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Ein feste Burg ...

Unterwegs und doch zu Hause - in Corona-Zeiten wächst die Liebe zum eigenen Auto.



 

Den Visionären kann es gar nicht schnell genug gehen. Der aktuell als oberster Umweltschädling geführte Autofahrer werde in absehbarer Zeit eine vom Aussterben bedrohte Art sein, hieß es noch vor Wochen in Instituten, die sich vorrangig mit morgen und übermorgen beschäftigen. Einen eigenen Wagen fahre schon bald nur noch, wer wohlhabend sei und auf dem Land lebe – der Rest werde buchen statt besitzen.

In den Szenarien der Verkehrsfuturisten verschmelzen längst Busse, Bahnen, Taxis, Leihräder, Mietwagen, Segways und Mitfahr-Zentralen zu einem virtuellen Fuhrpark, in dem man per Smartphone Mobilität bucht. Wunschziel eingeben – schon wird eine maßgeschneiderte Route geliefert inklusive der billigsten Verkehrsmittel. Oder der bequemsten. Oder der schnellsten. Wer überhaupt noch selbst zum Lenkrad greift, tut dies allenfalls per Car-Sharing in der Innenstadt.

Das mag den Älteren ungewöhnlich erscheinen, weil es Jahrzehnte lang etwas wert war, ein eigenes Auto zu haben. Auch wenn man es selten brauchte und oft genug nur einen Kompromiss in der Garage stehen hatte. Weil meist ein Kleinwagen genügt hätte und es ab und an auch mal ein Sportwagen hätte sein sollen, man aber dann eben doch lieber den Kombi wählte – für die achtmal im Jahr, wo viel zu transportieren war. Doch der Tag schien nicht mehr fern, an dem gänzlicher Verzicht die bessere Lösung sein sollte. Bedeutet er doch auch, dass wir keinen Parkplatz mehr brauchen, keine Versicherung, keine Reifen, keinen Kundendienst, keine Hauptuntersuchung.

Nichts wirkte plötzlich so abwegig wie das eigene Fahrzeug. Weil es in den Augen der Kritiker 23 Stunden am Tag ein Stehzeug ist, wertvollen Lebensraum verschwendet und obendrein den Menschen das Gefühl gibt, sie seien bloß zu Gast, weil die Stadt in Wirklichkeit den Autos gehöre. Nicht wenige Politiker erwogen sogar Gratis-Tickets für den öffentlichen Nahverkehr. Hauptsache: Weg mit der Kiste.

Doch dann brach Corona über die Welt herein und über Nacht schon erschienen Bus und Bahn wie der blanke Horror. Dicht an dicht mit schwer atmenden Maskenträgern – da fährt gleichsam der Hauch des Todes mit. Die Alternativen, so vorhanden, sind kaum besser. Im Taxi mangelt’s an Distanz, im Leihwagen womöglich an Desinfektion – und im Regen oder mit einem Kasten Wasser im Gepäck mag sich so schnell auch keiner für Fahrrad oder E-Bike erwärmen.

Wie stark und sicher ist da doch das eigene Auto. Einer Festung auf Rädern gleich bietet es stählernen Schutz gegen all das Ungemach da draußen. Man ist unterwegs und doch abgeschirmt zu Hause. Kein zufälliger Kontakt, kein verseuchtes Aerosol, keine heimtückischen Tröpfchennieser – eine Fahrgast-Zelle im Wortsinn. Womöglich hatten all jene doch nicht gänzlich unrecht, die die Welt schon immer als Krisengebiet empfanden und sich beizeiten in ein SUV flüchteten. Was, wenn nicht eine Art Expeditionsfahrzeug könnte besser das Gefühl vermitteln, selbst in feindlicher Umgebung bestehen zu können?

Und die kam nicht erst mit dem Virus. Erinnern wir uns zweieinhalb Jahre zurück: Herbststurm "Xavier" wütete die halbe Republik in den Ausnahmezustand. Auch und ganz besonders die Hauptstadt Berlin. Als die ersten Äste fielen, war es vorbei mit dem öffentlichen Nahverkehr. Sämtliche Stadtbusse stellten umgehend den Betrieb ein, ebenso Züge und S-Bahnen. Gerade mal im Untergrund verkehrten noch ein paar wenige Waggons.

Das einzige, was zuverlässig fuhr, waren – Autos. Ganz normale, angeblich so altmodische und überflüssige Autos. Jedenfalls so lange, bis es in der Folge wieder mal zu viele wurden. Doch wer keines hatte, war gänzlich aufgeschmissen. Und zwar bis spät in die Nacht. Kein Wunder, dass sämtliche Mietwagen innerhalb von Minuten ausgebucht waren. Lieber zähfließender Verkehr als gar keiner, lieber ein Umweg als durchnässt und ohne Chance auf Weiterkommen. Erst in der Krise zeigt sich, wie belastbar all die schönen Theorien wirklich sind. Oder eben nicht.

Dabei ist die Erkenntnis nicht neu: Tobt das Chaos, gewinnt das Physische an Bedeutung. Sogar beim Auto. Wie der Goldbarren in einer taumelnden Welt aus Kurzarbeit, Pleiten-Welle, Börsen-Crash und Rettungs-Billionen. Dabei galt lange die Auffassung, eigenes Blech werde bei der Mobilität von morgen keinerlei Bedeutung mehr haben – die entscheidende Frage sei allein, wer die schnellere Software habe und die klügeren Algorithmen.

Und so fühlt man sich irgendwie an Hitchcock erinnert. Im Horror-Klassiker "Die Vögel" gelingt die Flucht aus tödlicher Gefahr – richtig: in einem Auto. Nicht auszudenken, hätte Anwalt Mitch Brenner alias Rod Taylor keinen Aston Martin DB2/4 gehabt, sondern eine Carsharing-App …

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
15. 05. 2020
14:30 Uhr

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