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Erinnerung an den Krieg: Sarajevos «Tunnel des Lebens»

Scharfschützen zielten auf Zivilisten: Im Bosnienkrieg wurde Sarajevo fast vier Jahre belagert. Die einzige Verbindung nach draußen war ein Tunnel unter dem Flughafen. Der Ausgang ist heute ein Museum. Die Erinnerung an den Krieg zieht Touristen in die Stadt.



Sarajevo
Sarajevo ist die weltoffene Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Seit dem Krieg wird sie hauptsächlich von bosnischen Muslimen bewohnt.   Foto: Philipp Laage/dpa-tmn » zu den Bildern

Wo einmal der Tod durch Scharfschützen lauerte, hängen heute Blumenkästen vor den Fenstern. Südlich des Flughafens von Sarajevo sind viele Häuser frisch gestrichen, Rosen blühen in den Vorgärten. Schuppen, Gewächshäuser, Wäscheleinen: die beschauliche Idylle der Peripherie.

Die schmale Straße führt zu einem unscheinbaren Ort, ohne den es Sarajevo heute so nicht geben würde. Der «Tunnel des Lebens» war während der Belagerung Sarajevos durch bosnisch-serbische Milizen die einzige Verbindung der muslimischen Bevölkerung zur Außenwelt. Er führte unter dem Flughafen hindurch. Auf diesem Weg gelangten Waffen, Munition, Medizin und Lebensmittel in die Stadt. Soldaten und Bewohner kamen hinein und wieder hinaus.

Der Eingang zum Tunnel jenseits des Belagerungsrings lag im Keller eines Privathauses im Vorort Butmir. Heute befindet sich dort ein kleines Museum.

«Für vier Stangen Zigaretten konnte man in der Stadt ein Fahrrad kaufen», erinnert sich Jasmin Hasanovic, der Touristen führt und die überschaubare Ausstellung mit Anekdoten belebt. Glatze, schwarzes T-Shirt, ein geduldiger Typ. Als die offizielle Blockade der Stadt im Mai 1992 begann, war er zwölf. Der Tunnel erlaubte gute Geschäfte. Vorrangig aber bewahrte er Sarajevo vor dem Fall.

Der Horror in nackten Zahlen: Im Schnitt feuerten die Milizen täglich 329 Granaten auf die Stadt, an einem Tag sogar 3777. Heckenschützen töteten gezielt Zivilisten. Identifiziert wurden 11 541 Tote, davon rund 1600 Kinder. Sarajevo war 1425 Tage eingekesselt, die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert.

Im Museum informiert ein Film über den Schrecken jener Tage. Er zeigt Geschäftsleute mit Anzug und Aktentasche, die über Straßen spurten, um nicht erschossen zu werden. Kriegsalltag, surrealer Irrsinn.

Als die Blockade begann, gab es noch keinen Tunnel. Der Flughafen als schwächster Punkt des Belagerungsrings war der einzige Korridor nach draußen. Wollten Menschen aus der Stadt oder wieder hinein, mussten sie über das 450 Meter breite Flugfeld rennen. Das wurde «fast zu einer sportlichen Disziplin», heißt es auf einer Museumstafel.

Im Juli 1992 übernahmen die Vereinten Nationen (UN) den Flughafen. Die Bewohner der Stadt wurden fortan aus der Luft versorgt. Doch der Transit von Zivilisten und bosnischen Soldaten über das Flugfeld blieb streng verboten. Griffen die Blauhelme jemanden auf, setzten sie ihn wieder dort ab, wo er losgerannt war. «Also haben die Menschen einen Trick angewandt», erzählt Hasanovic. «Sie sind bewusst in entgegengesetzter Richtung geflohen. Die UN hat sie dann dorthin gebracht, wo sie hinwollten.» Ein «Gratis-Taxi», sagt der 37-Jährige amüsiert. Zeiten der Not haben ihre eigene absurde Komik.

Derartige Manöver waren riskant und keine Dauerlösung, um Sarajevo verteidigungsfähig zu halten. Also begannen die Bosniaken mit dem Tunnelbau, unter größter Geheimhaltung. Von beiden Seiten wurde gegraben. Wer heute über das weite Flugfeld schaut, wundert sich: Wie war es möglich, sich in der Mitte zu treffen? Funk habe man nicht nutzen können, erklärt Hasanovic. Zu gefährlich. Also schob man immer wieder Stangen durch den Boden nach oben, zur Orientierung.

Vier Monate und vier Tage schufteten die Bosniaken unter Tage, im Juli 1993 wurde der Tunnel eröffnet. Ein Meter Breite, Höhe 1,60 Meter, 800 Meter Länge. Noch 25 Meter des Tunnels sind heute für Touristen geöffnet.

In den ersten Monaten wurde der Tunnel nur vom Militär genutzt, dann auch von Privatpersonen. Allerdings brauchte man eine Erlaubnis von der Polizei in Sarajevo. Einmal aus der Stadt gelangt, brachte ein Fahrer die Geflohenen mit einem Laster in die Berge. Nachts, ohne Scheinwerfer. Hasanovic nennt den Mann deshalb nur «crazy driver», den verrückten Fahrer. Das schrottreife Fahrzeug rostet heute im Garten des Tunnel-Museums vor sich hin.

Allzu lange dauerte es nicht, bis die bosnisch-serbischen Milizen von der Existenz des Tunnels wussten und den Ausgang unter Feuer nahmen - doch die Verbindung wurde nie gekappt. Im Gegenteil: Der Tunnel wurde noch ausgebaut. Die bosnische Armee legte Schienen durch den Schacht und nutzte Lorenwagen. Außerdem wurden eine Starkstrom- und eine Treibstoffleitung durch den Tunnel gelegt.

Auf die UN ist Hasanovic nicht gut zu sprechen. «Wir haben sie nur United Nothing genannt», sagt er. Statt United Nations. Vereintes Nichts also - auf Deutsch geht das Wortspiel nicht auf. Wieder so ein trockener Kriegswitz. Tatsächlich war die UN lange hilflos.

Nachdem der Marktplatz von Markale im Lauf der Belagerung wiederholt schwer beschossen wurde und Dutzende Menschen dabei starben, drehte die Stimmung. Die Nato nahm serbische Stellungen unter Feuer. Im Dezember 1995 wurde der Dayton-Friedensvertrag unterzeichnet, die Blockade wenig später beendet. Die Stadt wurde wieder aufgebaut.

Die Geschichte des Krieges ist heute eine Säule des Tourismus in Sarajevo, es gibt Führungen und Ausstellungen. Historisch hat die Stadt aber auch sonst viel zu bieten: die osmanische Altstadt mit dem Basar Bascarsija, Gotteshäuser aller Weltreligionen auf engstem Raum, Flaniermeilen aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Sarajevo wirkt auf Reisende einladend und weltoffen. Doch die Bosnier leiden unter hoher Arbeitslosigkeit und der Korruption in der Politik. «Es gab viele Versprechungen auf ein besseres Leben nach dem Krieg», sagt Hasanovic. «Nichts davon wurde eingehalten.»

Veröffentlicht am:
22. 08. 2017
04:50 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
22. 08. 2017
04:50 Uhr



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