Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

 

Das tödliche «Balconing» auf Mallorca

Immer öfter stürzen junge Urlauber auf Mallorca in den Tod. Das achte Todesopfer dieses Sommers ist ein Tourist aus Deutschland. Experten schlagen Alarm und versuchen, dem Phänomen auf den Grund zu gehen.



Tourismus auf Mallorca
Laut einer Studie hatten 96 Prozent der Opfer des «Balconing» Alkohol konsumiert.   Foto: Jens Kalaene/Symbolbild

Die Tragödie wird auf Mallorca langsam zur Routine. Ein junger Tourist aus Deutschland kam bei einem Sturz vom Balkon seines Hotelzimmers an der Playa de Palma ums Leben.

Es ist kein Einzelfall: Allein seit Beginn der Saison starben auf der spanischen Urlaubsinsel bereits acht ausländische Besucher bei Stürzen aus Fenstern oder von Balkonen. Viele weitere Opfer kamen mit Verletzungen davon. Dahinter steckt fast immer das sogenannte «Balconing» - Mutproben junger Urlauber in oft schwindelerregender Höhe unter Alkohol- oder Drogen-Einfluss. Behörden sind ratlos.

Der Notruf ging am Montag gegen 19 Uhr ein. Ein Körper war am Ballermann mit lautem Knall auf einem Betondach im ersten Stock des Hotels Pabisa Bali aufgeschlagen. Sanitäter und der Notarzt konnten laut Polizei nur noch den Tod des 23-Jährigen feststellen. Der Deutsche sei aus dem 12. Stock gefallen. Zu den Todesumständen seien Ermittlungen aufgenommen worden, sagte ein Polizeisprecher. Unter anderem sollte eine Autopsie durchgeführt werden.

Woher das Opfer aus Deutschland stammte, konnten die Behörden auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur vorerst nicht sagen. Der Unglücksort liegt nur rund 200 Meter vom Strand entfernt am Carrer Pare Bartomeu Salvà. Im Volksmund viel besser als «Schinkenstraße» bekannt. Es ist das Party-Epizentrum der Playa de Palma. Dort findet man unter anderem den «Bierkönig», den größten Biergarten/Diskothek der Insel, mit Platz für rund 10.000 partywillige Besucher.

Ob das jüngste Opfer des «Balconing» zuvor im «Bierkönig» war, steht nicht fest. Die Regionalzeitung «Diario de Mallorca» berichtete unterdessen unter Berufung auf Polizisten, die Zeugen befragt haben, dass der Urlauber in angetrunkenem Zustand Klimmzüge am Balkongeländer gemacht habe und in die Tiefe gestürzt sei, nachdem ihn die Kräfte verlassen hätten. Der junge Mann sei kurz zuvor in Mallorca mit zwei Freunden eingetroffen. Beim Unglück soll er aber in seinem Hotelzimmer allein gewesen sein.

Zunächst hatte es geheißen, der Deutsche habe am Geländer des Hotelbalkons Klimmzüge gemacht und sei deshalb hinuntergestürzt. Der 23-Jährige war nach Medienberichten kurz vor dem Sturz in Mallorca mit zwei Freunden eingetroffen. Beim Unglück soll er aber in seinem Hotelzimmer allein gewesen sein.

Der Tod des jungen Mannes war am Montag nicht der einzige Zwischenfall mit einem deutschen Touristen auf Mallorca. Gegen vier Uhr nachmittags habe sich ein Deutscher eine Knieverletzung zugezogen, als er beim Klettern an einer Hotelfassade der Playa de Palma gestürzt sei, so die «Diario de Mallorca».

Am frühen Montagmorgen wurde außerdem eine junge Touristin aus Frankreich schwer verletzt, als sie in Palmanova unweit des «britischen Ballermanns» Magaluf südwestlich von Palma aus ihrem Zimmer im dritten Stockwerk eines Hotels in die Tiefe stürzte. Die 20-Jährige liege auf der Intensivstation, teilte die Polizei mit.

Die meisten Opfer des «Balconing» wurden in diesem Sommer bisher im Badeort Magaluf registriert. Es waren vor allem junge Briten. Briten wie die 19-jährige Natalie, die vor ihrem Sturz in den Tod auf Facebook postete: «Ich erlebe hier die besten Tage meines Lebens.» Oder wie Thomas (20) oder Tom (18). Oft ist es der erste Urlaub ohne Eltern, man will auf den Putz hauen, und die Bars öffnen sehr früh. Auf Websites findet man Angebote wie den «Magaluf Club Pass» : Sieben Nächte All-You-Can-Drink für 99 Euro, im Mai und September sogar nur 29 Euro.

Die Experten sprechen unisono von einem «traurigen Rekord». «Wir müssen abwarten, bis die Saison vorüber ist. Aber schon jetzt kann man sagen, dass es noch nie so viele waren wie in diesem Jahr», wurde der mallorquinische Unfallchirurg Juan José Segura erst vorige Woche in der «Mallorca-Zeitung» zitiert.

Der 32-Jährige behandelt nicht nur die Opfer. Gemeinsam mit sechs Kollegen hat er auch die Hintergründe des zunehmenden Phänomens zu erforschen versucht. In einer 2016 veröffentlichten Studie werden die beabsichtigten Sprünge vom Hotelbalkon in den Pool als auch die Abstürze beim Klettern über das Geländer unter die Lupe genommen. Zwischen 2010 und 2015 gab es demnach 46 Fälle. 60 Prozent der Opfer sind Briten, 15 Prozent Deutsche. 96 Prozent hatten Alkohol konsumiert, 30 Prozent auch andere Drogen. Mentale Probleme oder Suizidabsichten hatte demnach keines der Opfer.

Die Gemeinde Calvià, zu der Magaluf gehört, hatte nach mehreren Todesfällen schon Anfang Juli Alarm geschlagen und eine Krisensitzung mit Hoteliers und Politikern sowie mit Vertretern des britischen Konsulats abgehalten. Ein Ergebnis des Treffens: Die Regierung der Balearen will auf Antrag von Unternehmern, Nachbarschaftsverbänden und Gemeinden verstärkt gegen «Sauftourismus» vorgehen und beispielsweise den freien Ausschank alkoholischer Getränke in den sogenannten All-Inclusive-Hotels verbieten. Über weitere Maßnahmen wird noch nachgedacht.

Veröffentlicht am:
21. 08. 2018
17:42 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alarme Deutsche Presseagentur Experten Facebook Hotelzimmer Klettern Obduktionen Phänomene Polizei Todesopfer Touristen Urlauber Urlaubsinseln
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Strand Sardinien

18.05.2020

Italien: Corona-Regeln am Strand sorgen für Verwirrung

Von nun an dürfen die Italiener wieder an den Strand. Doch dort gibt es ein Wirrwarr von Vorschriften. Besonders absurd wirken die Regeln auf einer Urlaubsinsel, die kaum von Corona betroffen ist: Sardinien. Die Hoffnung... » mehr

Biosphärenpark Großes Walsertal

24.06.2020

Österreichs ursprüngliche Alpentäler

Die Alpen warten: Ab Mitte Juni wird Urlaub in Österreich wieder möglich sein - aber wohl abseits großer Menschenaufläufe. In diesen idyllischen Tälern entgehen Erholungssuchende den Massen. » mehr

Mundschutz

27.05.2020

Ferienwohnungen auch im Süden Deutschlands sehr gefragt

Nach Wochen des Stillstands läuft der Tourismus im Süden Deutschlands wieder an. Ferienwohnungen stehen dabei hoch im Kurs. Doch unterschiedliche Vorschriften verunsichern Vermieter und Urlauber. » mehr

Prof. Martin Lohmann

13.05.2020

Wird man als Globetrotter in Deutschland glücklich?

Mein Haus, mein Auto - meine Reise: Viele Deutsche entdecken selbstbewusst die halbe Welt oder zumindest Europa. Wegen Corona müssen sie vorerst Urlaub in Deutschland machen. Und nun? » mehr

Kodak-Aufsteller

06.01.2020

Wie ein Fotograf das Mallorca-Bild prägte

Josep Planas war einer der Pioniere der Fotografie auf Mallorca. Er prägte das Insel-Bild der Deutschen wie kein Zweiter. Sein Archiv birgt wahre Schätze - und doch droht ihm der Verfall. » mehr

Klettern am Uluru

07.10.2019

Klettern am Uluru bald verboten

An Australiens «Heiligem Berg» ist in diesen Tagen die Hölle los. Nach fast 150 Jahren darf der Uluru bald nicht mehr bestiegen werden, weil er den Aborigines heilig ist. Touristen aus aller Welt wollen sich die letzte C... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
21. 08. 2018
17:42 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.