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IWH-Chef: Treuhand objektiv aufarbeiten - gegen «Wahrheitskommission»

Die Treuhandanstalt hatte die Aufgabe, frühere DDR-Betriebe zu privatisieren. Fast 30 Jahre danach ist das Kapitel noch nicht abgeschlossen.



Die Arbeit der einstigen Treuhandanstalt muss nach Ansicht des Präsidenten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint E. Gropp, objektiv aufgearbeitet werden. Wichtig sei es, nach fast 30 Jahren die langfristigen Auswirkungen der Behörde auf die Gesellschaft zu erforschen, sagte Gropp. Eine vom SPD-Ostbeauftragten, Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig, geforderte «Treuhand-Wahrheitskommission» lehnte er allerdings ab. Allein mit der Bezeichnung werde unterstellt, die Behörde habe Unrechtes getan und bisher werde die «Wahrheit» verschleiert.

Die nach dem Mauerfall gegründete Treuhandanstalt hatte die Aufgabe, die sogenannten Volkseigenen Betriebe und Großkombinate der DDR nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen zu privatisieren. Dies ging einher mit epochalen Strukturveränderungen in den Branchen, dem Abbau unzähliger Arbeitsplätze und je nach Region mit Massenarbeitslosigkeit. Heute ist die Wirtschaft in den neuen Ländern geprägt von mittleren und kleinen Unternehmen. Zum 1. Januar 1995 wurde die Treuhand mit verbliebenen Aufgaben in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) umbenannt.

«Die Ausgangslage war für die Treuhand außerordentlich schwierig», sagte der Wirtschaftsforscher. «Es gab eine Wirtschaftsstruktur in der DDR, die eben nicht "nur" eine Ost-Version des Westens, sondern die schon vor der Wiedervereinigung nicht wettbewerbsfähig war.» Hinzugekommen sei die Währungsunion mit ihrer dramatische Aufwertung, die ostdeutschen Unternehmen den Rest an Wettbewerbsfähigkeit nahm.

«Im Zuge der Wiedervereinigung sind mindestens eine Million hoch qualifizierte Arbeitskräfte abgewandert, die in Stuttgart mehr verdienten konnten als in Leipzig», sagte Gropp. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in Ostdeutschland arbeiteten laut einer DDR-internen Umfrage in Firmen, die schon vor 1989 im Prinzip insolvent oder Umstrukturierungsfälle waren, wie der Instituts-Chef erläuterte. «Ich bin ganz sicher nicht der Meinung, dass die Treuhand keine Fehler gemacht hat. Aber zu sagen, sie habe mit Absicht die DDR-Wirtschaft unter Wert verkauft, dafür haben wir keinerlei Belege.»

Ein Fehler der Treuhand sei es wohl gewesen, mit Subventionen in Milliardenhöhe die Produktion von Grundstoffen wie Kohle und Stahl um jeden Preis zu erhalten, während gleichzeitig überall auf der Welt diese Sektoren geschrumpft oder nach China oder Südkorea abgewandert seien. «Man hat versucht, sich gegen den Trend zu stemmen», sagte der IWH-Präsident. Stattdessen hätte man gleich auf Forschung und Entwicklung und Dienstleistungen setzen sollen. Nur so hätte man eine Chance gehabt, dass neue, innovative Firmen in Ostdeutschland entstehen. «Aber hinterher ist man natürlich immer schlauer», sagte der Wirtschaftsprofessor.

Um die Aufgabe der Treuhand wirklich zu verstehen, müsse man aber deutlich weiter zurückgehen als 1989, sagte Gropp. «Eigentlich fangen die Probleme, die dann die Treuhand hatte, schon direkt nach dem Zweiten Weltkrieg an.» Zwischen 1945 und 1948 seien allein rund 36 000 Unternehmen von Ost nach West abgewandert und große Teile der Industrieanlagen von der Sowjetunion demontiert worden.

«Schon damals hatte der Ostteil Deutschlands eine schlechtere Ausgangsposition als der Westen», sagte Gropp. Aufgrund der vorherrschenden Tauschwirtschaft innerhalb des Ostblocks seien zudem schon damals Überkapazitäten in Sektoren aufgebaut worden, die international nie wettbewerbsfähig gewesen seien. dpa

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Veröffentlicht am:
21. 07. 2018
11:27 Uhr

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