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Abenteuer Zentralschweiz: Durch das Karst im Entlebuch

Sanfte Hügel, schroffe Felsen, unberührte Natur: Das bietet die Biosphäre Entlebuch zwischen Bern und Luzern. Hier gibt es Massagen von Ameisen und eine riesige Höhle unter einem Kuhstall.



Verreisen geht wegen der Corona-Pandemie erstmal für unbestimmte Zeit nicht - doch es spricht ja nichts dagegen, sich schon jetzt ein paar Gedanken über den nächsten Urlaub zu machen. Wie wäre es zum Beispiel mal mit einer Tour durch den Naturpark Entlebuch in der Zentralschweiz?

Zielstrebig geht Pius Schnider den steilen Trampelpfad hinauf. Vor einer Fichte hält er an. Am Boden vor dem Stamm türmt sich ein kleiner Hügel auf. Schwarze Punkte wuseln darauf herum. Schnider legt eine Hand in das Gewimmel, sofort krabbeln die Waldameisen auf der Haut des Tourenführers herum. «Das ist wie eine Massage», schwärmt Schnider. Die kleinen Tiere klammern.

Die Wandergruppe ist an diesem Tag mit Schnider im Schrattenfluh unterwegs. So heißt das Karstgebirge am Rand der Unesco-Biosphäre Entlebuch. Der Naturpark liegt in der Zentralschweiz, zwischen Luzern und Bern. Das Schrattenfluh ist mit seinen markanten Felsen eines der Wahrzeichen dieser Gegend, und kaum einer kennt sich hier so gut aus wie Pius Schnider, der nun seine Begleiter auffordert, sich ebenfalls eine Ameisenmassage zu gönnen.

Schon krabbeln die Tiere über die Finger. Angenehmes Zwicken. Fühlt sich in etwa so an, als würde sich eine Brausetablette auf der Haut auflösen. Die Ameisen klammern nicht nur, sie verspritzen auch Säure. In kleinen Mengen sei sie heilend, erklärt Schnider. Und belebend: «Ein natürliches Doping.»

Bei dem Tourenführer scheint die Ameisensäure gut zu wirken. Er geht zackig und erläutert enthusiastisch, was er am Wegesrand sieht - etwa den Bärlapp, dessen Sporen für Explosionseffekte genutzt werden. Oder den Seidelbast, dessen Früchte Johannisbeeren ähneln, die aber beim Verzehr zu Herzlähmung führen können. «Nicht anfassen.»

Leckere Heidelbeeren zum Selbstpflücken

Zugreifen erlaubt ist dagegen bei den zahlreichen Heidelbeeren, die hier in der Karstlandschaft fast überall wachsen. Von den Moorbeeren, die fast genauso aussehen, nimmt man lieber nicht zu viel. «Das gibt einen Rausch», sagt Schnider. Um keinen falschen Schritt zu machen, sind ungetrübte Sinne bei dieser Wanderung sicher von Vorteil.

Durch den zerklüfteten Felsen ziehen sich metertiefe schmale Spalten. Regnet es auch noch wie an diesem Tag, steigt die Gefahr abzurutschen. Hier, wo noch Sträucher und Bergföhren wachsen, sind die Steine runder abgeschliffen. Weiter oben gibt es nur noch Karst. Und das ist zum Teil messerscharf. Dort passieren Schnider zufolge auch die meisten Verletzungen.

Die Höhle unter dem Kuhstall

Statt weiter hinauf geht es nun wieder nach unten. Den gullyähnlichen Deckel neben einem Kuhstall könnte man fast übersehen. Doch er ist der Zugang zu einer eigenen Welt: Durch eine schmale Röhre führt eine Treppe acht Meter tief in die Sihlwängen-Höhle.

Zwar gibt es hier im Karst rund 300 Höhlen, für die Öffentlichkeit zugänglich sind aber nur zwei. Und jetzt steigt die Gruppe in eine von ihnen ab. Jeder trägt einen Helm mit Lampe, dazu kommen einige leistungsstarke Handleuchten, die Schnider verteilt.

Ohne Führer wäre ein Gang durch die 140 Meter lange Höhle sehr gefährlich. Seile zum Festhalten oder installierte Lampen fehlen. Außer ein paar Holzplanken an einigen Stellen auf dem Boden ist hier alles naturbelassen. An einer Tropfstein-Formation hält Schnider inne und sagt: «Das ist der Teufel vom Schrattenfluh.»

Die Geschichte der Entdeckung der Höhle war allerdings ein sehr irdischer Zufall, bei dem der Kuhstall über der Höhle und das natürliche Bedürfnis der Rinder eine wichtige Rolle spielten. Der Bauer jedenfalls wollte einen neuen Güllekasten bauen und grub ein Loch, das plötzlich erstaunlich tief wurde. Das war 1973.

Am Ende der Höhle angekommen, bleibt Schnider stehen. «Auf mein Kommando schalten wir jetzt alle mal das Licht aus und sind eine Minute still.» Was folgt ist eine Dunkelheit, wie sie wohl nur in solch einer tiefen Höhle noch zu finden ist.

Der feine weiße Nebel, der einem hier in der sieben Grad kalten Luft bei jedem Atemzug vor den Augen schwebt: nicht mehr zu sehen. Die Hand vor Augen: nicht zu erkennen. Alles tiefschwarz. Nur das Tropfen von Wasser und das leise Atmen der anderen klingen in den Ohren.

Kneippanlage mit Ausblick

Das Entlebuch bietet aber nicht nur Abenteuer im Karst. Das Wanderwegenetz ist groß und hält auch eine Menge leichter zu bewältigende Strecken bereit. Eine führt von der Gemeinde Flühli hinauf zu einer idyllisch gelegenen Kneippanlage. Ein gemütlicher Fußmarsch, bei dem sich immer wieder der Ausblick hinab ins Waldemmental öffnet.

Maja Zamudio bietet hier Führungen an. Und sie erklärt die wesentlichen Regeln des Kneippens, bei dem man den Körper unter anderem mit kaltem Wasser reizt. «Wer es übertreibt, dem ist am Abend schlecht», sagt Zamudio. «Und dann sagen die Leute, sie wollten nie wieder kneippen.» Damit das nicht passiert, erklären Tafeln in der Anlage die richtige Technik für jene, die ohne Führung herkommen.

Wer mit Kindern in die Gegend rund um das touristische Zentrum Sörenberg reist, findet Abenteuerspielplätze wie das Mooraculum, einen Naturerlebnispark, der rund um die Bergstation einer Gondel angelegt wurde. Oder die Sommerrodelbahn Rischli, die sich einen der typischen Hügel in dieser voralpinen Landschaft hinabzieht.

Erdbeeren vom Bauernhof

Spannend ist ein Besuch im Bauernhof Birkenhof. Hier grasen nicht nur Rinder, sondern wachsen auch Erdbeeren. Besitzer Christian Schnider baut auf zwei Feldern die roten Früchte an und beliefert mit ihnen das ganze Tal. Rentabel sei das nicht, sagt er. Aber es klingt ungewöhnlich und lockt Gäste an. Und vor allem den Kleineren unter ihnen macht es Spaß, Rinder, Schafe und Esel zu füttern.

Dabei gibt es auf einmal ein dumpfes Geräusch am Zaun. Ein Schaf fliegt einen Meter durch die Luft. Kuh Gina hat es zur Seite gerammt. Denn es stand im Weg zwischen ihr und dem leckeren Futter, das es bei den Kindern gibt. Gina ist 13 Jahre alt, was durchaus ein stattliches Alter ist, und deshalb nicht wie die anderen Rinder im Sommer auf den Wiesen weiter oben in den Bergen, wie Schnider erklärt. Hier unten ist sie offensichtlich die Chefin auf der Weide.

Eiger und Jungfrau im Blick

An einem anderen Tag geht es mit der Gondel hinauf zum Brienzer Rothorn. Das ist 2350 Meter hoch und damit der höchste Berg des Kantons Luzern. Der Berg markiert dessen Grenze zu den Kantonen Bern und Obwalden und bietet einen irrsinnigen Ausblick. Irgendwann hat jemand einmal genau nachgezählt: Bei guter Sicht sollen von hier aus 693 andere Gipfel zu sehen sein, darunter Eiger und Jungfrau.

Das Highlight ist aber der Blick hinab zum Brienzersee, der in türkisähnlichem Blau geradezu zu leuchten scheint. Von dessen Ufer aus winden sich die Dampfloks der Rothornbahn auf den Berg hinauf. Schwarzer Rauch zieht dann über die Felsen und Wiesen.

In Richtung Norden dagegen öffnet sich der Blick ins Entlebuch, weiter weg schimmert der Sarnersee. Dorthin führt von Sörenberg aus eine Panoramastraße über einen Pass, der in der Regel zwischen Mai und Ende Oktober geöffnet ist.

«Für Töff-Fahrer in der Schweiz ist die Straße ein Muss», sagt Ueli Mattmann, der beim Management der Biosphäre Entlebuch arbeitet. Doch nicht nur für Motorradfahrer ist die Straße ein Abenteuer.

Ein Pass wie ein Schleichweg

Wer mit dem Auto von Luzern aus über Giswil den Pass Richtung Entlebuch befährt, erlebt zunächst eine Strecke, die eher an einen Schleichweg zu den Bauernhöfen am Berg erinnert. Sie ist eng und sehr kurvig, doch der Ausblick immer wieder atemberaubend. Wem im Auto schnell mal schlecht wird, der fährt lieber von der anderen Seite nach Sörenberg, über die westliche Zufahrtsroute.

Ueli Mattmann sitzt im Restaurant unter dem Gipfel des Brienzer Rothorns. Es gibt Käsespätzle und die Frage steht im Raum, für wen ein Urlaub im Entlebuch das Richtige ist. Mattmann sagt: «Wer auf der Suche nach Action ist, dem wird hier nach einem Tag vielleicht etwas langweilig. Für Familien aber ist es hier ideal.»

Im zweiten Punkt möchte man Mattmann nicht widersprechen. Doch wer nicht gerade ein absoluter Adrenalinjunkie ist, der findet hier auch genügend Abenteuer. Ein Anruf bei Pius Schnider genügt.

© dpa-infocom, dpa:200427-99-852899/3

Veröffentlicht am:
29. 06. 2020
16:29 Uhr

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dpa

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16:29 Uhr



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