Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

 

Den Haag ist die Stadt am Meer mit zwei Gesichtern

Das niederländische Den Haag teilt sich in zwei Hälften: Die gute ist auf Sand gebaut, die schlechte im Sumpf. In der einen leben Hagenaren, in der anderen Hagenezen. Beide haben auf ihre ganz eigene Art etwas zu bieten.



Den Haag
Modernes Den Haag - die Metropole ist Regierungssitz, während das wesentlich bekanntere Amsterdam Hauptstadt ist.   Foto: Arjan de Jager/Den Haag Marketing » zu den Bildern

Wer für ein paar Jahre in Den Haag gelebt hat, wird sich danach wohl immer dorthin zurücksehnen. Der Zauber dieser bei deutschen Reisenden eher wenig bekannten Stadt ergibt sich daraus, dass sie direkt am Meer liegt.

Das heißt zum Beispiel, dass man morgens vom Tuten der Englandfähre geweckt wird. An schönen Sommermorgen glaubt man die Verlockung des nahen Strandes in der salzigen Luft geradezu schmecken zu können.

Das gilt jedoch in erster Linie dann, wenn man im guten Teil von Den Haag wohnt. Das ist der Westen, der in den Nordseedünen auf Sand gebaut ist. Der Osten - der schlechte Teil - steht auf Sumpfboden. Diese beiden Hälften der Stadt mit ihren 500 000 Einwohnern haben wenig miteinander zu tun.

Für ihre Bewohner gibt es sogar unterschiedliche Bezeichnungen: Wer auf Sand wohnt, ist ein Hagenaar. Oft handelt es sich dabei um jemanden, der zugezogen ist. Die Sumpfbewohner sind dagegen meist in der Stadt geboren und heißen Hagenezen.

Beide Bevölkerungsgruppen haben in der Stadt ihr inoffizielles Denkmal. Für den Hagenezen ist es der Haagse Harry auf dem Grote Markt in der Einkaufszone. Mit diesem Standbild wurde 2016 eine Comicfigur verewigt, die im ganzen Königreich bekannt ist. Die Schöpfung des 2014 gestorbenen Zeichners Marnix Rueb läuft immer im Trainingsanzug herum, hat im Nacken ziemlich lange Haare und spricht durchweg Haager Platt. Die zweite Statue ist aus Bronze und steht auf der vornehmen Allee Lange Voorhout. Dargestellt ist der flanierende Schriftsteller Louis Couperus (1863-1923). Couperus war so etwas wie der Oscar Wilde der Niederlande.

Sein Wohnhaus in der vornehmen Javastraat ist heute ein kleines Museum. Es vermittelt noch etwas von der ganz speziellen Haager Fin-de-Siècle-Atmosphäre. Couperus hat die schlechten Viertel von Den Haag sein Leben lang gemieden. Das von ihm oft besuchte Scheveningen hatte zu seiner Zeit noch einen ganz anderen Charakter als heute, es war ein mondänes Seebad, wovon heute nur noch das Kurhaus zeugt. Der Rest bewegt sich irgendwo zwischen Ballermann und Blackpool, einem britischen Seebad mit zweifelhaftem Ruf. Hagenaren bevorzugen die weiter nördlich gelegenen Bäder Wassenaar und Noordwijk.

Hin und wieder ist es in der Geschichte von Den Haag zu blutigen Zusammentreffen zwischen Hagenaren und Hagenezen gekommen. Auf dem Platz Groene Zoodje in der Innenstadt blickt der Staatsmann Johan de Witt (1625-1672) von seinem Sockel herunter. In Hollands Goldenem Zeitalter war dieser Patrizier fast 20 Jahre niederländischer Regierungschef. Doch als 1672 ein Krieg ausbrach, wurde er an einem strahlenden Sommertag zusammen mit seinem Bruder von einer wütenden Menge gelyncht. Die Leichenteile verkaufte man als Souvenirs. Im Historischen Museum von Den Haag werden bis heute eine Zunge und ein Finger ausgestellt. Es ging in der Stadt nicht immer so niedlich zu, wie die puppenstubenhafte Architektur suggeriert.

Die meisten Touristen bewegen sich «im Haag», wie man früher gern sagte, nur auf Sandboden. Doch man sollte sich auch mal in den Sumpf wagen - es lohnt sich. Da ist zum Beispiel «de Haagse Markt», der größte überdeckte Markt Europas im Multikulti-Viertel Schilderswijk .

Um das andere Den Haag zu erleben, die «schöne Stadt hinter den Dünen», kann man sich am besten ein Fahrrad mieten und in Richtung Strand fahren. Zum Beispiel über den Denneweg mit vielen Läden und Lokalen in die Archipelbuurt oder Indische Buurt.

In der Archipelbuurt, im Statenkwartier und in der Innenstadt entfaltet Den Haag seine diskrete Schönheit. Ganze Straßenzüge atmen den Geist der Belle Epoque. Unbedingt für den Nachmittagstee zu empfehlen ist das «Hotel des Indes», in dem schon die Tänzerin Mata Hari abstieg. Nur einen Steinwurf weit vom Hotel entfernt befindet sich das Regierungszentrum der Niederlande, der Binnenhof . Hier darf man keine pompösen Fassaden, Absperrungen oder Wachsoldaten erwarten. Der Mittelpunkt niederländischer Macht ist nichts anderes als ein «Innenhof mit einer Pumpe», wie es der Schriftsteller Harry Mulisch (1927-2010) einmal ausgedrückt hat.

Der Rittersaal in der Mitte des Hofs ist die Keimzelle, aus der die ganze Stadt hervorgegangen ist. Den Haag heißt «die Hecke» und bezeichnete ursprünglich den Sitz des Grafen von Holland mit angrenzendem Jagdrevier. Aus dem Beratergremium des Grafen entwickelte sich die niederländische Ständeversammlung, aus der wiederum das Parlament hervorging.

Trotz aller Bescheidenheit hat der verschachtelte Binnenhof seinen Reiz, vor allem wenn sich darüber die Wolken eines bewegten holländischen Himmels türmen. Dann wirkt der Komplex mit seinen spitzen Dächern und Backsteinmauern von der gegenüberliegenden Seite des Hofweihers aus wie Vermeers «Ansicht von Delft». Das weltberühmte Gemälde kann man sich zum Vergleich im unmittelbar benachbarten Museum Mauritshuis anschauen.

Am Rande des Binnenhofs befindet sich auch der Amtssitz von Ministerpräsident Mark Rutte. Das niederländische Pendant zum Kanzleramt ist «het torentje», ein kleines Türmchen, an dem die ausländischen Touristen achtlos vorbeilaufen. In den Niederlanden ist eine allzu offene Zurschaustellung von Macht und Reichtum verpönt.

Sonntagmorgen in Scheveningen. Surfer schleppen ihre Bretter über den Strand, zwei Mannschaften spielen Fußball gegeneinander. «Schieß' ma rübber!», brüllt einer. Unverkennbar: Das sind weder Hagenaren noch Hagenezen. Das sind die ersten Tagestouristen aus dem Ruhrgebiet.

Veröffentlicht am:
03. 04. 2018
12:29 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Belle Epoque Bundeskanzleramt Gräfinnen und Grafen Harry Mulisch Johan de Witt Mark Rutte Mata Hari Meere Museen und Galerien Oscar Wilde Patrizier Seebäder Touristen Wirtschaftlicher Markt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Penis einer Giraffe

25.09.2018

Skurrile und verrückte Museen rund um Sex und Erotik

Hodensack-Sitzbänke, SM-Spielzimmer, antike Vibratoren, eine Brüste-Hüpfburg und Penisse in Formaldehyd: Sexmuseen verlangen dem Besucher einiges ab. Eine Auswahl von Amsterdam bis New York. » mehr

Gesperrte Ostseehalbinsel Wustrow

12.07.2018

Kutschfahrten auf der gesperrten Halbinsel Wustrow

Seit Jahrzehnten hat die Halbinsel Wustrow den Beinamen «die verbotene Insel». Noch ist der Zaun geschlossen, doch es gibt Signale, dass etwas in Bewegung gerät. » mehr

Kirkland Museum of Fine & Decorative Art Denver

12.07.2018

Denver ist eine Stadt der Künste

Denver ist das Tor zu den Rocky Mountains. Wer nach Colorado fliegt, will in die Berge. Doch es lohnt sich, die Metropole nicht bloß als Durchgangsstation zu nutzen. Denver hat genug Kunst für drei Tage zu bieten. Ein Mu... » mehr

Die Verbote des Sommers

17.07.2017

Pinkelstopp und bloß nicht picknicken: Verbote des Sommers

Dass Zigaretten in den Sand werfen teuer werden kann, ist Urlaubern vielleicht noch bekannt. Dass man allerdings auch für eine Sandburg bestraft werden kann, gehört zu den eher kuriosen Verboten in Touristenorten am Mitt... » mehr

Kaisermoschee

22.08.2017

Erinnerung an den Krieg: Sarajevos «Tunnel des Lebens»

Scharfschützen zielten auf Zivilisten: Im Bosnienkrieg wurde Sarajevo fast vier Jahre belagert. Die einzige Verbindung nach draußen war ein Tunnel unter dem Flughafen. Der Ausgang ist heute ein Museum. Die Erinnerung an ... » mehr

Grand Hotel Rimini

22.06.2017

Rosarote Nächte: Rimini erfindet sich neu

Rimini gilt vielen als abschreckendes Beispiel für Massentourismus. Der älteste Badeort der Adria weckte einst die Italien-Sehnsucht der Deutschen. Nun will er an seine glorreiche Vergangenheit anknüpfen. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 04. 2018
12:29 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".