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Von Ochsenaugen und Pilzdächer

Maurischer Stil, Brutalismus und Moderne: Wer glaubt, in Georgien empfangen einen nur Plattenbauten aus Sowjetzeiten, der täuscht sich. Das Land bietet eine Vielfalt architektonischer Denkmäler.



Staatsbank von Georgien
Im ehemaligen Ministerium für Straßenbau ist jetzt die Staatsbank von Georgien beheimatet.   Foto: Annette Meinke-Carstanjen/dpa-tmn » zu den Bildern

Es gibt Momente, in denen sich die Jahrhunderte zu überlagern scheinen. Oft geschieht dies durch die Architektur - und besonders häufig sind solche Augenblicke in Georgien.

Römer, Araber, Perser, Russen: Viele Völker haben versucht, in dem Land am Kaukasus Fuß zu fassen. So springen einem besonders im Zentrum der Hauptstadt Tiflis Baustile verschiedener Epochen gleichzeitig ins Auge.

Das alte Tiflis

Hoch oben auf dem Solaki-Gebirgskamm über der Altstadt thront die mittelalterliche Burgruine Narikala. Die Festung stammt aus dem 3. Jahrhundert und wurde unter persischer Herrschaft erbaut. Die meisten der noch erhaltenen Gebäudereste stammen aus dem 8. Jahrhundert.

Unterhalb der Burg liegt die Altstadt. Im Bethlehem-Viertel tragen viele Wohnhäuser die für Georgien typischen Holzbalkone, die sich mit kunstvollen Ornamenten über mehrere Etagen ausbreiten. Häuser dieser Art findet man auch in anderen georgischen Städten wie Telawi oder Sighnaghi. Teilweise wurden die Häuser in jüngster Zeit aufwendig saniert. Andere wiederum sind derart baufällig, dass sie mit Hilfe von Stahlträgern vor dem endgültigen Zerfall geschützt werden.

Russischer Klassizismus und Neobarock

Zeitenwechsel jenseits der Stadtmauer an der Baratschwili-Straße. Georgien musste sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gegen Angriffe verteidigen. Ende des 18. Jahrhunderts rief das Land Russland zu Hilfe, als Tiflis von Schah Aga Khan Mohammed überfallen wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Provinzen in das Russische Reich eingegliedert. 1844 wurde General-Feldmarschall Graf Michail Semjonowich Woronzow zum Vizekönig ernannt.

Woronzow wollte die Stadt nach westeuropäischem Vorbild aufbauen lassen. Aus dieser Zeit stammen die im Stil des russischen Klassizismus gebauten Häuser rund um den Freiheitsplatz.

Vom Rathaus geht direkt der Rustaweli Boulevard ab, Flaniermeile von Tiflis. Dort stehen Prachtbauten aus dem 19. Jahrhundert im Stile europäischer Großstädte wie Paris oder Barcelona. Dazwischen das alte Parlamentsgebäude, das Institut für Georgische Literatur und das Gymnasium. Auch das Opernhaus befindet sich am Rustaweli Boulevard.

Das staatliche Akademie-Theater ist beheimatet in einem neobarocken Gebäude. Kornell Tatischtschew und Aleksander Szymkiewicz entwarfen den Prachtbau, der in den Jahren 1898-1901 erbaut wurde. Die Fassade wird geschmückt durch Girlanden um die teils runden Fenster, der Eingang mit korinthischen Säulen und das Dach mit Ochsenaugen.

Sowjetische Moderne

Etwas weiter stadtauswärts Richtung Schwarzmeerküste steht am Ufer der Kura das ehemalige Ministerium für Straßenbau von 1975. Unverkennbar ein Beispiel für sowjetischen Brutalismus mit seiner klaren Struktur aus geometrischen Formen und Sichtbeton. Seit 2011 sitzt in dem Gebäude die Georgische Staatsbank.

Hochhäuser im sozialistischen 70er-Jahre-Stil findet man vor allem in den Außenbezirken von Tiflis.

Ultramoderne außerhalb von Tiflis

Nach dem Fall der Sowjetunion erklärte sich Georgien 1991 für unabhängig. Die politische Situation in der ehemaligen Sowjetrepublik war dennoch jahrelang unsicher. Es herrschten phasenweise bürgerkriegsähnliche Zustände, bis 2004 infolge der Rosenrevolution Micheil Saakaschwili mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde. Saakaschwili wollte das Verwaltungssystem des Landes umgestalten und den Blick nach Europa richten. Dies sollte für die Georgier auch sichtbar werden in neuen Formen öffentlicher Gebäude.

Dazu holte er mehrere europäische Architekten ins Land, allen voran den deutschen Jürgen Mayer H. aus Berlin. Mayer gestaltete unter anderem in der Kleinstadt Mestia im Großen Kaukasus das Flughafengebäude in Form des Buchstabens J, mehrere Polizeistationen und Autobahn-Raststätten. Die Gebäude bestehen aus dreidimensionalen Betonelementen, die durchgehend an grafische Muster erinnern.

Das neue Tiflis

Weniger wuchtig wirkt das Innenministerium in Tiflis. Die Fassade ist besteht aus gerundetem Glas. Das wellenförmige Äußere bildet mit der anschließenden Grünfläche ein Ensemble. Im Inneren ist der Bau L-förmig angelegt. Entworfen wurde das Gebäude von dem Italiener Michele de Lucchi, genauso wie die Friedensbrücke, die in der Stadtmitte die beiden Ufer der Kura verbindet.

© dpa-infocom, dpa:200708-99-719131/4

Veröffentlicht am:
09. 07. 2020
04:32 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
09. 07. 2020
04:32 Uhr



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