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Ein Wochenende heile Welt

Jedes Jahr im Oktober ist das Südtiroler Dorf Kastelruth im Ausnahmezustand. Zehntausende strömen dann zum Spatzenfest. Es ist das größte Ereignis des volkstümlichen Schlagers im deutschsprachigen Raum – ein Besuch unter Fans



Fotos: Andrea Herdegen   » zu den Bildern

Der Mann ist hier falsch. Gegen den Strom kämpft er sich durchs Menschengetümmel. Seine langen grauen Haare hat er zum Pferdeschwanz gebunden, über dem Bauch spannt sich ein ausgewaschenes T-Shirt, von dem die vier schwarzweiß-geschminkten Rocker von Kiss auf die Entgegenkommenden starren: auf Trachtenjanker und Lederhosen, auf Dirndl und Tirolerhüte.

Es ist Anfang Oktober in Kastelruth. Und wie jedes Jahr stürmen Tausende Musikfreunde das idyllische Dorf in den Dolomiten. Harter Rock allerdings ist nicht ihr Ding. Drei Tage dreht sich hier alles um den volkstümlichen Schlager und um die Gruppe, die damit berühmt und reich geworden ist: die Kastelruther Spatzen.

Ein Dorf im Ausnahmezustand. Auf den Straßen Menschen, die ausgelassen feiern. Ein Wochenende heile Welt. Als hätten die Volksmusik-Fans ihre Probleme zu Hause gelassen. Aus jedem Laden, sogar aus dem Kebap-Imbiss, dröhnen Stimmungslieder: Überall wird geschunkelt, gelacht, zu den eingängigen Melodien mitgeklatscht. Wo noch Platz auf dem Gehsteig ist, drehen Paare sich im Tanz. Unterhaltungscombos spielen in überfüllten Gaststätten ihr Schlager-Repertoire, dazu ein paar "Prosits der Gemütlichkeit". Die Fans grooven sich ein auf das Abendkonzert der Spatzen. Zwischen ihnen eilt das überforderte Personal mit Tabletts voller Teller und Gläser zu den Tischen.

In einer Pizzeria sitzt ein älterer Mann mit Kaiser-Franz-Josef-Bart vor einem Teller Spaghetti all’arrabbiata. Von der bunten Seidenkrawatte bis zu den Stiefeln trägt er das komplette Spatzen-Bühnenoutfit. Mit einem Weißbier stößt er auf seine Lieblingsband an. Bei der Suche nach einem freien Platz spürt man Spatzen-Solidarität: "Setzt euch mit dazu", ruft ein grauhaariger Mann im rheinischem Tonfall. "Wir gehen doch alle aufs Spatzenfest, wir sind doch alle Freunde!" Auf der Rückseite seiner Jacke steht "Volksmusik ist Herzmusik".

Rund 40 000 Menschen sind es diesmal, die den "Superstars der Volksmusik" nahe sein wollen. So nennen sich die Kastelruther Spatzen selbst. Keine Übertreibung, angesichts von fast 20 Millionen verkaufter Alben. Die Spatzen sind die erfolgreichste Gruppe des volkstümlichen Schlagers, sie haben treue Fans. Die Melodien ihrer Lieder sind einfach, die Texte drehen sich immer wieder um dieselben Themen: Heimat, Liebe, Schicksal, Glück. Trotzdem sind sie die Idole so vieler Menschen. Was macht die Faszination dieser Band aus?

"Es ist eine Sucht", sagt Gerlinde Schlee aus Burgkunstadt. Die Frau mit dem roten Kurzhaarschnitt ist zum 30. Mal beim Spatzenfest. "Ein fester Termin in meinem Jahresablauf." 20 Gleichgesinnte vom Fanclub "Spatzenfreunde Oberfranken" sind mit ihr im Bus angereist. Nachmittags geht’s auf die Seiser Alm, abends zum Konzert. Die Sonne strahlt dazu vom blauen Himmel. Traumhaftes Wetter. "Wir hatten auch schon Regen und Schnee", sagt Gerlinde Schlee. Dann ist hier eine ähnliche Schlammschlacht wie beim Rockfestival in Wacken. Im Morast der zu riesigen Parkplätzen umfunktionierten Wiesen fahren sich dann bei Dauerregen mit Spatzen-Aufklebern verzierte Autos und Busse fest. Dieses Jahr ist es aber trocken geblieben in Kastelruth. Die Ordner haben keinen Stress. Mehr als tausend Ehrenamtliche helfen, das Mega-Fest zu organisieren. Ohne die Freiwilligen würde es nicht laufen.

Die Fankultur
Fan-Sein ist Kult. Ob auf der Südtribüne bei Borussia Dortmund oder im Front-of-Stage-Bereich beim Madonna-Konzert: Fans wollen ihren Idolen nah sein, am liebsten unter Gleichgesinnten. Sie begeistern sich für die von ihnen geliebten Künstler, Teams oder Dinge. Sie sammeln alles, was mit ihrem Star zu tun hat, investieren viel Zeit und Geld in die Verehrung ihrer Idole. Mit ihrer Kleidung wollen sie zeigen: Ich bin ein Fan. Ihre Leidenschaft mündet oft in Ritualen, in Clubs organisieren sie sich, um sich auszutauschen und Bestätigung zu finden. Für die Stars ist eine starke Fan-Base unabdingbar auf dem Weg zum Massenerfolg. Über verschiedene Kanäle füttern sie die Anhängerschaft mit echten Informationen und manchmal auch trivialem Geschwätz. Viele bleiben ihren Idolen treu, selbst wenn diese schon lange verstorben sind. So hat Elvis Presley bis heute zahlreiche glühende Fans.

 

Hannes Tröbinger-Scherlin lehnt am Sperrgitter vor dem Eingang zum Konzertzelt. Fünf Stunden dauert die Schicht des Feuerwehrmanns von der Seiser Alm. Er ist Anfang dreißig, hat eine Welt ohne Spatzenfest nie kennengelernt. Seit 33 Jahren treffen sich die Fans in Südtirol. Grinsend beobachtet er die heranströmenden Menschen. "Beim Spatzenfest ist noch nie etwas passiert. Die Leute sind friedlich. Das hier ist nicht AC/DC", sagt er. Aber es ist ein anstrengendes Wochenende für alle in der Region, vor allem für die, die im Gastgewerbe arbeiten. Freie Zimmer? Gibt es nicht mehr. Bis hinunter nach Bozen und sogar hinüber ins Pustertal mieten sich die Fans ein.

Viele kommen mit dem Wohnmobil. Rund um Kastelruth gruppieren sich die Wagenburgen. Ingrid und Jean-Pierre Lemmel, Rentner aus dem Elsass, waren schon so oft da, dass sie ganz vorne stehen dürfen, wo man aufs Zelt schauen und die Musik gut hören kann. Vor ihrem Wohnmobil steht das Camping-Tischchen voller Teller mit Häppchen, dazu Bier, Sekt, Aperol. Die Stühle am Hang sind gerade überflüssig: Die Lemmels sind aufgesprungen, um mit ihren Campingplatz-Nachbarn fröhlich zu schunkeln. Man kennt sich seit Jahren, ist über die Spatzen zu Freunden geworden.

"Herzschlag für Herzschlag" tönt es aus dem Zelt herauf. Die Fans kennen die Texte auswendig. Sie singen allein, die Band ist noch gar nicht auf der Bühne. Das Nachmittagskonzert genießen die Lemmels hier im Sonnenschein. Erst am Abend, wenn sie selbst hinuntergehen, legen sie Tracht an. "Das ist ein Muss." 12 000 Menschen passen in das fußballplatzgroße Zelt. Allein mit den Ticketverkäufen für die drei Konzerte am Freitag und Samstag nehmen die Kastelruther Spatzen rund eine Million Euro ein. Am Sonntag zum Frühschoppen ist der Eintritt frei. Da ist das Zelt noch voller.

Vollkommen dunkel wird es, als es endlich losgeht. Ein Chor in Tracht singt "Südtirol, wie bist du schön", bevor die Spatzen auf die Bühne kommen. Der Jubel ist gewaltig. Auf der Leinwand im Hintergrund ist eine idealisierte Bergwelt zu sehen, rosa Herzen, goldene Rosen. Kitsch pur, doch die Fans sind begeistert. Die ersten steigen klatschend auf die Biertische, andere ziehen als fröhliche Polonaise durch die Bankreihen, mittendrin der Kiss-Fan vom Nachmittag. Immer wieder reichen Verehrerinnen dem Sänger Geschenke auf die Bühne, einige küssen ihm sogar die Hand. Norbert Rier nimmt die Huldigungen gelassen entgegen.

Die Spatzen verschwinden nach der letzten Zugabe nicht hinter der Bühne. Sie zelebrieren den Kontakt mit ihren Fans. Stundenlang geben sie nach ihrem Auftritt am Sonntag Autogramme. Jeder kommt dran. "Es ist uns gelungen, auf dem Boden zu bleiben", sagt Frontmann Rier. Der Oberspatz ist im Hauptberuf Landwirt und Haflinger-Züchter. Immer wieder betont er, dass der Erfolg den Musikern nicht zu Kopf gestiegen ist. Auf seinem Hof geht es an den Festtagen im Oktober immer "extrem wild" zu. Hunderte wollen Selfies mit ihm, mit seiner Familie, mit seinen Pferden. Andererseits findet es Norbert Rier bewundernswert, wie die Fans ihre Tage in Kastelruth genießen. "Hinterher kommen sie und bedanken sich bei uns für die schöne Zeit."

Am Merchandise-Stand und im Spatzen-Laden unten im Dorf kann man sich mit allem ausstaffieren, was sich mit dem Spatzen-Schriftzug bedrucken lässt. Es gibt Jacken, Hüte, Regenschirme, sogar Strampler für die Enkelkinder. Wer hier einen Großeinkauf macht, kann daheim in Spatzen-Bettwäsche aufwachen und sich seinen Kaffee in die Spatzen-Tasse für elf Euro gießen. Oder sich einen Spatzen-Schnaps genehmigen, stilecht aus dem Spatzen-Flachmann. Es gibt Spatzen-Schokolade in den Geschmacksrichtungen Feinbitter, Vollmilch, Birne und Karamell zu 5,50 Euro pro hundert Gramm. Dem hohen Durchschnittsalter der Fans geschuldet ist wohl die praktische Spatzen-Pillendose.

Im Keller des Ladens ist das Spatzen-Museum, eine beachtliche Sammlung von Auszeichnungen und Devotionalien. Neben den 13 "Echos" stehen liebevoll gebastelte Geschenke der Fans. Ihre gut hundert Platin- und Gold-Schallplatten haben sie hier gar nicht alle unterbringen können, einige hängen auch im Hotel des Keyboarders Albin Gross: Edelmetall weist den Weg zu den Toiletten.

Bepackt mit vier riesigen Plastiktüten quetscht sich ein Mann durch die Tür des Spatzen-Ladens ins Freie. Wenigstens ein kleines Souvenir nimmt fast jeder mit. Der Einkauf ist wie eine Beteuerung an sich selbst, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Beim Spatzenfest in Kastelruth dürfen 70-Jährige ausflippen, ohne dass jemand komisch schaut. Hier geben sich die Fans für ein paar Stunden ihrer Sehnsucht nach einer einfachen, heilen Welt hin. Die Spatzen liefern den harmonischen Soundtrack und die tröstlichen Texte dazu.

Hannes, der Feuerwehrmann von der Seiser Alm, ist nach seiner Schicht am Absperrgitter ins Zelt gekommen, um noch ein Bier zu trinken. Auf die Musik achtet er nicht: "Wir kennen’s." Die Dorfjugend aus den umliegenden Alpentälern amüsiert sich prächtig, allerdings bei Cocktails in einem gesonderten Party-Zelt. Hier ist das Gedränge noch dichter.

Am späten Sonntagnachmittag wird es langsam still in Kastelruth. Die Glocken der weidenden Kühe dringen wieder ans Ohr. Der Abschied fällt vielen schwer. Sie trösten sich mit der Gewissheit, dass die Zimmer für nächstes Jahr schon gebucht sind. Der Vorverkauf für das 34. Spatzenfest beginnt am 8. Mai.

 

Boxenstopp für Norbert Rier
Am nächsten Mittwoch muss Spatzen-Sänger Norbert Rier ins Krankenhaus. In einer Spezialklinik in Augsburg lässt er sich eine neue Herzklappe einsetzen, denn die alte schließt nicht mehr richtig. "Es gibt Dinge im Leben, mit denen man nicht rechnet", sagt er. In seinem Alter – Rier ist 57 – komme es aber nun mal vor, dass "manche Verschleißteile ausgetauscht werden müssen". Der Frontmann der Kastelruther Spatzen sagt, es sei ihm nicht leicht gefallen, die Termine der gemeinsamen Herbst-Tournee mit Richard Clayderman abzusagen. Doch die Ärzte hätten auf eine schnelle OP gedrängt.
Die Pressemitteilung – "um Spekulationen aus dem Weg zu gehen, sind wir gleich mit der ganzen Wahrheit an die Öffentlichkeit" – habe für mächtigen Wirbel gesorgt. Die Fans seien besorgt, hätten Verständnis, wünschten ihm Glück. Norbert Rier ist voller Zuversicht und Gottvertrauen. Nach der Operation geht er auf Reha, bis Ende November will er wieder fit sein. Sein erstes Konzert mit der neuen Herzklappe soll am 29. November im Kulturpalast Dresden stattfinden. Danach geht es mit dem neuen Album "Die Tränen
der Dolomiten" auf Tour, unter anderem nach Greiz
(30. November), Regensburg (19. Januar), Nürnberg (23. Februar), Chemnitz (8. März), Suhl (9. März), Bamberg (10. März), Würzburg (27. März), Leipzig
(29. März), Nabburg (9. Mai) und Jena (25. Mai).

 


 

 

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Andrea Herdegen
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
12. 10. 2017
18:45 Uhr

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Andrea Herdegen

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12. 10. 2017
18:45 Uhr



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