Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

 

Wo die Rocky Mountains noch einsam und unentdeckt sind

Wem es in den kanadischen Nationalparks im Sommer zu überlaufen ist, der kann im Geopark Tumbler Ridge noch echte Wildnis erleben - und dabei sogar in Dinosaurier-Spuren laufen.



Auf dem Herman Mountain
Oben wartet die Aussicht: Auf den Herman Mountain kommen Touristen mit dem Geländewagen.   Foto: Jörg Michel/dpa-tmn » zu den Bildern

Die Sensation ereignete sich an einem Herbsttag vor knapp 20 Jahren in der kleinen kanadischen Gemeinde Tumbler Ridge.

Daniel Helm und ein Freund trieben mit einem aufgeblasenen Reifenschlauch einen Fluß hinunter, als einer der Jungen ins Wasser fiel und die beiden ans Ufer schwimmen mussten.

Erleichtert und neugierig gingen sie auf eine kleine Entdeckungstour und machten dabei in einigen Felsplatten am Ufer seltsame Einbuchtungen aus. Die Verformungen sahen zackig aus und wiederholten sich alle paar Schritte. Was nur konnte das sein?

Prähistorische Fußspuren

Man zog Experten zu Rate. Danach war in Tumbler Ridge nichts mehr so, wie es einmal war. Was die Jungs in den nördlichen Rocky Mountains gefunden hatten, waren versteinerte Trittspuren von Dinosauriern.

«Wir hatten von Anfang an die Vorstellung, dass es sich um Dino-Fußabdrücke handeln könnte», erinnert sich Helm, der heute 27 Jahre alt ist. «Allerdings hat es eine Weile gedauert, bis auch die Erwachsenen davon überzeugt waren.»

100 Millionen Jahre Tumbler Ridge

Die Trittspuren stammen aus der Oberkreidezeit vor knapp 100 Millionen Jahren, als die Landschaften im Nordosten der Provinz British Columbia noch sumpfige Urwälder waren. Heute liegt die Region in den Bergen und gilt als Geheimtipp.

«Die Dino-Spuren haben Tumbler Ridge aus dem Dornröschenschlaf geweckt», erzählt der Geologe Cameron Drever, während er mit seiner Hand vorsichtig Staub vom Felsgestein streicht. Als er mit einer Taschenlampe Licht auf die Verformungen wirft, werden die dreizackigen Fußabdrücke klar als solche erkennbar.

Ein Mekka für Paläontologen

Drever arbeitet als Forscher in Tumbler Ridge und hat gerade Besucher über einen zwei Kilometer langen Wanderweg zum Flatbed Creek geführt, in die Nähe jenes Ortes, an dem die Kinder erstmals Spuren fanden. Seitdem hat man in der Region Dutzende weitere Spuren verschiedener Dinosaurierarten entdeckt, dazu mindestens 40 Knochenfelder.

Wegen ihrer geologischen Bedeutung haben die Vereinten Nationen die Region um Tumbler Ridge zu einem globalen Geopark erklärt, als einer von drei Orten in Kanada und 147 weltweit. Der Park ist der einzige Fleck der Erde, an dem man versteinerte Spuren von Tyrannosaurus Rex vorgefunden hat, die aus mehr als einem Fußabdruck bestehen.

Gletscher, Bergseen und kaum Touristen

Trotzdem ist Tumbler Ridge alles andere als überlaufen: Während sich eine Tagesreise weiter südlich im Sommer die Besuchermassen in Nationalparks wie Banff, Jasper oder Yoho drängeln und viele Campingplätze über Monate hinweg ausgebucht sind, stehen die Rocky Mountains rund um Tumbler Ridge noch für das einsame Kanada.

«Wir haben hier einige der spektakulärsten Gletscher, Bergseen, Wildwasserflüsse und Wasserfälle der Rockies zu bieten, aber garantiert ganz ohne Massentourismus», sagt Randy Gulick, der im Ort ein Tourunternehmen führt.

Größer als die Niagarafälle, aber trotzdem kaum Besucher

Gulick steht unweit des Dorfes am Ufer des Murray River und wirft sein High-Speed-Boat vom Typ Invader an. Die Motoren heulen auf, und schon geht es los. Das Ziel ist eines der spektakulärsten Naturdenkmäler in British Columbia : Der Kinuseo-Wasserfall im Monkman Provincial Park ist einige Meter höher als die Niagarafälle und wird doch nur von wenigen Tausend Besuchern im Jahr gesehen. Erreichbar ist er über eine knapp 50 Kilometer lange Schotterstraße oder mit Booten.

Der Invader pflügt sich durch das flache Wasser. Erst geht es unter Brücken hindurch, dann mitten durch die Wildnis. An einer Flussbiegung kämpft sich Gulick durch einen Stau aus Holzstämmen, nach etwa einer Stunde taucht der rauschende Fall auf.

Von New Mexico bis British Columbia

Das Rauschen der Gischt ist ohrenbetäubend, das Boot wippt auf und ab im aufgewühlten Wasser. Ein Regenbogen spiegelt sich in der Sonne, die es immer wieder durch die Wolken schafft.

Über den Fällen prangen S-förmige Gesteinsfalten, die aus der Trias-Epoche vor 250 Millionen Jahren stammen, als sich der Meeresboden nahe dem damaligen Superkontinent Pangea hob und so die Rocky Mountains formte, die heute von New Mexico in den USA bis ins nördliche British Columbia reichen.

Wild und steil geht es bergauf

Auf einen Gipfel dieser Bergkette geht es anderntags, nicht zu Fuß oder per Bergbahn wie in den meisten Nationalparks, sondern mit einem Allradwagen. Das ist rund um Tumbler Ridge erlaubt, auch Quadfahrzeuge oder Motorschlitten im Winter sind üblich.

Der Wagen kämpft sich im Schritttempo über alte Feldwege und Forststraßen, die einst von den Bergwerksunternehmen angelegt wurden. Es geht steil bergauf, über matschige Pisten, durch Eis- und Schneefelder, an schwindelerregenden Abhängen und Bergkämmen entlang. «Wir werden schon nicht abstürzen», scherzt Gulick.

Grizzlybären und eine menschenleere Wildnis

Nach einer Stunde Fahrt ist das Ziel erreicht: der Gipfel des Hermann Mountain auf knapp 1.700 Metern. Der Blick auf die nördlichen Rocky Mountains ist umwerfend: Man erkennt ausladende Waldlandschaften, Seen, Schneefelder und Gletscher, ab und zu auch alte Minen. Auf dem Rückweg springen zwei Grizzlybären aus dem Straßengraben.

Weniger Action bieten die Hänge des Mount Babcock, eine Autostunde südlich von Tumbler Ridge gelegen. Hier beginnen einige der schönsten Wanderwege im Geopark, die sich auf eine Länge von insgesamt 300 Kilometer summieren und die zum Teil durch menschenleere Wildnis führen.

Geformt durch geoligesche Kräften

Das gilt auch für den Weg durch den Boulder Garden mit bizarren Felsformationen und Zinnen, die bei der Entstehung der Rocky Mountains geformt wurden. «Hier waren einst enorme urzeitliche Kräfte am Werk», sagt Geologe Drever.

Nach einer guten Stunde erreicht Drever den sogenannten Shipyard, eine Serie markanter Felstürme, die optisch Schiffen ähneln sollen. Ein paar Felskletterer versuchen hier ihr Glück, an einem Abhang grast eine Herde zotteliger Bergziegen und blickt hinüber.

Der Shipyard ist ein rauer, abgelegener und vergessener Ort mitten in den unendlichen Weiten der Rocky Mountains, wo das Land heute noch so scheint, wie es einmal überall gewesen sein muss: einsam, ursprünglich und unentdeckt.

Man wäre nicht überrascht, wenn an diesem Ort jetzt auch noch Dinosaurier um die Ecke bögen.

Veröffentlicht am:
06. 08. 2019
09:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bergbahnen Flüsse Geologie Landschaften Massentourismus Niagarafälle Paläontologinnen und Paläontologen Rocky Mountains Superkontinente UNO Wasserfälle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Luis do Cruz

31.03.2020

Im «Sterngebirge» das alte Portugal entdecken

Einsame Wanderpfade, Schäfertradition und archaisch anmutende Feste: In der Serra da Estrela erleben Reisende ein Portugal, das woanders längst verschwunden ist. » mehr

Norman Kreutz

16.12.2019

Abfahrten im Tiefschnee Westkanadas

Weg von der Piste: Wer einmal das Glücksgefühl einer Fahrt im Pulverschnee erlebt hat, will immer mehr davon - und irgendwann mal seine Schwünge im legendären «Champagne Powder» ziehen. » mehr

Büste von Gabriel García Márquez

03.09.2019

In Kolumbien den Zauber der Vergangenheit spüren

Kolumbiens Kolonialstädte locken mit Geschichte, beeindruckenden Naturlandschaften und schöner Architektur. Aber es gibt hier mehr zu erleben: etwa Weltliteratur zum Nachleben oder leckere Ameisen. » mehr

Sonnenschein und Tiefschnee ohne Ende

29.10.2019

Urlaub im georgischen Skigebiet Gudauri

Gudauri ist das größte Skigebiet Georgiens - und seit einem Liftunfall weltweit bekannt. Dem Skiboom im Kaukasus hat aber weder das virale Video davon noch der Konflikt mit Russland geschadet. » mehr

Golden Gate Bridge

13.08.2019

Mit dem «California Zephyr» durch den Wilden Westen reisen

Zwei Tage, drei Stunden und 20 Minuten dauert die Reise von Chicago an die Bucht von San Francisco, garantierte Verspätung nicht mitgerechnet. Doch im «California Zephyr» genießen Fernzugfans die Verzögerungen: Wer Zeit ... » mehr

La Dragonera

30.07.2019

Wo Mallorca ruhig und einsam ist

Mallorca ist immer überfüllt - auch wenn es mal eine kleine Flaute gibt? Nicht unbedingt. Man muss nur die ruhigen Orte kennen. Eine Erkundung der Insel zur Hochsaison abseits der Massen. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
06. 08. 2019
09:32 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.