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Hochschulen starten digital ins Sommersemester

Überfüllte Hörsäle, Studenten dicht gedrängt im Labor: Diese üblichen Szenen wird es im anstehenden Semester an vielen Hochschulen wohl nicht geben. Stattdessen: Laptop raus, Videos ansehen, Seminare per Webcam. Wehe dem, dem es an Selbstdisziplin mangelt.



Fernsehstudio der RWTH Aachen
Thomas Bein, Germanistikprofessor an der RWTH Aachen, zeichnet seine Vorlesungseinheiten nun in einem Studio auf. Die Videos sollen im kommenden Semester den Studierenden zur Verfügung stehen.   Foto: Henning Kaiser/dpa

Constantin Pittruff ist angehender Wirtschaftsingenieur der Hochschule für angewandte Wissenschaften München. Der schlaksige 28-Jährige mit den wuscheligen Haaren ist einer von etwa 400.000 Studierenden in Bayern , auf die ein in dieser Art noch nie dagewesenes Sommersemester zukommt:

Angestoßen durch die Corona-Krise müssen die Universitäten und Fachhochschulen im Galopp den Sprung in die digitale Zukunft machen. «Das Problem der Online-Lehre ist, dass sie viel zu schnell implementiert wird», kritisiert Pittruff, stellvertretender Vorsitzender des Studentischen Parlaments. «Denn das Angebot ist einfach noch nicht überall da. Das liegt vor allem an der technischen Ausstattung der Hochschulen.»

- Hochschulen in Bayern stellen auf Online-Lehre um

Medizin, Informatik, Geschichte, Architektur - je nach Studiengang ist das Lernen nahezu ausschließlich über den heimischen PC oder Laptop mit Hilfe digitaler Inhalte der Dozenten eine Herkulesaufgabe. Am 20. April beginnt in Bayern das Sommersemester. Nicht jeder Student hat einen schnellen Rechner oder gar eine geeignete Bandbreite für Videokonferenzen. Und nicht jeder Professor und jede Professorin das Know-how, Lehrinhalte in eine digitale Form zu gießen. Laborpraktika sind online wohl kaum durchführbar.

Nach Worten von Sarah König, Leiterin des Instituts für medizinische Lehre und Ausbildungsforschung der Uni Würzburg, ist nicht jeder Dozent begeistert über den Wechsel von analog zu digital: «Die Aussicht auf ein Online-Semester hat verschiedene Reaktionen hervorgerufen», umschreibt sie höflich. Gerade in der Medizin bedürfe das Online-Lehren einiger Kreativität - schließlich müssten angehende Ärzte auch Patienten untersuchen können. «In der Medizin zeichnet sich ein großer Kulturwandel ab.»

Auf die Schnelle würden nun Powerpoint-Präsentationen vertont, Praktikumsinhalte im Video festgehalten und online gestellt. Wie ein EKG (Elektrokardiogramm) ausgewertet wird, könne gut per Videoclip erklärt werden. Kniffeliger wird, Studierenden etwa die Funktionen der Gelenke digital zu vermitteln. Gelerntes soll künftig mit Altklausuren im Multiple-Choice-Format überprüft werden. Doch schon jetzt ist klar: «Wir werden eine große Nachlese nach dem Sommersemester machen müssen - was hat funktioniert, wo müssen wir nachbessern?», sagt König.

Begrenzter Austausch mit Kommilitonen

Viele Studierende sind nach Pittruffs Eindruck verunsichert. «Die Online-Lehre ist noch weit entfernt von der Präsenzlehre.» Vor allem die begrenzten Möglichkeiten des schnellen Austausches mit Kommilitonen wie etwa im Hörsaal sieht er problematisch. «Es fehlt die Interaktion», wenn jeder täglich stundenlang Webvorlesungen ansehe und Übungen alleine am PC zu Hause mache. Gerade bei gestalterischen Studiengängen wie Design oder Architektur mit vielen Praktika sei fraglich, wie diese angesichts von Ausgangsbeschränkung und Mindestabstand sinnvoll fortgeführt werden können.

Damit Studenten das monatelange Studium mit Videoclips und Webinaren im Homeoffice auch durchhalten, braucht es jede Menge Disziplin. «Es ist nicht kompletter Ponyhof», warnt Frédéric Thiesse vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik in Würzburg. «Studenten tendieren dazu, sich die Videos verspätet und alle auf einmal anzusehen.» Und nicht jeder Studierende hat nach Pittruffs Erfahrung auch die technische Kompetenz, mit rein digital vermitteltem Stoff umzugehen.

Wie die jungen Frauen und Männer im Sommersemester an analoges Material - sprich das klassische Lehrbuch - kommen, steht auch längst noch nicht überall fest. Die Uni Regensburg schreibt: «Die Universitätsbibliothek arbeitet intensiv daran, die Literaturversorgung unter den gegebenen Umständen aufrechtzuerhalten.» E-Books, elektronische Zeitschriftenartikel, eine elektronische Zeitschriftenbibliothek - auch vor der Corona-Epidemie war schon längst nicht mehr alles analog.

Bei Bedarf würden auch Bücher gescannt, in Grenzen natürlich. «Bitte geben Sie, so weit wie dies möglich ist, nur kleinere Teile eines Werkes zum Scannen in Auftrag.» Wer trotzdem nicht an ein bestimmtes Buch kommt, soll es auf dem gewohnten Weg versuchen: «über den kollegialen Austausch» - mit Sicherheitsabstand, versteht sich.

- Semesterstart in Thüringen

An einigen Thüringer Hochschulen starten die Vorlesungen im Sommersemester wegen der Corona-Krise später als sonst. Ausschließlich digitale Vorlesungen würden am 5. Mai unter anderem an den Universitäten in Erfurt, Weimar und Jena beginnen, teilte das Wissenschaftsministerium auf Anfrage mit. Andere wie die Technischen Universität Ilmenau, die Hochschule Nordhausen oder die Duale Hochschule Gera-Eisenach würden schon jetzt Online-Vorlesungen für ihre Studierenden anbieten.

Wann Präsenzveranstaltungen - Vorlesungen, Seminare oder bestimmte Übungen - möglich sind, sei derzeit noch nicht absehbar. Das Sommersemester ende nach jetzigem Stand am 30. September. Es werde kein «verlorenes» Semester» geben, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Ministerium und Hochschulen. Nötig dafür seien Flexibilität und neue Formate - auch der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen.

Die Präsenz-Vorlesungszeiten sollen bis Semesterende flexibel organisiert werden. Jede Hochschule könne im Rahmen der Möglichkeiten und Beschränkungen selbst entscheiden, wann und in welchem Umfang sie mit den Präsenzvorlesungen starte. Notfalls müsste dafür auch die üblicherweise vorlesungsfreie Zeit in den Ferienmonaten Juli und August genutzt werden, erklärte das Ministerium. Das sei möglich, weil Auslandsaufenthalte, Exkursionen ins Ausland, wissenschaftliche Tagungen oder Kongresse in diesem Jahr ohnehin kaum wie geplant stattfinden dürften.

- Pragmatische Lösungen in NRW

Das Mikrofon checken, in die Kamera schauen. Im Hintergrund der sogenannte Greenscreen, dort soll später die Präsentation eingebaut werden. Thomas Bein spricht über Hildegard von Bingen und verschiedene Schriftarten. Für den Professor der Germanistik ist dies keine normale Vorlesung, doch die Corona-Krise erfordert Kreativität. Deshalb nehmen die Lehrenden an der RWTH Aachen ihre Vorlesungen derzeit in einem Fernsehstudio auf dem Unigelände auf. Diese Videos sollen im kommenden Semester den Studierenden zur Verfügung stehen.

Vor einer Woche hatte NRW-Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) angekündigt, dass die Hochschulen im bevölkerungsreichsten Bundesland digital ins Sommersemester starten müssen. Wegen der Ausbreitung des Coronavirus war der Beginn der Vorlesungszeit für die etwa 780.000 Studierenden bereits auf den 20. April verschoben worden. «Flexible und pragmatische Lösungen» seien gefragt, hieß es.

Pragmatische Lösungen versuchen nun die rund 70 Hochschulen in NRW anzubieten. An der Uni Münster werde eine Software eingeführt, um Videokonferenzen auch mit einer hohen Anzahl an Teilnehmern zu ermöglichen, sagt ein Sprecher. In Köln soll es eine spezielle Website mit allen wichtigen Fragen und Antworten für Studienanfänger geben. Außerdem sei ein Livestream für alle Studierenden zum Semesterstart geplant, bei dem in einem Chat auch Fragen gestellt werden könnten, sagt ein Sprecher.

Online-Prüfungen werden eingeführt

Wie sieht es mit den Prüfungen aus? In Aachen sind nach Uniangaben allein etwa 400 Klausuren aus dem Wintersemester offen. Es gebe erste Überlegungen, diese bis Ende der Pfingstwoche stattfinden zu lassen. «In den Audimax passen 1000 Menschen, da könnten dann 100 Studierende mit genug Abstand und Plexiglasscheiben ihre Prüfung schreiben», sagt Aloys Krieg.

An der Universität Bielefeld soll es möglich sein, Studienleistungen über elektronische Aufgaben zu erwerben. «Das können beispielsweise Multiple-Choice-Aufgaben, Quizze, Lückentexte, zu beschriftende Zeichnungen, Rechercheaufgaben oder kleine Freitextaufgaben sein», erklärt eine Sprecherin.

In Düsseldorf und Münster gibt es noch Schwierigkeiten bei der Abnahme von schriftlichen Prüfungen. Es sei noch kein System etabliert, das Täuschungsversuche sicher unterbinde, erklärt ein Sprecher der Heinrich-Heine-Universität.

An der TU Dortmund haben dagegen bereits erste Prüfungen online stattgefunden. «Wir hatten Lehramtsstudierende, die am 1. Mai mit dem Referendariat anfangen müssen», sagt Sprecher Rothenberg. «Da gab es strenge Auflagen. Die Studierenden mussten in einem abgeschlossenen Raum sitzen und mit der Kamera ihres Laptops sogar unter den Tisch und Stuhl filmen, um zu zeigen, dass dort niemand anderes sitzt.»

- Digitale Veranstaltungen an baden-württembergischen Hochschulen

Weil die Studenten wegen des Coronavirus nicht wie gewöhnlich an die Hochschulen gehen können, soll auch in Baden-Württemberg ein Großteil der Studienleistungen nach dem Ende der Semesterferien am 20. April aus der Ferne erbracht werden können. Das teilte das Wissenschaftsministerium in Stuttgart mit. Das stellt die Dozenten in Fächern mit vielen Praxisübungen vor besondere Herausforderungen.

Beispiel Musikhochschulen : Dort wird eigentlich viel allein oder in Gruppen musiziert. Aber beim Singen oder beim Spielen von Blasinstrumenten gilt die Gefahr als besonders hoch, über Tröpfchen andere Menschen mit dem Coronavirus anzustecken. Zugleich sind manche Studenten darauf angewiesen, die Instrumente der Hochschule nutzen zu dürfen - nicht jeder hat ein Klavier oder Schlagzeug zu Hause. Der Rektor der Musikhochschule Freiburg, Ludwig Holtmeier, spricht daher von einer «großen Herausforderung», die das Coronavirus bedeutet.

Musizieren hinter Plexiglasscheiben

Laut Holtmeier baute die Hochschule Serverkapazitäten und digitale Kommunikationssysteme für die digitale Lehre auf. Zugleich hofft man, dass unter strengen Voraussetzungen noch einige Hochschulangehörige Zutritt zu Übungsräumen und Sälen haben dürfen. Dazu soll es Zugangsbeschränkungen und genau gekennzeichnete Wege geben, auf denen sich bestimmte Studenten oder Dozenten bewegen dürfen - sofern die Corona-Verordnung der Landesregierung dies erlaubt. Plexiglasscheiben sollen dann Lehrer und Schüler auf Distanz halten - kleinere Gruppen, die zusammen üben, sollen sich in großen Sälen zerstreuen.

Doch es gibt auch noch ganz andere Fragen zu klären: Was ist, wenn ein Großteil der internationalen Studenten gar nicht ausreisen darf? Wie sollen Aufnahmeprüfungen online laufen? Wie müssen dazu Prüfungsordnungen geändert werden? «Als Team ist da für uns eine wahnsinnige Herausforderung», sagte Holtmeier. Er glaubt aber, dass bis zum 20. April alle entscheidenden Fragen geklärt sein werden.

Popakademie in Mannheim stellt Plattformen bereit

Die Popakademie in Mannheim startete bereits Ende März ins neue Semester. Nach den Worten des Künstlerischen Direktors Udo Dahmen hat die Akademie alles auf online umgestellt. «Das läuft weitgehend reibungslos», sagte Dahmen. Studenten könnten sich auf speziellen Plattformen einwählen - die Stundenpläne könnten weitestgehend eingehalten werden. «Im Grunde sind wir sehr zufrieden.» Die größte Herausforderung habe darin bestanden, Studenten und Dozenten an die technische Ausrüstung samt schneller Internetverbindung anzubinden.

Nach Angaben des Wissenschaftsministeriums besteht das Ziel im neuen Semester darin, vor allem die Pflichtveranstaltungen digital abzudecken - und möglichst auch die Wahlpflichtveranstaltungen. Für Fächer mit viel Praxis, wie etwa Medizin, Sport und Landwirtschaft, soll es «pragmatische Lösungen» geben. An den staatlichen Hochschulen im Südwesten sind rund 330.000 Studenten eingeschrieben.

Veröffentlicht am:
14. 04. 2020
13:27 Uhr

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