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Paradies war gestern

Was als Abgas-Test verkauft wurde, war keine Prüfung, es war das Himmelreich. Weil beide Seiten mit den Mogel-Werten bestens fuhren. Die Hersteller umkurvten Strafzahlungen und die Regierungen prahlten mit vermeintlichen Erfolgen beim Klimaschutz. Der Dumme war - wie stets - der Käufer. Ihm gaukelte man vor, Spritverbrauch und Schadstoff-Ausstoß seien in zehn Jahren um ein Viertel gesunken. In Wirklichkeit wurden nur die Tricks raffinierter.



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Es fällt in der Tat schwer, sich ausgerechnet Jürgen Resch als Erzengel vorzustellen. Einen Eiferer, der einem umstrittenen Abmahnverein vorsitzt. Und doch ist es dem Chef der Deutschen Umwelthilfe mit hartnäckigen Klagen gelungen, Autobauer und Politiker aus ihrem Paradies zu vertreiben. Jenem Garten Eden, in dem wundersame Prüf-Zyklen die Kunden im Wortsinn auf die Rolle nahmen, und kein Verkehrsminister irgendetwas von "Thermo-Fenstern" wissen wollte. Anders als in der Bibel rächt sich nun langsam, dass in diesem Hort der Seligkeit über Jahrzehnte keiner vom Baum der Erkenntnis naschen mochte.

Jetzt stehen sie da in Berlin und fürchten nichts mehr als Fahrverbote, weil in der Folge der Zorn geprellter Autofahrer über sie kommen könnte. Doch über Schlagbäume an den Zufahrten luftbelasteter Städte befinden eben gerade keine Koalitionen, sondern unabhängige Gerichte. Das entzieht den Vorgang der üblichen politischen Mauschelei. Beim Diesel-Gipfel musste die Bundesumweltministerin den bayerischen Ministerpräsidenten doch glatt daran erinnern.

Nichts nämlich stört die politische Führung mehr als die Erkenntnis, ein Problem nicht mehr bloß verwalten zu können. Sie löst den altbekannten Reflex aus, um jeden Preis Handlungsfähigkeit demonstrieren zu müssen. Schon als die übergroße Koalition das Elektro-Auto als alleiniges Verkehrsmittel der Zukunft ausrief, hätte man Verdacht schöpfen müssen.

Spätestens jedoch seit nun ein Auto-Gipfel den nächsten Luft-Gipfel jagt. Schließlich suggeriert jedes dieser Treffen höchste Wichtigkeit, kommt aber in aller Regel ohne greifbares Ergebnis aus. Jedenfalls ohne eines, von dem Autofahrer einen Nutzen hätten oder auch nur ein Mehr an Vertrauen.

Mindestens bis zur Bildung einer neuen Regierung wird die Aktionismus-Drehzahl im roten Bereich bleiben. Dabei wären ein paar ganz einfache Feststellungen hilfreich. Nein, Luft verlässt den Endtopf nie sauberer als sie in den Ansaugtrakt hineingekommen ist. Nein, die Möglichkeiten von immer mehr Motorleistung bei immer weniger Verbrauch und immer weniger Abgas sind nicht unendlich. Ja, mindestens auf dem flachen Land wird man das Auto mit Verbrennungsmotor sehr viel länger brauchen als in großen Städten mit gut ausgebautem Nahverkehr.

Darum ist das E-Mobil nicht zwangsläufig die Offenbarung. Und nicht schon deshalb umweltfreundlich, weil es kein Abgas ausstößt. Es käme in die Nähe, wenn dereinst der Saft für all die Akkus aus Sonne, Wasser oder Wind stammen würde. Noch aber wird für 40 Prozent unseres Stroms Kohle verfeuert, zum größeren Teil sogar braune. Der ganz große Auspuff der Stromer ist in Jänschwalde zu besichtigen oder in Grevenbroich.

Und da mag man noch gar nicht genau wissen, wie viel Dreck und Energie verschleudert wird, um Kohle in riesigen Frachtern aus Kolumbien hierher zu schippern. Und auch nicht, zu welchen Bedingungen dort geschürft wird – oder anderenorts für all die kostbaren Rohstoffe, die für immer mehr Batterien in immer größeren Mengen der Erde entrissen werden müssen.

Mindestens 80 000 Kilometer, rechnen Experten deshalb vor, müsse schon ein kleines Elektroauto fahren, um in der CO2-Bilanz überhaupt erst einmal mit einem modernen Verbrenner gleichzuziehen. Und sollten die rund 45 Millionen Pkw tatsächlich mit Strom rollen, bräuchte die Republik zu den 27 000 bestehenden Windkraftanlagen noch 20 000 weitere. Von all den dicken Kabeln, Ladepunkten und Steckdosen gar nicht zu reden.

Dazu kommt das Dilemma der Reichweite. Je größer der Radius, desto schwerer und teurer der Akku. Also eher nichts für City-Flitzer, in denen man Strom-Antrieb vorrangig bräuchte, sondern für große, schwere Sport-Nützlinge, die die ganze Idee vom Klimaschutz schon wieder an die Wand fahren. Für die Ferne ist das E-Mobil schlicht nicht der Wagen der Wahl. Entweder nerven lange Lade-Pausen oder man macht sich mit Express-Bestromung die Zellen kaputt.

Hybrid-Modelle kombinieren zwar Vorteile beider Technologien, schleppen aber stets einen Antrieb zu viel mit sich. Im Grunde also auch nur eine Notlösung. Und was eigentlich soll all die Sattelzüge, Fernbusse, Radlader und Traktoren antreiben, für die schon wegen des gewaltigen Batterie-Gewichts eher keine elektrische Lösung in Sicht ist?

Womöglich steuert die Politik gerade sehenden Auges in eine Sackgasse. Das Flammenschwert gegen den Verbrennungsmotor zu zücken, sichert jedenfalls noch keine Mobilität der Zukunft. Zurück ins Paradies fährt auch das E-Mobil nicht.

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
29. 09. 2017
14:15 Uhr

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Abgase Deutsche Umwelthilfe Fernbusse Frachtschiffe Klimaschutz Kohle Kraftstoffverbrauch Verbrennungsmotoren
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