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Wie das Internet die Nachbarschaft verändert

Einfach mal bei den Nachbarn klingeln? Macht fast keiner. Online wollen sich aber immer mehr Nachbarn kennenlernen. Manchmal bleibt es jedoch bei der guten Absicht.



Herdo Mertke
Herdo Mertke ist einer der vielen Nutzer des Netzwerks nebenan.de. Durch digitale Nachbarschafts-Netzwerke können sich Nachbarn für gemeinsame Aktivitäten verabreden.   Foto: Uli Deck

Daniel sucht seine Katze. Marga braucht einen Gartenschlauch. Einer ihrer Nachbarn verteilt seine Johannisbeeren, selbstgezogen im eigenen Garten. Und dann ist da noch Herdo. Herdo Mertke ist einer der aktivsten Nutzer des Nachbarschafts-Netzwerks Nebenan.de in der Karlsruher Südweststadt.

Einmal im Monat organisiert er einen Kochabend, mittwochs nimmt er am Nordic Walking am Fluss entlang teil und auch beim regelmäßigen Foto-Spaziergang ist er oft dabei. Vor zwei Jahren zog der 65-Jährige aus Tübingen nach Karlsruhe. Weil er in seinem neuen Umfeld niemanden kannte, wurde er auf die Seite Nebenan.de aufmerksam und suchte online nach Kontakten. Heute organisiert er viele seiner Aktivitäten selbst über das Netzwerk.

Auf Nebenan.de mischen sich Veranstaltungsinfos mit Kleinanzeigen und Gruppen, die sich zu einem bestimmten Hobby zusammenfinden. In ganz Deutschland zählt die Plattform aktuell rund 850.000 Nutzer, organisiert sind sie in etwa 7000 Nachbarschaften. Jeder sieht nur die Angebote seiner unmittelbaren Nachbarn. Gerade in Großstädten tummeln sich viele Nutzer.

Die Seite ist jedoch nicht das einzige Netzwerk mit dem Ziel, Nachbarn miteinander zu verbinden. Wer die Wörter «Netzwerk» und «Nachbarn» googelt, findet eine ganze Reihe von Plattformen. Die prominentesten Wettbewerber sind Nextdoor und Nachbarschaft.net. Während Nextdoor ein Import aus den USA ist, der im vergangenen Jahr auch in Deutschland startete, hat Nachbarschaft.net schon 2014 seine Plattform eröffnet.

Online-affine Nachbarn stehen also vor der Frage: Wo melde ich mich an? Der Grundgedanke ist bei allen Netzwerken der gleiche. Es gibt jedoch feine Unterschiede. Während Nebenan.de stark auf öffentliche Pinnwände setzt, stehen bei Nachbarschaft.net eher die privaten Nachrichten im Vordergrund. Letztere setzt außerdem auf Ticket-Angebote für lokale Veranstaltungen, Polizeimeldungen und Hinweise zum günstigsten Lieferservice oder der aktuellen Notfallapotheke.

Ob langfristig ein Netzwerk die anderen verdrängen wird, ist noch nicht absehbar. Nachbarschaft.net wächst langsam und hat aktuell rund 210.000 aktive Nutzer, Nebenan.de zählt bereits 850.000 Nutzer. Dafür könnte auch die unterschiedliche Finanzierung verantwortlich sein: Hinter Nebenan.de stehen bislang finanzkräftige Investoren, für Nachbarschaft.net zahlen die Gründer bisher aus eigener Tasche. Nextdoor - ebenfalls von Investoren getragen - möchte die aktuellen Nutzerzahlen gar nicht nennen.

Alle Netzwerke sind für ihre privaten Nutzer kostenfrei - und wollen es auch bleiben. Doch spätestens wenn die Investoren den Geldhahn zudrehen oder das Eigenkapital aufgebraucht ist, müssen die Seiten eigenes Geld verdienen. Dafür haben die Portale ähnliche Pläne: Sie wollen Geschäfte in den Nachbarschaften als zahlende Kunden gewinnen, damit diese sich bei ihren unmittelbaren Nachbarn zielgerichtet mit Angeboten oder Werbung präsentieren können.

Manche Nutzer mag es stören, wenn das Kaufen und Verkaufen eine immer größere Rolle in der Online-Nachbarschaft spielt. Bei Matthias Bert ist das jetzt schon so: Auf Nebenan.de stört den Karlsruher Nutzer, dass Anzeigen für teure Kurse häufig nicht eindeutig als kommerzielle Angebote gekennzeichnet werden. Der Aufruf zum gemeinsamen Tischtennisspielen gehe hingegen eher unter. «Die Seite wird immer mehr zur Verkaufsplattform», meint Bert.

Was Herdo Mertke stört, ist die Unverbindlichkeit. Bei seinen Kochevents sagen online mehr Leute zu als es Platz gibt, hinterher kommt dann vielleicht die Hälfte. Auch dringliche Hinweise nützen nichts. «Ich kann, aber ich muss nicht - das ist eine sehr verbreitete Einstellung», sagt Mertke. «Viele Menschen sind kaum noch in der Lage, sich verbindlich zu verabreden.»

Dass man sich in der Südweststadt trotzdem häufig zum Kochen, Walken oder Gärtnern trifft, könnte auch am Quartiersprojekt liegen - Offline-Hilfe sozusagen. Hauptamtliche Mitarbeiter des Badischen Landesvereins für innere Mission unterstützen darin ehrenamtliche Gruppen und geben ihnen mit dem sogenannten Mitmach-Laden im Viertel einen Raum. «Mit Nebenan.de erreichen wir auch neue Zielgruppen», erzählt die Sprecherin Marina Mandery. «Jüngere Leute oder Menschen, die sich für ein ganz konkretes Hobby interessieren.»

Ein gewisser Grad an Organisation sei entscheidend für das Gelingen von Aktivitäten, meint Herdo Mertke. Dem Vielleicht-Button, mit dem man auf Nebenan.de seine Teilnahme maximal unverbindlich ankündigen kann, hat der engagierte Nachbar den Kampf angesagt - und bei den Verantwortlichen protestiert. «Ich könnte so mit meiner Lebenszeit nicht umgehen. Ich lebe nicht vielleicht - ich lebe konkret.»

Veröffentlicht am:
23. 08. 2018
11:24 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
23. 08. 2018
11:24 Uhr



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