinen gestanden. "Sie war so begeistert und erleichtert. Das trägt natürlich massiv zu einem weiteren guten Verlauf bei. Früher war das undenkbar", erklärt der Chef des Kulmbacher Endoprothektikzentrums, an dem jedes Jahr rund 600 Knie-, beziehungsweise Hüftgelenke eingesetzt werden.

Eine ausgeklügelte Schmerztherapie hilft den Menschen, buchstäblich ganz schnell wieder auf die Beine zu kommen. Unmittelbar nach der OP wird dem Patienten vor dem Schließen der Wunde ein Schmerzmittel ins Wundgebiet gespritzt. "Lokale Infiltrationstherapie" nennt man das. 48 Stunden hält das den Betroffenen schmerzfrei. Auch das ist ein wesentlicher Bestandteil, Menschen schnellstmöglich wieder fit zu machen. "Wenn man den Schmerz für diese Zeit ausschalten kann, ist das Gröbste vorbei", macht Dr. Finkenzeller deutlich. Danach könne man, um die Heilung und Mobilisierung gut voranzubringen, die Schmerzen mit Tabletten oder Spritzen unterdrücken. All das trage dazu bei, dass die frisch Operierten bereits am ersten Tag nach der Operation wieder alleine laufen können.

Die Fast-Track-Methode gibt es in anderen Feldern der Medizin bereits seit den 1990er-Jahren, weiß Dr. Finkenzeller. Der Ansatz ist immer der gleiche: "Es geht darum, die Patienten schnellstmöglich aus dem ‚Krankheitsmodus‘ zu holen." Die Anfänge hatte diese Methode bei den Allgemeinchirurgen vor allem bei Bauch-Operationen. Lange Zeit nichts oder nur ganz leichte Kost essen zu dürfen, sei gerade für diese Patienten eine Belastung gewesen, die eine schnelle Erholung nicht möglich gemacht habe. Wenig später hätten sich auch die Herzchirurgen diese Technik zu eigen gemacht, erklärt der Chef des Kulmbacher Endoprothetikzentrums. "In den skandinavischen Ländern und auch in Holland ist diese in Dänemark entwickelte Methode seit Jahren sehr erfolgreich." Die wesentlichen Grundvoraussetzungen für die zunehmende Bedeutung der Fast-Track-Chirurgie seien wesentliche Fortschritte in der Anästhesie und Intensivmedizin sowie die Entwicklung von minimal-invasiven Operationstechniken. All das zusammen ermögliche es, Fast Track auch in der Endoprothetik zu etablieren. Fast Track mache es möglich, Patienten im Idealfall bereits drei Tage nach dem Einsetzen eines künstlichen Knie- oder Hüftgelenks aus der Klinik zu entlassen.

Krankenhausaufenthalte können nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik beim unkomplizierten Hüft- und Kniegelenkersatz um jeweils zwei bis drei Tage verkürzt werden. Doch auch für die Zeit nach der Entlassung werde noch während des Klinikaufenthalts gesorgt: Eine enge Zusammenarbeit mit dem Entlassmanagement und ein anschließendes Reha-Konzept seien unabdingbar. "All das müssen wir schon vorher klären. Dafür muss auch der Sozialdienst mit im Boot sein. Alles muss nahtlos terminiert werden", sagt Finkenzeller.

Um die Fast Track-Methode anzuwenden, werde ein multiprofessionelles Team benötigt, erläutert Dr. Finkenzeller. Dieses Team müsse sich auf die neue OP-Technik umstellen. Alle Beteiligten, Ärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Sozialdienste müssen sich neu orientieren. Auch die Rolle der Patienten sei neu. Sie sind mehr als früher in die Behandlung einbezogen und werden gefordert. "Aber all das lohnt sich", betont der Operateur. Allgemeine Komplikationen nach einer OP würden verringert, die Patienten seien schneller wieder selbstständig. "Diese Methode wird sich durchsetzen. Das ist nur eine Frage der Zeit, bis sie in unserem Tätigkeitsfeld flächendeckend kommt", ist Dr. Finkenzeller überzeugt.

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Veröffentlicht am:
08. 12. 2019
10:01 Uhr

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08. 12. 2019
10:01 Uhr



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