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Zugvogeltage im Nationalpark niedersächsisches Wattenmeer

Herbst ist im Wattenmeer Zugvogelzeit. Millionen Vögel machen hier Rast auf dem Weg in die Winterquartiere. Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer macht dieses Naturschauspiel zum Thema.



Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer
Im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer können sich Hobbyvogelkundler und Experten auf die Suche nach Zugvögeln machen. Foto: Deike Uhtenwoldt   Foto: dpa » zu den Bildern

Gern würde man die Protagonisten fragen, was sie von dem Schauspiel halten: Fünfzig Menschen stehen auf dem Hauptdeich, blicken durch Fernrohre auf Salzwiesen und die Nordsee, zücken Kameras und zeigen einander höflich einen Vogel.

«Da, haben Sie gesehen, ein Steinspatz?» Oder: «Rechts vor dem Schilf ein Silberreiher und dahinter drei Graureiher.» Doch die so bewunderten Protagonisten selbst schweigen. Sogar die Austernfischer sind verstummt. Und mancher Greifvogel sucht so schnell das Weite, dass sich die Experten streiten: «Das könnte ein Raufußbussard gewesen sein, schwer zu sagen, er war zu weit weg», sagt Werner Menke. «Aber für einen Bussard hatte der nicht die richtige Flugstellung», widerspricht Raimund Pott.

Pott ist Hobbyvogelkundler und hat jedes Jahr neun Oktobertage fest in seinem Kalender geblockt: Es sind die niedersächsischen Zugvogeltage , die sowohl an der Nordseeküste zwischen Cuxhaven und Greetsiel als auch auf den ostfriesischen Inseln stattfinden.

Auch Schutz des Wattenmeeres ist ein Ziel

Für die Exkursion «Zugvögel erleben im Weltnaturerbe Wattenmeer» unter Leitung von Menke haben sich diesmal rund fünfzig Interessenten angemeldet. Treffpunkt ist das Nationalpark -Haus Wangerland im Ortsteil Minsen. Es wird betrieben von der gleichnamigen Gemeinde und der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz, kurz WAU.

Was unfreiwillig nach Hund klingt, hat vor allem mit der Vogelwelt zu tun. Und natürlich dem Schutz des Wattenmeeres, wie der Vereinsvorsitzende Menke betont. «Wir haben dafür gesorgt, dass die großen Salzwiesengebiete im Elisabeth-Außengroden unter Naturschutz gestellt wurden - lange bevor es den Nationalpark gab.»

Programm richtet sich nicht nur an Experten

Es geht nicht darum, in neun Tagen zum Vogel-Experten zu werden. Die Ziele der Zugvogeltage sind weiter gefasst, das Programm richtet sich auch an Familien, Kinder, Touristen. «Es geht um die Bedeutung des Wattenmeeres - vermittelt über schöne Bilder und den Einblick in den Lebensraum der Vögel», sagt Nationalpark-Ranger Gundolf Reichert.

Für fast alle Zugvogelarten aus Nordeuropa und Sibirien sei das Wattenmeer entweder Rast- oder Überwinterungsgebiet - und in jedem Fall zentral. «Alles was die Vögel brauchen ist ein intaktes Ökosystem mit entsprechenden Nahrungsressourcen sowie Ruhe.»

Das mit der Ruhe ist für die Nationalparkverwaltung ein Balanceakt: Einerseits will sie die Menschen möglichst nah an die Vogelwelt heranführen, andererseits die Tiere auf keinen Fall stören. Als Kompromiss hat Reichert eine Beobachtungsplattform hinter dem Vareler Hafen aufgebaut, am südlichsten Punkt des Nationalparks.

Auch Falken können gesichtet werden

Durch die Spektive - eine Mischung aus Teleskop und Fernglas - und mit Unterstützung der Vogelkundler kann man die Vögel genauer bestimmen. Und kurz vor der Flut, wenn sie dem Turm näherkommen, werden Reichert und ein Kollege die Vögel sogar grob zählen: 3440 Brandgänse, 1260 Lachmöwen, 260 Säbelschnäbler an nur einem Tag. «Wir hatten aber heute auch schon einen Merlin», sagt Reichert.

Wer tatsächlich Vogelzug erleben will, sollte früh aufstehen, so wie Raimund, der vor Sonnenaufgang die MS «Jens Albrecht» am Außenhafen Hooksiel besteigt, um ziehende Gänse zu beobachten: «Das kriegt man im Binnenland nicht so richtig», sagt der Ruheständler.

Die Gäste an Bord bekommen pünktlich zum Sonnenaufgang über der Nordsee Brötchen und Kaffee serviert. Rund um die Vogelschutzinsel Minsener Oog finden sich auch ein paar Nonnen- und Ringelgänse, aber die großen Trupps bleiben an diesem Tag aus. «Das ist eben Natur», sagt Raimund. Jetzt muss er ein Jahr warten.

Region zählt zu den Artenreichen

Nach dem Vogelzug ist vor dem Vogelzug - daran hat Werner Menke schon Anteil genommen, als es die Zugvogeltage noch gar nicht gab. «Unser Verein hat immer schon Exkursionen zu den Salzwiesen durchgeführt und Vorträge gehalten», erklärt er. Jetzt sei das Programm konzentrierter und vielfältiger geworden.

Der pensionierte Lehrer spricht auch mal über Zugvögel in der Lyrik: «Ich bin ja auch Germanist.» Früher hat er Heranwachsenden Deutsch und Biologie beigebracht, jetzt geht es um die Natur in der Natur.

Menke reicht seinen Gästen salzigen Queller, auch Meeresspargel genannt, freut sich über die Bartmeisen, die dahinter auffliegen und kann am Ende selbst das Rätsel um den vermeintlichen Raufußbussard noch lösen.

Als der Greifvogel noch einmal über dem Meer abdreht und zurückkehrt, lässt er sich vom Fernglas einfangen: «Das ist eine Kornweihe», ruft Menke. Eine von 150 Vogelarten insgesamt, die im Wangerland während der Zugvogeltage gesichtet wurden.

Veröffentlicht am:
04. 10. 2019
11:49 Uhr

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dpa

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04. 10. 2019
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