Lade Login-Box.
Corona Newsletter
Topthemen: Coronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf Instagram

 

Was uns fehlt, wenn wir nicht mehr reisen können

Ich reise, also bin ich - aber was, wenn das plötzlich nicht mehr möglich ist? Wegen der Corona-Krise müssen wir alle vorerst zu Hause bleiben. Was macht das mit uns?



Leerer Strand in Ägypten
Die Sonnenbetten an der ägyptischen Küste bleiben gerade leer, sind für viele Reisende aber weiter ein Fernwehziel.   Foto: Benjamin Nolte/dpa-tmn » zu den Bildern

Urlaub heißt Glück: Diese Gleichung durchzieht die Geschichte vom Tourismus. Die Tui zum Beispiel wirbt mit dem  Spruch «Discover your Smile» (Entdecke dein Lächeln). Fast so, als gäbe es erst dann einen Grund zur Freude, wenn man endlich die Koffer packen kann. Doch damit ist es nun vorbei.

Nicht nur Tui hat wegen Corona vorerst alle Reisen abgesagt. Urlaub ist generell unmöglich geworden, ohne Ausnahmen und Schlupflöcher: Die Reisewarnung der Bundesregierung gilt weltweit. Statt in die Welt hinaus zu fliegen, werden die Bürger nach Hause gebracht. 

Die große Erzählung vom Traumurlaub

Nicht nur kommerzielle Veranstalter preisen in der Aussicht auf dicke Umsätze das Reiseglück, es sind vor allem die Urlauber selbst. Selfies auf Instagram und per Whatsapp senden die Botschaft: Ich habe eine tolle Zeit! Die Sommerferien gelten als «die schönsten Wochen des Jahres», als Höhepunkt unseres Daseins. Da kann gerade noch Weihnachten mithalten.

Was macht es mit uns, wenn der Glücksfaktor Reisen plötzlich wegfällt? Wenn wir alle auf unabsehbare Zeit daheim bleiben müssen? Spazieren im Park statt Sardinien oder San Francisco. 

Der Zukunfts- und Tourismusforscher Prof. Horst Opaschowski hat das Reisen mehr als 30 Jahre untersucht - warum die Menschen unterwegs sind, wohin sie fahren, was sie in der Ferne suchen. Dass sie plötzlich nirgendwo mehr hin können, gab es aber noch nie.

Die Angst vor den eigenen vier Wänden

Der Befund des Experten ist eindeutig: «Ohne das Reisen drohen den Menschen Entzugserscheinungen», sagt Opaschowski. «Denn das Reisen gehört einfach zum Menschen. Wir waren mobil, bevor wir sesshaft wurden.» Die Geschichte des Menschen sei eine Geschichte der Mobilität und des Reisens. Die Fallhöhe ist also groß.

Opaschowski verweist auf einen bekannten Spruch des französischen Gelehrten Blaise Pascal (1623-1662), der sinngemäß besagt: Alles Unheil rührt allein daher, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrem Zimmer sitzen können. Horror vacui: die Angst vor der Leere.

Wir können jetzt niemand anderes mehr sein  

«Reisen ist die populärste Form von Glück», sagt Opaschowski. Das liege an zwei Dingen: «Reisen ermöglicht den Ortswechsel und auch den Rollenwechsel.» Beides sei im Moment nicht möglich. «Jeder spielt im Urlaub und auf Reisen eine andere Rolle, was man oft schon an der Kostümierung sieht.» Nun sei jeder auf sich selbst zurückgeworfen - der Ausbruch aus dem Gewohnten fehlt.

Und es gibt noch einen anderen Effekt: Ohne das Reisen ist einfach weniger Action. «Die treibende Kraft für Mobilität und Reisen ist die Angst, im Leben etwas zu verpassen», sagt Opaschowski. Je jünger die Menschen, umso bedeutender das Reisen. In der Tat konnte man in den vergangenen Jahren den Eindruck gewinnen, dass das Reisen zu dem Statussymbol und Sinnstifter schlechthin geworden ist. Gefühlt musste jeder auch einmal nach Bali und New York.

Wäre nun die Zeit, den Billigflieger-Hedonismus zu hinterfragen, die hektischen Wochenendtrips nach London, Rom oder Barcelona? Der Experte ist skeptisch: «Das ist die Wunschvorstellung, aber ich glaube, sie wird so nicht funktionieren. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass wir immer wegkönnen.» Die Tourismusindustrie sei gleichzeitig Langweile-Verhinderer und Langweile-Produzent. Wie das? «Weil man abhängig wird», sagt Opaschowski.

Angenehme Ruhe hat ein Verfallsdatum

Aber ist es nicht auch mal schön, das Zuhause zu genießen? Es kommt wohl darauf an, wie lange der Reisestopp andauern wird. «Das eigene Haus kann noch so schön gestaltet sein, irgendwann muss man einfach raus», schätzt Opaschowski. «Da ist dieses Bedürfnis: raus aus dem Alltag, raus den Gewohnheiten, den Terminen und der Routine.» Der Mensch brauche einfach den Kontrast zum Alltag. 

Opaschowski glaubt auch nicht daran, dass die verordnete Ruhe, die nun ins Leben einkehrt, auf Dauer wirklich gut tut. Er vergleicht das mit der Sehnsucht nach dem Ruhestand. «Es gibt viele, die sich darauf freuen, wenn das Arbeitsleben zu Ende ist. Die freuen sich riesig darauf, mal die Wohnung aufzuräumen. Aber das hält dann nicht ewig an», glaubt der Zukunftsforscher. 

Natürlich sei jede Form von Langeweile eine Chance, zu sich zu kommen. «Man kann das vorübergehend auch genießen. Aber der Mensch ist ein tätiges Wesen, er muss etwas um die Ohren haben», sagt Opaschowski. Der Kreislauf sei folgender: Die Unrast, etwas tun zu müssen, führt zu Stress. Und so sehnt man sich nach Ruhe. Wenn die dann aber da ist, kann man sie auf Dauer nicht ertragen.

Die nächste Reise kommt bestimmt

Bis die Corona-Pandemie überstanden ist, bleibt uns nichts zu tun, außer Pläne zu schmieden - und von Reisen in der Zukunft zu träumen. Vorfreude ist ja auch eine Form von Glück.  

Wird sich das Reisen durch die Krise dauerhaft verändern? Daran glaubt Opaschowski nicht: «Ich habe die Ölkrise, Tschernobyl, den Golfkrieg 1991 und die Anschläge vom 11. September erlebt», erzählt der Forscher. «Immer hieß es: Nichts wird mehr so sein, wie es war. Aber das hat nie gestimmt.»

Veröffentlicht am:
24. 03. 2020
10:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angst Blaise Pascal Freude Gelehrte Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Reisewarnungen Terroranschläge am 11. September 2001 Urlauber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Zukunftsforscher Ölkrise
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Singapore Changi Airport

22.10.2019

Frust und Freiheit über den Wolken

Fliegen ist anstrengend und gilt inzwischen als Klimasünde. Dabei war es einmal ein erhabenes Erlebnis. Eine Flugreise um die Welt - auf der Suche nach einem Gefühl, das verloren scheint. » mehr

Killing Fields

20.12.2018

Sieben typische Ziele für Dark-Touristen

Grüfte, Gedenkstätten, Vernichtungslager: Solche Orte erzählen vom Tod, oft auch von beispielloser Unmenschlichkeit. Und doch locken sie viele Urlauber aus aller Welt. Das Besichtigen von Sehenswürdigkeiten mit düsterer ... » mehr

Kreuzfahrtschiff

13.03.2020

Die Kreuzfahrt in der Corona-Krise

Lange boomte die Kreuzfahrt scheinbar unaufhaltsam. Dann kam das neue Coronavirus. Seereisen werden nun zunehmend unmöglich. Wie reagieren die Reedereien - und was heißt das für Urlauber? » mehr

Aussichtsplattform «The Edge» in New York

09.03.2020

Spektakuläre Aussichtsplattform eröffnet in New York

Wohl fast jeder schwindelfreie New-York-Tourist möchte die Stadt auch von oben sehen. Bislang wetteifern hauptsächlich Empire State Building, Rockefeller Center und One World Trade Center um Besucher. Jetzt kommt eine ne... » mehr

Seelöwen in San Francisco

17.01.2020

Seelöwen begeistern seit 30 Jahren Gäste in San Francisco

Das laute Bellen hört man schon von Weitem, dann der Gestank: Die Seelöwen am Pier 39 locken jedes Jahr Millionen Schaulustige an, nun schon seit 30 Jahren. Das Jubiläum wird groß gefeiert. » mehr

Straßenwerkstatt in Zagora in Marokko

21.01.2020

Über Land durch Afrika im Geländewagen

Es war ein echtes Reiseabenteuer: Maximilian Brommer hat Afrika mit dem Geländewagen durchquert. Er traf unterwegs korrupte Polizisten und herzensgute Menschen - und gibt Tipps für den Roadtrip. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
24. 03. 2020
10:32 Uhr



^