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Die Kurbel-Welle

Die meistgebaute Maschine der Welt wird 200 Jahre alt - es ist das Fahrrad.



Foto: AdobeStock
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Für den Frühling gibt es höchst verlässliche Anzeichen: Krokusse, Stühle vor den Cafés, Eis schleckende Kinder – und ein exponentieller Anstieg der Radler-Dichte. Blüht die Forsythie, folgt die Ketten-Reaktion. Bloß unser Veloziped gammelt noch so dreckig im Keller wie nach dem Spätherbst-Ausflug im Sprühregen. Kette flugrostig, Reifen luftlos, Rahmen verstaubt. Ein Elend.

Also ran mit Innensechskant, Lappen und Kriechöl – oder man schiebt den Patienten zum Rad-Doktor des Vertrauens, den all die anderen gerade jetzt auch konsultieren, weshalb nicht alle gleich auf die Therapie warten können, sondern manche zu Fuß den Heimweg antreten müssen – wenn auch mit einem Abholkärtchen für kommende Woche in der Tasche. Vermutlich exakt das Datum, zu dem sich die Frühlingssonne erst einmal wieder verabschiedet.

Egal. Bevor man kräftig in die Pedale tritt, sollte man – zumindest in diesem Jahr – ein wenig innehalten. Kurz an die Insel Sumbawa denken und etwas länger an Herrn Drais, den badischen Forstmeister, der mit vollem Namen Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn hieß. An den sich vermutlich kein Mensch erinnern würde, hätte er sich nicht vor genau 200 Jahren öffentlich zum Gespött gemacht. Und ohne den es heute kein Mountainbike gäbe, kein Holland-Rad und keine Zeitfahr-Maschine.

In einer Zeit, da man ritt, eine Kutsche benutzte oder schlicht zu Fuß ging, setzte er sich auf ein selbstgebautes Gefährt mit zwei Rädern und lief, wahlweise: rollte, von Mannheim zum etwa sieben Kilometer entfernten Schwetzinger Relaishaus und wieder zurück. Knapp eine Stunde brauchte er für die Strecke – ein Schnitt von etwa 15 Stundenkilometern. Damit war er schneller unterwegs als die Postkutsche.

Darauf gebracht hatte den pfiffigen Beamten womöglich ein verheerender Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Sumbawa. Der Himmel über Europa verdunkelte sich durch die Asche und das Jahr 1816 wurde als "Achtzehnhundertund­erfroren" berüchtigt. Es folgten Missernten, viele Pferde starben, weil es keinen Hafer mehr gab, und so kam ein Fortbewegungsmittel ohne Gäule wie
gerufen.

Der Schlüssel zum modernen Fahrrad war die Idee, dass zwei Räder reichen, wenn der Fahrer mit einer Lenkung aktiv balancieren kann. Raubkopien der "Draisinen" waren bald überall zu finden. Es war einfach viel bequemer als zu laufen. Der zweite Entwicklungsschub erfolgte in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, als in Frank­reich die ersten Vorderräder mit Tretkurbeln zum Einsatz kamen.

Den Engländern war das Modell allerdings zu langsam, weil pro Pedaltritt nur eine Radumdrehung möglich war. Und so erfand sich das Hochrad praktisch von selbst, denn je größer das Vorderrad, umso schneller konnte man fahren – zumindest in ebenem Gelände. Die Hinterräder schrumpften entsprechend, um das
Auf- und Absteigen zu erleichtern. Hochradfahren erforderte allerdings Mut, Talent und akrobatische Geschicklichkeit. Stürze über den Lenker waren an der Tagesordnung und verliefen bei Vorderrad-Durchmessern von rund anderthalb Metern selten glimpflich. In vielen Städten war das Hochrad darum verboten – in Köln noch bis 1894.

Doch es rollte längst anders: Die Freilaufnabe 1869 und die Kette 1878 brachten die ersten Schaltungen. Der Antrieb erfolgte auf das Hinterrad, so dass er von der Lenkung unabhängig wurde. Mit der Einführung des Diamant-Rahmens 1880 und der Erfindung des nahtlos gezogenen Stahlrohres erhielt das Fahrrad so langsam die uns heute vertraute Form, Luftreifen des schottischen Tierarztes John Boyd Dunlop brachten ab 1888 leidlichen Komfort.

Mit Einführung der Tour de France 1903 setzte erneut ein Technologie-Schub ein. Die Rennräder erforderten Bremsen, die auf die Felge wirkten, und mit der ersten großen Bergetappe am Col du Tourmalet in den Pyrenäen mussten auch die Schaltungen weiterentwickelt werden. Es folgten Rahmen aus Aluminium, später aus Karbon. Die neuesten Trends kann man kommendes Wochenende beäugen. Da öffnet die VeloBerlin ihre Pforten.

Heute gilt das Fahrrad als die meistgebaute Maschine der Welt. Geschätzt eine Milliarde Drahtesel rollen über den Globus – doppelt so viele wie Autos. Und vom E-Bike abgesehen muss man immer noch selber treten. Ungeübte schaffen dabei um die 20 Stundenkilometer. Bei der Tour de France liegt der Rekord-Schnitt eines Fahrers bei 41 Kilometern pro Stunde. Ob gedopt oder nicht, weiß keiner so genau. Ohne Berge fährt sich’s deutlich schneller: Der Stunden-Weltrekord für Männer liegt aktuell bei 54,526 Kilometern, der für Frauen bei 47,980.

Da werden wir auf unserer ersten Frühlings-Ausfahrt wohl ein klein wenig drüber bleiben…

 

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
23. 03. 2017
14:45 Uhr

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23. 03. 2017
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