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Madrids «Ahuehuete» gefiel schon Napoleon

Die Madrilenen nennen ihn ehrfürchtig den «Großvater» unter den Tausenden Bäumen des Retiro-Parks. Seit Jahrhunderten wacht eine aus Mexiko stammende Sumpfzypresse über die wohl schönste Grünanlage der spanischen Hauptstadt. Schon Napoleon soll den Baum gemocht haben.



«Ahuehuete»
Der «Ahuehuete» (l), der seit 1992 auf der Liste einzigartiger und somit besonders schützenswerter Bäume der Region steht.   Foto: Ignacio Bazarra/Retiro-Park/dpa » zu den Bildern

Manche Bäume haben schon viel erlebt. Seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten sind sie stumme Zeugen des Weltgeschehens, sahen Kaiser, Könige und Präsidenten kommen und gehen - und stehen immer noch, tief verwurzelt und mit grünen Kronen, die sich vom Gang der Geschichte ungetrübt im Wind wiegen.

Der «Ahuehuete» im Madrider Retiro-Park ist so ein Exemplar. Experten nennen ihn den «abuelo de los árboles». Die wohlklingende spanische Alliteration bedeutet so viel wie «Großvater unter den Bäumen». Schätzungen zufolge könnte diese mexikanische Sumpfzypresse über 380 Jahre alt sein und wäre damit der älteste Baum der Stadt.

Park oberhalb des Prado

Wer den beliebten Park oberhalb des Prado-Museums von der Calle de Alfonso XII aus betritt, kann den Baum der Gattung «Taxodium mucronatum» kaum verfehlen. Auf der linken Seite des «Parterre» quasi alleinstehend, ragt die mächtige Zypresse 25 Meter in den Himmel. Der Stamm hat neuesten Berechnungen zufolge an seiner Basis einen Umfang von fast sechseinhalb Metern und ist seit 1991 von einem Metallzaun mit spitzen Zacken umgeben.

«Damit soll verhindert werden, dass die Leute ihm zu nah kommen, etwa um ihn zu umarmen oder etwas an den Ästen aufzuhängen - denn dadurch würde sich der Boden verfestigen und somit die normale Atmung seiner Wurzeln verhindert», erklärt der Forstingenieur Javier de La Puente Vinuesa, Präsident des Vereins «Freunde des Retiro-Parks». Der Baum hat die Form eines Kerzenleuchters: Zahlreiche dicke Äste recken sich gen Himmel. «Ein solches Exemplar ist einmalig im Park und in Madrid», so der Experte. Nicht umsonst steht der Ahuehuete seit 1992 auf der Liste einzigartiger und somit besonders schützenswerter Bäume der Region.

Ein paar Meter weiter erzählt ein Hinweisschild die Geschichte der Madrider Botanik-Rarität. «Seine Pflanzung geht auf das Jahr 1633 zurück», ist da zu lesen. Dann wäre der Baum während der Herrschaft des Conde Duque de Olivares gepflanzt worden, eines Adligen am Hofe Philipps IV.. Der Herzog ließ die Gärten zwischen 1632 und 1640 zu Ehren des Königs in eine pittoreske Barockanlage samt künstlichem See umgestalten. Jedoch werde diese Datierung immer wieder bestritten, sagt de La Puente Vinuesa.

Wahrscheinlicher ist, dass die Samen von einer der spanischen Botanikexpeditionen nach Mittelamerika um 1780 mitgebracht wurden, glauben Experten. Dann hätte die Zypresse immer noch fast 250 Jahre auf dem grünen Buckel, der sich in den Wintermonaten braun färbt.

Mythen ranken sich um den Baum

Wie so oft, wenn etwas älter ist als Menschengedenken, brechen sich mit der Zeit mannigfaltige Mythen Bahn. Eine Legende, die plausibel erscheint und immer wieder zitiert wird, besagt, dass der Ahuehuete einer der wenigen Bäume des «Parque del Retiro» ist, der den Befreiungskampf Spaniens gegen die französischen Besatzer überlebt hat.

Während seines Feldzugs auf der Iberischen Halbinsel (1807-1814) stationierte Napoleon im «Park der Zuflucht», wie die grüne Lunge Madrids auf Deutsch heißt, seine Truppen: «weil er der höchstgelegene Punkt Madrids und von Mauern umgeben war und über einen Palast verfügte, der auch als Kaserne genutzt werden konnte», erklärt Ignacio Bazarra, Generalsekretär bei den «Freunden des Retiro-Parks».

Damals war fast kein Holzgewächs vor den Franzosen sicher, die Baum um Baum fällten, um die Kampfgewalt der Soldaten zu stärken. Der Ahuehuete aber wurde verschont. Angeblich soll zwischen seinen Ästen sogar ein Artilleriegeschütz installiert worden sein. Ob das stimmt, kann auch Park-Spezialist Bazarra nicht mit Gewissheit sagen. Die wunderschöne Anlage hat sich derweil gut erholt: Heute wandeln Einwohner und Touristen unter 19.000 Bäumen über malerische Wege und finden in deren Schatten Abkühlung von der spanischen Sommerhitze.

Der Ahuehuete verkörpert auch neues Leben

Der Ahuehuete mag alt sein, aber er verkörpert auch neues Leben. Für eine Familie von Zwergohreulen - der kleinsten Eulenart Europas - sind seine schützenden Äste zum Zuhause geworden. «Kürzlich konnten wir ein Jungtier retten, das aus dem Baum gefallen war und es nicht schaffte, ins Nest zurückzukehren», erzählt Bazarra. Vermutlich dürfen die Vögel noch eine Weile bleiben, denn in Jahren einer mexikanischen Sumpfzypresse gezählt, befindet sich das Madrider Exemplar gerade einmal in den Kinderschuhen.

Allerdings ist sein Habitat nicht ideal, weil diese Baumart normalerweise in subtropischer und wasserreicher Umgebung heimisch ist. So wie der weltberühmte «Árbol del Tule» (Baum von Tule) im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca: Der gilt mit einem Stamm-Durchmesser von mehr als 14 Metern als der unangefochtene Gigant unter den Sumpfzypressen.

Nachteilig kämen in Madrid die hohen Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter und die Straßennähe samt Verschmutzung hinzu, sagt de La Puente Vinuesa. Dennoch sei der Ahuehuete äußerst vital und in sehr gutem Zustand, so der Forstexperte. «Dieser Baum könnte länger als 1000 oder sogar 2000 Jahre leben und befindet sich in der Blüte seines Lebens - und das ist keine Legende.»

Veröffentlicht am:
17. 07. 2019
13:49 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
17. 07. 2019
13:49 Uhr



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