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Alles für die Katz´: Mäuseplage trifft Landwirte im Itzgrund hart

Angesichts einer erneuten Mäuseplage schlagen Landwirte im Itzgrund Alarm. Anders als vor vier Jahren ist im FFH-Gebiet per Gesetz die Bekämpfung nicht mehr möglich.



Noch sind die Wiesen im Itzgrund grün, aber in den nächsten Wochen steuert die Mäuseplage auf ihren Höhepunkt zu. Sebastian Schultheiß (Mitte) dokumentiert mit Wolfgang Schultheiß (links) dem oberfränkischen BBV-Präsidenten Hermann Greif, welche Schäden die Nager vor vier Jahren angerichtet haben. Fotos: Christoph Scheppe
Noch sind die Wiesen im Itzgrund grün, aber in den nächsten Wochen steuert die Mäuseplage auf ihren Höhepunkt zu. Sebastian Schultheiß (Mitte) dokumentiert mit Wolfgang Schultheiß (links) dem oberfränkischen BBV-Präsidenten Hermann Greif, welche Schäden die Nager vor vier Jahren angerichtet haben. Fotos: Christoph Scheppe   » zu den Bildern

Scherneck - Wolfgang und Sebastian Schultheiß sind nicht die Einzigen, die die Welt nicht mehr verstehen. Vater und Sohn müssen wie viele andere Landwirte tatenlos zusehen, wie ihr Grünland im Itzgrund durch Heerscharen von Feldmäusen im wahrsten Sinne des Wortes "abgegrast" wird. "Hier braucht man nicht mehr zu mähen, das ist für die Katz’", sagt ein resignierender Wolfgang Schultheiß, der auch stellvertretender Coburger Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) ist.

Bis zu 2000 Nachkommen pro Pärchen

Die Feldmaus gehört zu den größten Schädlingen in Landwirtschaft und Gartenbau. Die Schäden entstehen besonders durch den unterirdischen Fraß der Tiere, der die Grasnarbe zerstört und die oberirdische Blattmasse absterben lässt.

 

Pro Tag frisst die Feldmaus etwa 120 Gramm Wurzelmasse. Das sind bei 100 Tieren mehr als 300 Kilogramm im Monat. Dabei gräbt die Maus einen etwa 40 Zentimeter langen Gang und verdrängt dabei 60 bis 80 Liter Erde. Umgerechnet auf 100 Exemplare sind das sechs bis acht Kubikmeter Boden.

 

Die tag- und nachtaktiven Tiere leben überwiegend in dichten Kolonien in komplexen Erdbauten. Die Eingänge sind über ein verzweigtes System oberirdischer und zum Teil viele Meter lange Laufgänge miteinander verbunden.

 

Sieben- bis achtmal im Jahr kann eine Maus gebären und bringt bei einem Wurf bis zu 16 Junge auf die Welt. Das bedeutet, dass ein einziges Mäusepärchen bis zu 2000 Nachkommen im Jahr produziert. Die Jungen sind nach sechs bis acht Wochen geschlechtsreif.

 

Die Betroffenen wollen ihr wertvolles Futter retten und die Mäuse loswerden, aber nicht ausrotten. Darauf legen sie bei einem Ortstermin mit BBV- und Behördenvertretern am Dienstag großen Wert. Doch das ist nicht mehr möglich, weil weite Teile des Gebiets als FFH- und Naturschutzgebiet ausgewiesen sind und zusätzlich besonders strengen Auflagen unterliegen.

 

Milder Winter, keine Überschwemmungen und ein trockener Sommer lassen die Population der Schadnager in die Höhe schießen und bescheren den Landwirten im Itzgrund ein Déjà-vu. Bereits vor vier Jahren waren die Grünflächen von Coburg bis Bamberg kahl und durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Die Feldmäuse hatten - zum Verdruss der Bewirtschafter - ganze Arbeit geleistet. Bis zu 2000 Exemplare wurden pro Hektar gezählt.

Anders als heute gab es damals jedoch noch Mittel und Wege, der Plage Herr zu werden. Die Regierung von Oberfranken erließ eine sogenannte Notfallzulassung, die ein flächendeckendes Ausbringen des Giftstoffs Chlorphacinon ermöglichte. Der inzwischen verbotene Stoff hemmt die Blutgerinnung, was unweigerlich zum Tod führt. Heute erfolgt die Bekämpfung auf Basis von Zinkphosphid produzierter Giftlinsen und Giftweizen. Allerdings dürfen beide nicht in FFH- und Naturschutzgebieten eingesetzt werden.

Reinhard Ostermeier vom Landesamt für Pflanzenschutz (Bayreuth) kann die Verärgerung der Landwirte zwar nachvollziehen, doch helfen kann er ihnen nicht. Die aktuelle und durch das Volksbegehren Artenschutz zusätzlich verschärfte Gesetzeslage erlaube im konkreten Fall nur eine "biologische Bekämpfung". Damit meint er zwei bis drei Meter hohe Sitzstangen für Greifvögel - die natürlichen Feinde der Feldmäuse. Eine mechanische Lösung (Einbringen von Gift in Boden oder Mauselöcher beispielsweise durch sogenannte Legeflinten) sei ebenso nicht mehr erlaubt wie der Einsatz von chemischen Mitteln.

"Es hat in der Bibel schon Plagen gegeben. Es ist unverständlich, dass es keine Möglichkeiten mehr gibt", fordert Wolfgang Schultheiß mit Blick auf knapp 60 Hektar betroffener Grünfläche Hilfe ein: "Politik und Behörden sollen uns sagen, was wir dagegen tun können. Sonst geben wir den Itzgrund auf." Der Schutz des Gebiets sei nicht mehr gewährleistet, umgraben und neues Ansäen nicht nur kostspielig und aufwendig, sondern zwecklos.

Von einem "Hilfeschrei in einer Zeit, in der kein Futter mehr haben", spricht auch der oberfränkische BBV-Präsident Hermann Greif. "Es muss doch Schadgrenzen geben, bei deren Überschreitung Maßnahmen möglich sind. Man kann doch nicht einfach zusehen, wie die Mäuse Tabula rasa machen", attestiert der Landwirt und Funktionär aus Forchheim der Bundes- und Landespolitik Tatenlosigkeit. In der biologischen Lösung sieht er kein probates Mittel der Bekämpfung: "Die Waffe Vogel funktioniert hier nicht." Vielmehr sei in solchen Situationen im Sinne des Schutzzweckes vom Gesetzgeber "menschliche Vernunft und Kooperation" gefragt, die zur Futtererzeugung wertvollen Wiesen im Itzgrund zu erhalten. "Wir wollen nichts Unmögliches, aber auch keine Lösung in Kombination mit dem Bussard."

Dass Fachbehörden in der Notfallzulassung nach wie vor durchaus eine sinnvolle Bekämpfungsmaßnahme sehen, das Pflanzenschutzgesetz eine solche aber strikt verbietet, stößt auch beim stellvertretenden Landrat Rainer Mattern auf Unverständnis. BBV-Kreisobmann Martin Flohrschütz beklagt wie Schultheiß und Greif, dass Landwirte bei einer Mäuseplage von Pontius zu Pilatus rennen müssen, um am Ende doch allein und mit leeren Händen dazustehen. "Man kommt sich vor wie bei Buchbinder Wanninger. Wir wollen nicht die chemische Keule auspacken, erwarten aber Hilfe und Unterstützung bei der Lösung des Problems."

Autor
Christoph Scheppe

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Veröffentlicht am:
27. 08. 2019
18:29 Uhr

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Christoph Scheppe

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27. 08. 2019
18:29 Uhr



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