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Zur Hölle mit Strom

Knapp 207 im Schnitt - Romain Dumas knackt mit dem VW ID.R den Rekord für E-Autos auf der Nordschleife.



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Als im Morgengrauen die Kehrmaschinen ausrücken, ist Romain Dumas gerade erst in den Schlaf gekommen. Der Franzose soll einen Rekord aufstellen: ein Elektroauto schneller um die Nordschleife treiben als je jemand vor ihm. Und was macht der Mann? Testet fürs 24-Stunden-Rennen in Le Mans und kommt früh um drei an den Ring – dösend auf dem Rücksitz eines Busses. Den Rekord für die knappste Anreise hat er schon mal sicher.

Bei VW Motorsport indes halten sie Dumas für einen der Ausgeschlafensten. Wo immer auf der Welt schnell gefahren wird, fällt sein Name. Vergangenes Jahr hat er sich besonders nachdrücklich empfohlen und die Elektromobilität für VW auf die Spitze getrieben. Beim legendären Bergrennen am Pikes Peak war der ID.R in 7:57,148 Minuten für 19,99 Kilometer mit 156 Kurven schneller als je ein Auto zuvor. Der Rekord sollte zeigen, was gehen kann mit Motoren, die keine Kolben haben, sondern Wicklungen.

Der ID.R ist eine futuristische Flunder. So windschnittig, dass für Türen kein Platz ist. Man muss übers Dach einsteigen. Wie in einen Kampfjet. Und so ähnlich geht es dann auch zu: Zwei E-Motoren mit zusammen 680 PS und 650 Nm Drehmoment jagen das 1100 Kilo schwere Gefährt in 2,25 Sekunden auf Tempo 100. Der Start sieht aus, als hätte jemand an einem Katapult das Halteseil gekappt.

Doch ins Museum wollten sie den Rekordwagen nicht stellen. Im Gegenteil. Mit der Nordschleife haben sie den nächsten Klassiker ins Visier genommen: From Hill to Hell könnte man sagen. Die Grüne Hölle mit ihren 20,83 Kilometern und 73 Kurven gilt als die schwierigste Rennstrecke der Welt. Noch steht die Marke bei 6:45,90 Minuten. Gesetzt hat sie der Brite Peter Dumbreck 2017 mit einem NIO EP9 – im Schnitt knapp Tempo 185.

Selbstverständlich haben sie bei VW Motorsport die Rekordfahrt immer und immer wieder am Computer simuliert. Und lange getüftelt. Man könnte auch 2000 PS mobilisieren – mit einem Monstrum an Batterie. Doch das wäre nicht klug, weil schwer. Jedes gesparte Gramm aber ist wertvolle Zeit. Bei Strom zählt das Optimum aus Leistung und Gewicht. Kleiner Vorteil: Zehn Prozent Power erzeugt der Flachmann unterwegs beim Bremsen. Ganz wie ein Serien-Stromer. Auch wenn hier Leistung das Ziel ist und nicht Reichweite.

Der ID. R ist der sportliche Vorbote einer ganzen Baureihe rein elektrischer Fahrzeuge, die Volkswagen ab 2020 auf den Markt bringt. Und so sehen sie die Einsätze des 915-Volt-Autos als klares Bekenntnis zur Elektro-Mobilität. "Ein Rundenrekord auf der Nordschleife" sagt VW-Motorsport-Chef Sven Smeets, "gilt als Ritterschlag für jedes Fahrzeug."

Für die Hatz am Ring haben sie kräftig umgebaut. Mehr Bremse, weniger Abtrieb. Bei dem Plus an Luftdruck und Tempo gegenüber Pikes Peak würde sich der ID.R sonst festsaugen. Das Problem: Mit der Döttinger Höhe liegt das schnellste Stück ganz am Ende. Da, wo dem Akku der Saft auszugehen droht. Aber genau hier, auf der zweieinhalb Kilometer langen Geraden, werden die entscheidenden Sekunden geholt.

Damit das klappt, muss die Batterie sich wohlfühlen. Um die 30 Grad liegt das Optimum. Darum sorgt das gewaltige Aggregat im Auflieger des Service-Trucks in den Pausen nicht nur für Strom, sondern auch für Frischluft. Bloß nicht zu kalt – Kondenswasser im Akku wäre fatal. Betrieben wird die Ladestation mit Glycerin: fast schadstofffrei und nahezu CO2-neutral. Derweil haben die Kehrmaschinen am Ring ihre Arbeit getan. Kein bisschen Dreck vom Sonntag soll die Rekordfahrt gefährden. Aber in der Eifel muss eben immer auch das Wetter halten.

Es hält. Schon in der Aufwärmrunde knackt der ID.R die alte Marke deutlich. Doch Dumas ist noch nicht zufrieden. Der Dämpfer für die Aerodynamik-Balance wird getauscht, das Setup verfeinert. Vier Runden nur hat Dumas. Jede mit neuen Reifen der Dimension 330/40-18. Auch wenn die alten keine wirklichen Spuren zeigen – schon ein Millimeter Abrieb würde andere Temperaturen bedeuten. Zufall ist was für Amateure.

Am Ende der vierten und schnellsten Runde stehen 6.05,336 Minuten auf der Tafel. Ein Schnitt von fast 207 und gute 40 Sekunden unter der alten Bestzeit. Amtlich beglaubigt von Dr. Jens Böhle. Der Notar hat seinen Sitz ums Eck in Adenau und ist zuständig für alles, was am Ring mit Rekorden zu tun hat. Zur Sicherheit lässt er zwei eigene Uhren mitlaufen. Und er ist der einzige, der Anzug und Krawatte trägt. So ein Amt verpflichtet – auch bei 28 Grad.

Der Held ist am Ende zufrieden. Drei, vier Zehntel, schätzt er, hat er liegenlassen an der Einfahrt zum Schwalbenschwanz. Die Daten zeigen, dass er ganz nahe am Ideal unterwegs war: 98 Prozent dessen, was der Computer berechnet hat. Scheint, als wäre Dumas hellwach gewesen.

Bleibt die Frage, ob der ID.R womöglich sogar 5.19,55 Minuten knacken kann – die schnellste Zeit, die je am Ring gefahren wurde. Timo Bernhard hat sie 2018 mit dem Le-Mans-Porsche 919 Hybrid in den welligen Asphalt gebrannt. Bei VW Motorsport schwiegen sie dazu auffällig hartnäckig. Gut möglich, dass dem Elektroauto auch hier die Zukunft gehört…

 

 

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Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
07. 06. 2019
21:25 Uhr

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07. 06. 2019
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