Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

 

Matterhorn und Mont Blanc kränkeln durch Klimawandel

Der Mont Blanc und das Matterhorn sind zwei der berühmtesten Berge der Alpen. Doch der Klimawandel verändert sie tiefgehend. Auch auf einer herbstlichen Wandertour lauern Gefahren.



Matterhorn
Der Klimawandel hinterlässt Spuren - auch auf dem Matterhorn. Uralte Bergsteigerrouten werden zu gefährlich.   Foto: dpa

Der Bergführer ist am Matterhorn mit seinem Gast kurz unter dem Gipfel unterwegs, als die Tragödie passiert: die beiden Männer stürzen im Juli aus 4300 Metern in den Tod, weil ein Stück Fels ausbricht.

Im August bricht oberhalb von Brienz in Graubünden ein 100 Tonnen schwerer Felsbrocken ab und stürzt auf ein Feld neben einer Schule. Auf italienischer Seite am Mont Blanc bewegt sich ein Gletscher schneller in Richtung Tal. Der Bürgermeister lässt Straßen sperren. Die Menschen sind alarmiert. Was ist mit den Alpen los?

Bergsteigerrouten werden zu gefährlich

Dass das Matterhorn bröckelt und seine weltbekannte Gestalt mit der zipfelmützenartigen Spitze demnächst verliert, ist nicht zu erwarten. Dass uralte Bergsteigerrouten zu gefährlich werden, dagegen schon. Der Klimawandel hinterlässt Spuren. «Patient Matterhorn», titelt die «Schweizer Illustrierte». Jan Beutel, Bergführer und Forscher an der Schweizer Elite-Universität ETH, hat vor elf Jahren am Matterhorn Sensoren installiert. «Da, wo wir früher unseren Rastplatz hatten, sollte man sich heute nicht mehr länger aufhalten», sagt er. Steinschlaggefahr. «Alles, was größer ist als ein halber Apfel, ist potenziell tödlich.»

Felsveränderungen habe es zwar schon immer gegeben. Aber: «Keine Frage: es gibt zunehmend größere Felsstürze», sagt Beutel. Die ETH-Forscher untersuchen den Einfluss des Klimawandels auf die Stabilität von steilen Felswänden. Sie haben auf 3500 Metern Höhe an 29 Stellen Geräte installiert, die seit 2008 praktisch rund um die Uhr unter anderem Fotos machen, Spalten und Schwingungen messen und akustische Signale registrieren. Die Grundlagenforschung soll Muster für Vorhersagen möglicher Felsstürze liefern.

Permafrost taut auf

Für das Bröckeln ist unter anderem das Auftauen des Permafrosts verantwortlich. Permafrost ist Gestein und Sediment, das das ganze Jahr über gefroren ist. «Wir sehen beim Permafrost einen deutlichen Trend zur Erwärmung, der sich insbesondere seit 2010 zeigt», sagt Jeannette Nötzli, Permafrost-Expertin am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos.

Im Rahmen des Schweizer Permafrostmessnetzes (PERMOS) misst Nötzli mit anderen Wissenschaftlern an 16 Standorten in den Schweizer Alpen die Permafrosttemperaturen in Bohrlöchern von 20 bis 100 Metern Tiefe. Im Sommer tauten die obersten Meter der Permafrostschicht auf. «Es gibt eine klare Tendenz, dass diese Auftauschicht immer mächtiger wird», sagt Nötzli.

Am Blockgletscher Corvatsch-Murtèl bei St. Moritz in Graubünden ist der Permafrost in 20 Metern Tiefe minus 1,2 Grad Celsius kalt, gut ein halbes Grad wärmer als zu Beginn der Messungen vor 32 Jahren. Der Unterschied mag sich gering anhören. Doch seien die meisten Permafrostvorkommen in den Alpen nur wenige Grad unter Null kalt und schon eine kleine Temperaturzunahme könne große Folgen haben, sagt Nötzli: «Wärmeres Eis verformt sich schneller und ist weniger stabil.» Das führe etwa dazu, dass Blockgletscher sich schneller bewegten, wie «eisdurchsetzte kriechende Schutthalden».

Immer mehr Schnee schmilzt

Zum Tauen der Permafrostschicht kommt, dass bei den höheren Temperaturen mehr Schnee schmilzt und Wasser in Felsspalten dringt, sagt Beutel. Dabei baue sich enormer Wasserdruck auf, der irgendwann Felsstücke wegsprengen könne.

Das Bundesamt für Umwelt schätzt den Anteil instabiler Gebiete auf sechs bis acht Prozent der Fläche. An der Zunge des größten Gletschers der Alpen, des Aletsch, rutschte im Oktober 2016 ein Hang weg und verschüttete Wanderwege. Die Gefahren veranlassen Bergführer zu neuen Mahnungen: «Die Alpen sind kein Freizeitpark», sagt Beutel. «Manche Wanderer schauen sich im Netz Fotos von Bergtouren an, gehen einfach los und stellen dann fest, vor Ort schaut es ganz anders aus», sagt Sägesser.

Anders sieht es mittlerweile auch auf dem höchsten Berg der Alpen aus, dem Mont Blanc. Das meint zumindest einer, der ihn schon mehrmals bestiegen hat. Er erkenne den Berg nicht wieder, sagte der 76-jährige italienische Bergführer Pietro Giglio unlängst der Zeitung «La Repubblica». «Bis vor kurzem war der Weg zum Gipfel auf italienischer Seite nicht viel anders als zu meiner Jugendzeit. Jetzt ist der Anstieg sehr steil, überall tauchen Felsen auf, die das Eis freigelegt hat. Weiter unten öffnen sich immer größere Risse schon zu Beginn der Saison», so Giglio.

Alarmstimmung wegen Planpincieux-Gletscher

Auf der italienischen Seite des Mont Blancs, der an der Grenze zu Frankreich steht, ist gerade Alarmstimmung. Denn dort bewegt sich der spektakuläre Planpincieux-Gletscher infolge der Erwärmung schneller in Richtung Tal. Der Bürgermeister des beliebten Skiorts Courmayeur ließ aus Sorge vor einem Abbruch zwei Zugangsstraßen im Val Ferret sperren. Ein Radar wurde am Gletscher angebracht, um jeden Tag zu verfolgen, wie sich die Eismassen bewegen.

Könnten nun tonnenweise Eis herabrutschen und Bewohner und Touristen unter sich begraben? Nein. «Für das Val Ferret gibt es kein Risiko, selbst wenn 250.000 Kubikmeter herunterrutschen», sagte der Klimatologe Massimiliano Fazzini von der Universität in Ferrara. Er warnt vor überzogenen Warnungen in dem speziellen Fall. «Einwohner und Touristen sind nicht in Gefahr - selbst wenn Touristen paradoxerweise von der jetzigen Situation angezogen werden.» Wenn der Gletscher kollabiere, dann sei aber auch die Touristenattraktion dahin.

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
10:49 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Berge Bergtouren Eismassen Gerät Klimatologen Messtechnik Sensoren und Sensortechnik Touristen Wanderer Wandertouren
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Nachtwandern im Naturpark Dobratsch

vor 3 Stunden

Kärnten: Besinnliches Nachtwandern im Naturpark Dobratsch

Mit der Laterne in der Hand durch den winterlichen Wald auf den Berg wandern - begleitet von Sagen und Sternen: Das Vergnügen erwartet Urlauber am Dobratsch in Kärnten. Ein Ausflug in die Dunkelheit. » mehr

Lesachtal

24.06.2020

Österreichs ursprüngliche Alpentäler

Die Alpen warten: Ab Mitte Juni wird Urlaub in Österreich wieder möglich sein - aber wohl abseits großer Menschenaufläufe. In diesen idyllischen Tälern entgehen Erholungssuchende den Massen. » mehr

Camino Primitivo

24.06.2020

Sieben Spanien-Tipps für Corona-Zeiten

Menschenleere Sandstrände statt Badeurlaub wie in der Sardinenbüchse, schmucke kleine Dörfer statt überlaufene Innenstädte: Spanien hat viel mehr zu bieten als die altbekannten Touristenmagneten. » mehr

Olof Henriksson

30.03.2020

Wandern durch Värmland auf dem Fryksdalsleden

Der Fryksdalsleden in der schwedischen Region Värmland ist Jahrtausende alt und doch ganz neu: Auf der Wanderroute locken saftige Natur, uralte Kultstätten - und heimelige Unterkünfte. » mehr

Teneriffa

vor 21 Stunden

Der sehnsüchtige Blick auf die Kanaren

Von Herbstferien ist an der Playa kaum etwas zu sehen. Die meisten Hotels sind zu, der Strand ist leer. Mit dem erneuten Notstand in Spanien liegt auch Mallorca brach. Ganz anders sieht es auf den Kanaren aus. » mehr

Eine Kutsche auf Tour

21.10.2020

Mit kleinen Kutschen durch Corona-Sommer

Eine Kutschfahrt gehört zu einem Ausflug in die Lüneburger Heide. Die rotblühende Landschaft war auch in diesem Sommer wieder ein beliebtes Ausflugsziel. Es kamen aber andere Gäste als sonst. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
10:49 Uhr



^