Lade Login-Box.
Topthemen: Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

 

Ballermann feiert trotz Benimmregeln weiter

Mit mehreren Razzien samt «Knöllchen-Offensive» hat die Polizei zuletzt ein Zeichen gegen den Sauftourimus am Ballermann gesetzt. Doch bisher bleibt es bei vereinzelten Aktionen an Mallorcas berühmter Partymeile. Jetzt wehren sich sogar die Hoteliers.



Eimersaufen auf Mallorca
Trotz behördlicher Sanktionsmaßnahmen lassen sich viele Mallorca-Urlauber das Eimer-Saufen nicht nehmen.   Foto: Julian Stratenschulte

Deutschland ist raus aus der Fußball-WM - aber von Katerstimmung ist zumindest auf Mallorca nichts zu spüren. Für die Touristen an der Playa de Palma geht die Party weiter, trotz der im vergangenen Jahr eingeführten «Benimmregeln», die die Alkoholexzesse eigentlich eindämmen sollen.

In ihren ausgedienten Deutschlandtrikots und Badehose sitzen sie auf einer kleinen Mauer am wohl bekanntesten Strand der Baleareninsel, trinken Bier aus Dosen oder Sangria aus Eimern. Ein junger Mann verschickt ein Video via Smartphone. Er hält seine Alkopop-Flasche in die Kamera und ruft mehrmals vergnügt: «Saufen!»

Dabei weisen Warnschilder an Betonpfeilern mehrsprachig auf das Verbot des Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit hin. Das Trinken ist demnach nur noch in Lokalen erlaubt, nicht aber am Strand und auf der Straße. Auch das Abspielen lauter Musik an der Playa ist untersagt. Bis zu 3000 Euro Strafe drohen bei Verstößen. Die Schilder sind jedoch mit Aufklebern deutscher Fußballvereine übersät, als wollten die Touristen sagen: «Was kümmern uns Eure Regeln?».

Tatsächlich stellt sich die Frage: Ist es angesichts der Masse an feierfreudigen Urlaubern überhaupt möglich, die Verbote durchzusetzen? Mitte Juni hatte die Polizei in zwei aufeinander folgenden Nächten Razzien veranstaltet. Die Botschaft: Dem Sauftourismus geht es an den Kragen. 182 Anzeigen kamen zustande, 88 davon wegen Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit.

Eine Woche später legten die Sicherheitskräfte nach und erstatteten Anzeige gegen neun Geschäfte, unter anderem wegen des Verkaufs von Alkohol zwischen Mitternacht und acht Uhr morgens sowie wegen der Bewerbung von Alkohol mit Trink-Eimern oder Leuchtreklamen. Denn die Benimmregeln sehen vor, dass Alkohol nachts nur in Gaststätten, Bars und Tanzlokalen verkauft werden darf, aber nicht in Läden und am Kiosk. Medien auf Mallorca sprachen von einer «Knöllchen-Offensive».

Gegen die Saufgelage hat aber bisher nichts geholfen. Die Kontrollen seien lächerlich, empört sich Gabriel Barceló, der Vorsitzende des Nachbarschaftsverbands der Playa de Palma. «Wenn ich morgens aus dem Haus und zur Arbeit gehe, rieche ich eine Mischung aus Alkohol, Erbrochenem und Urin. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hört man Gekreische und Gegröle der Touristen», sagt der 54-Jährige angewidert. «Einmal im Jahr macht die Polizei dann eine Razzia, damit man ein Foto in den Medien hat.»

Sein Verband fordert seit Jahren ein härteres Durchgreifen seitens der Stadt Palma. «Wir brauchen diese Razzien jeden Tag, erst dann würde sich etwas ändern.» Notfalls müsse die Playa de Palma eine eigene Gemeinde werden, um sich selbst besser zu verwalten, sagen mittlerweile immer mehr Bürger.

In der Verwaltung der Inselhauptstadt will man den Vorwurf der Untätigkeit nicht auf sich sitzen lassen. 120 zusätzliche Polizisten habe man für die Sommermonate eingestellt. «Wir gehen weiterhin unerbittlich gegen den Sauftourismus vor», betont ein Sprecher.

Ziel für den Sommer 2018 sei es, mindestens 2000 Verstöße gegen die neuen Regeln zur Anzeige zu bringen. Zudem werde an einem neuen Gesetz gearbeitet, das die aktuellen Sittenregeln an der Playa noch verschärfen soll. Wie hoch die verhängten Bußgelder gegen die Touristen aber tatsächlich sind, konnte der Sprecher nicht sagen.

Der Druck auf die Stadtverwaltung wächst, denn die Anwohnerverbände haben einen unerwarteten Alliierten gewonnen: die Hotelbetreiber. José Antonio Fernandez de Alarcón, Vizepräsident des Hoteliersverbandes der Playa de Palma, sprach vor wenigen Tagen vielen seiner Kollegen aus dem Herzen: «Wir würden es sehr begrüßen, wenn Bilder von festgenommenen, betrunkenen Urlaubern in den Medien zu sehen wären. Verhaftet sie, verhängt Strafen, weist sie aus! Wir wollen sie nicht!»

Die Hotelbetreiber seien es satt, Millionenbeträge in ihre Häuser zu investieren, während auf den Straßen ringsum das Chaos tobe. Gerade in den drei Fünf-Sterne-Hotels, die in den vergangenen Jahren an der Playa eröffnet haben, werde das Umfeld zum Problem. «Da kommt kein Gast wieder. Auf so einer Grundlage kann man kein Geschäft führen», so Fernandez de Alarcón. Ein Staat, der nicht in der Lage sei, über Jahre vier Kilometer Strandlinie unter Kontrolle zu bringen, habe versagt. «In Deutschland lachen die sich doch tot über uns.»

Palmas Bürgermeister Antoni Noguera weist die Anschuldigungen zurück. Die Hoteliers trügen selbst Schuld an der Misere, zumal sie an den letzten Sitzungen zum Thema Playa de Palma gar nicht erschienen seien, sagt er. Es wirkt fast so, als werde der Schwarze Peter am Ballermann munter zwischen allen Parteien hin- und hergeschoben.

Veröffentlicht am:
12. 07. 2018
09:51 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alkoholkonsum Badehosen Benimmregeln Hoteliers Kommunalverwaltungen Polizei Razzien Saufgelage Touristen Urlauber Ärger
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Dummheiten im Urlaub

08.08.2019

Wenn Reisende ihren Verstand zuhause lassen

Die Füße in brodelnden Vulkangewässern, gewagte Ausflüge auf Gletscherzungen oder von Balkon zu Balkon springen? Manche Touristen lassen sich in den Ferien auf allzu gewagte Dinge ein. In den Urlaubsländern versucht man ... » mehr

Bahnhof Aguas Caliente

08.08.2019

Von wegen Zauber der Inka: Massentourismus in Machu Picchu

Machu Picchu hat ein Problem mit den Besuchermassen. Sogar ein neuer Flughafen soll in der Nähe entstehen. Der Status als Welterbe ist bedroht. Wie viel Magie versprüht die Inkastadt noch? » mehr

Am Schwarzen Meer

18.06.2019

Rabatte auf Mallorca, Sparen in Tunesien

Wer jetzt noch nicht gebucht hat, ist spät dran - die Sommerferien stehen kurz bevor. Für den spontanen Urlaub im Süden halten aber alle großen Veranstalter noch Angebote bereit. Ein Überblick. » mehr

Blick ins Gasteinertal

25.04.2019

Designhotels in Österreich setzen auf besonderes Ambiente

Weg vom Image der Urigkeit und angestaubten Alpenrosenzimmern: In Österreich finden Urlauber immer mehr Designhotels. Diese versprechen Individualität. Dahinter steckt auch eine Menge Marketing-Kalkül. » mehr

Eyjafjallajökull auf Island

09.04.2019

Welche Vulkane Reisende magisch anziehen

Formschöne Kegel, tiefe Krater, brodelnde Lava: Vulkane faszinieren. Sie sind beliebte Reiseziele. Doch hin und wieder werden sie für Reisende zum Problem - mitunter mit gravierenden Folgen. » mehr

Zimmermädchen

19.08.2019

Spaniens Zimmermädchen wehren sich

Millionen Menschen genießen derzeit den Sommer an den Stränden und in den Städten Spaniens. Sie sorgen für Milliardenumsätze. Wie schlecht es oft denjenigen geht, die für saubere Duschen und frischbezogene Betten sorgen,... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
12. 07. 2018
09:51 Uhr



^