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Ja zum Leben mit einem ungewöhnlichen Projekt

Er möchte auf Depressionen und Suizidalität aufmerksam machen und wählt dabei einen ungewöhnlichen Weg: Mario Dieringer läuft um die Erde und pflanzt Bäume. Start der dritten Etappe ist in Coburg.



Mario Dieringer und Tyrion sind startklar. Von Coburger aus werden sie durch Bayern und Baden-Württemberg laufen, um auf die Themen Suizid und Depression aufmerksam zu machen. Foto: M. Engelhardt
Mario Dieringer und Tyrion sind startklar. Von Coburger aus werden sie durch Bayern und Baden-Württemberg laufen, um auf die Themen Suizid und Depression aufmerksam zu machen. Foto: M. Engelhardt  

Coburg - Das seltsame Gefährt ist gepackt. Taschen mit technischem Zubehör, Zelt, Geschirr, Akkus und Klamotten sind verstaut. Insgesamt rund 100 Kilogramm Gepäck. Es geht endlich wieder los. Nach Winter- und coronabedingter Pause startet Mario Dieringer wieder durch. Von Coburg aus erst mal grob Richtung Würzburg, dann über Nürnberg und Passau nach München, Stuttgart bis nach Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden. Mit vielen Abstechern und Stopps und nicht aus purer Freude an der Bewegung.

Das Projekt

Das Projekt "Trees of Memory" wurde 2016 von dem Journalisten Mario Dieringer ins Leben gerufen. Seit dem 31. März geht er zu Fuß um die Welt und pflanzt "Bäume der Erinnerung" als Orte, an denen Suizidopfern gedacht wird. Der Verein "Trees of Memory e. V." wurde im November 2017 gegründet und möchte Menschen, die einen Angehörigen oder Hinterbliebenen durch Suizid verloren haben, Hilfe beim Umgang mit dem Schmerz anbieten. Hierfür gibt es bundesweit Anlaufstellen. Eines der elf Gründungsmitglieder ist die Coburgerin Katja Heußel, ebenfalls Mitglied im Verein ist der Coburger Thomas Radermacher. Mario Dieringer und der Verein freuen sich über Spenden, die den Lauf und die Vereinsarbeit unterstützen. Spendenkontos unter:

—————

www.treesofmemory.com

Www.treesofmemory-ev.com

 

"Ich laufe um die Welt und pflanze Bäume der Erinnerung für Suizid-Opfer" - so steht es auf dem Schild, das auf seinem Wanderwagen in die Höhe ragt. Darüber das Logo des Vereins "Trees of Memory e.V." sowie die dazugehörige Website. Und genau so einfach und klar, wie es sich liest, ist es auch. Menschen, die durch Suizid einen Angehörigen oder Freund verloren haben, können für diesen einen Baum bei "Trees of Memory" bestellen, den Mario Dieringer als Erinnerung pflanzt. Der TV-Journalist und Dozent möchte so ein grünes Band um die Erde knüpfen.

 

Dieringer will auf Depressionen und Suizidalität aufmerksam machen, zum Reden ermuntern, Hilfe anbieten und diesen Themen nicht einfach nur mehr hilflos zusehen. Er ist selbst Betroffener. Vor sieben Jahren brach er zusammen; was als Burnout diagnostiziert wurde, erwies sich als schwere Depression. Trotz Therapie unternahm er zwei Jahre später einen Suizidversuch, den er nur knapp überlebte. Sein späterer Lebensgefährte litt ebenfalls an einer schweren Depression und nahm sich Ostern 2016 das Leben. Die Suizidgedanken kehrten in der Zeit danach zu Mario Dieringer zurück. "Diese Zeit habe ich nur mit Hilfe von Menschen überstanden, die mich vier Monate lang wirklich keine Minute allein gelassen haben", erinnert er sich, "das hat mir das Leben gerettet."

Auf seiner Website beschreibt er die Gefühle, die ihn bewegten: Die unendliche Trauer, der Schmerz, die Hoffnungslosigkeit, das Weinen und nicht mehr Schlafen können. Und auch die Reaktionen der Menschen. Eine Email, die mit "du Mörder" begann. Der gebürtige Münchner lässt tief in sich hineinschauen, offenbart sein Innerstes und wird energisch, wenn man ihn fragt, ob er sich dadurch verletzlich oder verwundbar fühle: "Das ist ja genau das. In der Gesellschaft wird man oft ausgegrenzt und mit Schuld beworfen oder das Thema wird tabuisiert. Ich mache aus Wut, Empörung und Trotz den Mund auf. Ich möchte das Sprachrohr für Menschen sein, die sich nichts sagen trauen."

Die Idee mit dem Bäume pflanzen kam ihm sprichwörtlich unter der Dusche. Als "full-package-Gedanke", wie er es lachend ausdrückt, "der den abenteuerlustigen Mario ansprach. Ich war schon immer gerne alleine in der Natur unterwegs und habe abgefahrene Sachen gemacht und mir war klar, dass ich es tun musste." Vom Gedanken bis zur Ausführung dauerte es aber dann noch rund eineinhalb Jahre, bevor er am 31. März 2018 loslief.

Klar seien es auch gemischte Gefühle gewesen, die Wohnung aufzulösen, geliebte Dinge zu verschenken oder zu verleihen und ins Ungewisse zu gehen, "doch ich war alternativlos." Mittlerweile sei "Trees of Memory" wie das Benzin eines Motors für ihn. Das antreibt und gut tut. "Auch für mich ist es eine Art Therapie, doch das wusste ich vor zwei Jahren noch nicht", erklärt er, "im Vordergrund steht das, was die Gesellschaft den Hinterbliebenen antut".

Seine Route, die ihn durch 60 Länder führen soll, legt er anhand der Bäume fest, die es zu pflanzen gilt oder folgt dabei Einladungen zu Vorträgen und Gesprächen. Geschlafen wird im Zelt oder unter freiem Himmel, sein treuer Begleiter ist ein freundlich mit dem Schwanz wedelndes Etwas namens Tyrion. Der Hund stammt aus einem bulgarischen Tierheim und wurde ihm von Freunden geschenkt. Nun sitzt er, leicht verschlafen blinzelnd, neben seinem Herrchen auf dem Coburger Marktplatz. Im vergangenen Jahr war Mario Dieringer durch Ostdeutschland bis nach Coburg gewandert, am Sonntagvormittag nahm er von der Vestestadt aus seine Route wieder auf. "Das grüne Band darf nicht unterbrochen werden", erläutert er den Startpunkt der dritten Laufsaison.

Was ihn noch mit Coburg verbindet, ist die Bekanntschaft zu Katja Heußel. Beide lernten sich vor drei Jahren über das Gastfreundschaftsnetzwerk "Couchsurfing" kennen. Katja Heußel erfuhr dabei von dem Projekt "Trees of Memory" und war davon so begeistert, dass sie im November 2017 Gründungsmitglied des neuen Vereins wurde. Sie kennt zahlreiche Menschen, die von Depressionen und Suizidgedanken betroffen sind, möchte Angebote machen und nicht hilflos zusehen. "Wir müssen das thematisieren und miteinander reden", betont sie, nicht die Zeit heile alle Wunden, sondern sie verändere nur den Schmerz.

In Coburg kümmert sie sich für Mario Dieringer um die Pressetermine und managt Organisatorisches.

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Maja Engelhardt

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Veröffentlicht am:
15. 06. 2020
11:37 Uhr

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15. 06. 2020
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