Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

 

Überraschende Eindrücke im katalanischen Girona

Girona ist viel mehr als ein Ausflugs-Quickie an der Costa Brava. Wer sich Zeit nimmt, erlebt intensiv die Vielgesichtigkeit der katalanischen Provinzhauptstadt am Fluss Onyar.



Häuserfassaden am Fluss Onyar
Die farbigen Fassaden der Häuser spiegeln sich im Wasser des Flusses Onyar.   Foto: Andreas Drouve » zu den Bildern

Hier will ich nie leben.» Das war der erste Gedanke, den Quim Puerto (45) hatte, als er im Alter von acht Jahren zum Arzt nach Girona musste. Damals empfand der Junge von der katalanischen Küste die Stadt im Inland als «feucht und verwahrlost».

Sein Bild von der Stadt hat sich inzwischen deutlich gewandelt: Seit eineinhalb Jahrzehnten lebt der studierte Touristiker hier - und ist mittlerweile begeistert von den aufgefrischten Ansichten, «dem Konzentrat aus 2000 Jahren Geschichte, der Kultur und der Gastronomie».

Am schönsten präsentiert sich Girona am Fluss Onyar: Im Wasser spiegeln sich bunte Häuserreihen, aufgeschichtet wie aus Legobaukästen, dazu die Türme der Kathedrale und der Basilika Sant Feliu. Unübersehbar auch die Fußgängerbrücke aus den Werkstätten Gustave Eiffels.

Überraschende Ansichten

Früher kam man nur nach Girona, wenn es an der Küste regnete, lautet ein böser Spruch. Dabei schwärmte schon in den sechziger Jahren der katalanische Schriftsteller Josep Pla (1897-1981) über die Stadt: Girona besitze «eine immense Persönlichkeit», es sei «eine scharfsinnige Stadt, die sich durch die Jahrhunderte hinweg erhalten hat, eine Stadt von angehäufter Sensibilität, von einer unerschöpflichen spirituellen Stärke, überraschend.»

Überraschende Ansichten gibt es in der Tat viele: Gassen, Plätzchen, Kopfsteinpflaster, Bruchsteinfassaden, Freiluftcafés und Balkone voller Blumentöpfe, Pflanzengehänge und trocknender Wäsche fügen sich zu einer Art Mosaik.

Besonders stimmungsvoll geht es am Abend zu, wenn die Tagesbesucher abgezogen sind. Dann verfängt sich auf dem Platz Independència der gedämpfte Stimmenhall von den Restaurantterrassen in den Arkaden. Dann atmet das Altstadtviertel Call wieder Stille, während das Laternenlicht über Treppenstufen und metallene Handläufe kriecht.

Eines der größten Judenviertel

Was so idyllisch wirkt, ist mit Tragik behaftet. Die Call um die Gassen Força und Sant Llorenç war im Mittelalter das Judenviertel Gironas, eines der größten in Spanien. Es gab Synagogen, Bäder, eine kabbalistische Schule, Wohnhäuser mit Innenhöfen und Gärten.

Girona brachte Gelehrte, Dichter und Ärzte hervor, doch auf Dauer stieg die Intoleranz gegenüber den Andersgläubigen. Ein Pogrom im August 1391 bedeutete den Anfang der Vertreibung der Juden aus Girona, die ein Jahrhundert später landesweit ihren traurigen Abschluss fand. Das Thema vertieft das gut aufbereitete Jüdische Geschichtsmuseum, zu dessen Exponaten Grabplatten vom jüdischen Friedhof zählen.

Monumentales Erbe und Kuriosa

Während im historischen Judenviertel wirklich Juden lebten, hat sich in den «Arabischen Bädern» (Banys Àrabs) woh kein Araber geaalt. Die Anlage aus dem Hochmittelalter wurde einzig dem Stil eines maurischen Badehauses nachempfunden. Ab dort schafft ein Aufstieg Anbindung an die Stadtmauerpromenade, deren freier Eintritt ein nettes Zeichen von Willkommenskultur setzt. Der Perspektivwechsel über Häuserdächer und Gärten ist fantastisch.

Im Blick liegt die Kathedrale, zu der eine breite Freitreppe aufsteigt, auf der sich gelegentlich Selfie-Darsteller in widersinnigsten Verrenkungen üben. Josep Pla sang einst sein literarisches Loblied auf die «ungeheure, herrschaftliche Gotik» des Doms, der «nicht einen, sondern hundert Besuche» verdiene.

Diese Meinung mag man im Vergleich zu anderen Kathedralen Spaniens nicht teilen, doch der Kirchenschatz bewahrt ein Highlight: den Schöpfungsteppich, ein Unikat romanischer Textilkunst mit dem Pantokrator im Zentrum, Lichtengeln, Meeresgetier und einer fast clownesken Sonne mit ihrem abstehenden Strahlenhaar.

Die Kuriosa setzen sich im Kreuzgang in Reliefszenen fort. Eine richtet den Fokus auf einen Höllenkessel mit züngelnden Flammen mit gehörnten Teufelsfiguren. Eine andere zeigt den Sündenfall, für den der Künstler - lokal inspiriert durch den Weinbau oder dessen Erzeugnisse - die Bibelstelle um die verbotenen Früchte als Verzehr von Trauben interpretierte.

Architektur, Begegnungen, Kulinaria

Zurück in andersartige Stücke Vergangenheit geht es im Museumshaus des Architekten Rafael Masó (1880-1935). Direktor Jordi Falgàs (54) übernimmt manchmal selber Führungen durch «dieses typische Haus der Bourgeoisie von vor hundert Jahren», das Masó im Stil des Noucentisme, des katalanischen Neoklassizismus, umgestaltete.

Das Anwesen über dem Onyar kommt genauso wenig von der Stange wie das, was Kunstschmied Sergi Cadenas (47) in seiner Werkstatt «Ferros d'Art Cadenas» nach alter Väter Sitte fertigt und Sergi Ballús (40) und Rose Rivas (45) im Altstadtrestaurant «Occi» avantgardistisch komponieren. Mit dem legendären Sternenbrecher «Celler de Can Roca», das schon als bestes Restaurant der Welt geadelt worden ist, können sie es freilich nicht aufnehmen.

Typisch für Gironas Küche ist die Fusion aus «Meer und Bergen» «Mar i Muntanya» - was sich beim Kochpaar Ballús und Rivas privat fortsetzt. «Schweinsfüße mit Hummer», schwärmt Rose von dem, was ihr Sergi daheim in der Küche am besten zubereitet. Im Restaurant wird man das jedoch nicht auf der Karte finden, bekräftigt Sergi Ballús, denn: «Das Gute daran ist, dass man sich ohne Scham die Finger ableckt - und zwar nicht in der Öffentlichkeit.»

Veröffentlicht am:
22. 08. 2019
06:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Gärten Historische Museen Hoch- und Spätmittelalter (1000 - 1419) Hotel- und Gastronomiegewerbe Juden Judenfriedhöfe Meeresküsten Mittelalter (500 - 1419) Synagogen Weinbau
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Höhenweg durch die Baumkronen

06.08.2020

In den Gewächshäusern von Kew Gardens

Hier versammeln sich botanische Superlative: das größte Gewächshaus, die langlebigste Topfpflanze, die älteste Orchideenkollektion. Das königliche Kew in London ist der Garten der Gärten. » mehr

Salvador Dalí

11.06.2019

So schön ist die Costa Brava abseits der Bettenburgen

Betonsünden, Urlaubermassen und Saufgelage prägen das Bild der Costa Brava mit ihrer Partyhochburg Lloret de Mar. Doch im Hinterland entspannt sich die Lage. Zeit für einen Ausflug. » mehr

Astoria Park

25.02.2020

Städtereise New York: Queens ist die Königin der Kulturen

Kunst, Kulinarik, Geschichte und 800 gesprochene Sprachen: Mehr Multikulti als in Queens geht nicht. Eine Erkundungstour durch New Yorks größten Stadtteil - mit einer, die dort zu Hause ist. » mehr

Nationalpark Bieszczady

16.07.2019

In diesem Nationalpark gibt es Wölfe und Wisente zu sehen

Im Bieszczady-Nationalpark leben wilde Wisente, Bären und Wölfe. Die nahezu unberührte Natur im Südosten Polens geht auf ein düsteres Kapitel der Landesgeschichte zurück. » mehr

Aturangi Nepia-Clamp

24.12.2019

Maori-Geschichte im schwimmenden Klassenzimmer

Auf einem traditionellen Segelboot lässt sich vor Neuseelands Nordinsel lernen, wie polynesische Seefahrer einst ohne Kompass den Pazifik überquerten. Doch unterwegs geht es nicht nur um Geschichte. » mehr

Blick auf Souvenirs

21.01.2020

Dem Herrn in Israel auf der Spur

Biblische Orte, grandiose Natur: Wer in Galiläa auf dem Jesus Trail von Nazareth zum See Genezareth wandert, lernt die Heimat des Messias abseits der Touristenpfade kennen. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
22. 08. 2019
06:14 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.