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Der Strom-Schnelle

Jaguar bringt ein Auto auf die Straßen, das mit seiner flachen Front eher an einen Sportwagen mit Mittelmotor erinnert. Schwungvoll bis ins Dach und mit breiten Schultern. Wo Linien nicht mehr Motorblock oder Tank folgen müssen, dürfen Designer Fantasie entwickeln.



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Mag sein, dass der Vergleich ein wenig plump wirkt - aber wenn Wolfgang Ziebart vom E-Auto spricht, könnte man meinen, der Mann stehe unter Strom. Es sei eben nur eine Notlösung, sagt der Vater des I-Pace, wenn man bestehende Autos umbaut. "Es war von der ersten Sekunde an klar, dass wir ein radikales Fahrzeug bauen würden." Sprach’s, nahm ein Blatt Papier und begann zu zeichnen.

Exakt vier Jahre später kann man dieses Auto nicht nur fahren, sondern auch kaufen. Anders als bei vielen Herstellern, die Dutzende Studien auf Drehtellern präsentieren, aber wenig bis nichts auf der Straße haben.

Zwei Wachstumssegmente standen zur Verschmelzung an: SUV und Akku-Auto. Und wenn sich Jaguar des Themas annimmt, muss einem um Exklusivität nicht bange sein. Auch nicht darum, dass es nicht recht vorwärts ginge. Schon in den 1950er-Jahren warb die Marke mit "Grace, Pace, Space" – Anmut, Tempo, Platz.

2015 haben sie zum "Year of the Cat" ausgerufen. Dem Jahr der Katze. Genauer: der Raubkatze. Jaguar wollte nicht länger auf Samtpfoten schleichen, sondern Krallen zeigen und jagen. 2018, so scheint es, könnte ein Sprung nach ganz vorne gelingen. Ein Auto wie dieses bietet nur Tesla. Niemand sonst. Womöglich auch deshalb, weil Revolution und Größe selten zusammengehen. In einem kleinen, feinen Unternehmen ist ein Aufstand halt schneller angezettelt als in einem Konzern.

Und so bringt Jaguar ein Auto auf die Straßen, das mit seiner flachen Front eher an einen Sportwagen mit Mittelmotor erinnert. Schwungvoll bis ins Dach und mit breiten Schultern. Wo Linien nicht mehr Motorblock oder Tank folgen müssen, dürfen Designer Fantasie entwickeln. Und auch Ingenieure: Aktive Lamellen im Kühlergrill öffnen sich erst, wenn Luft gebraucht wird. Die Griffe ruhen derweil bündig in den Türen.

Noch mal elektrisierender indes ist das Fahrgefühl. Weil alles verwirklicht wurde, was ein E-Auto bietet. Akku samt Schwerpunkt im Unterboden, extrem langer Radstand. Über zwei Elektromotoren lassen sich 400 PS und 700 Nm Drehmoment besser und schneller an jedes Rad verteilen als es bei einem Verbrenner möglich wäre. Und weil Platz ein hohes Gut ist, laufen die Antriebswellen durch die hohlen Motoren hindurch.

So herrscht Vortrieb, als habe man an einem Katapult das Halteseil gekappt. Trotz 2,2 Tonnen Gewicht. Von 0 auf 100 vergehen 4,8 Sekunden, rauf geht’s bis 200 und man muss schon mit der Gelassenheit eines Mönchs gesegnet sein, um in diesem Auto nicht dem Tempo-Rausch zu verfallen. Zum Glück sorgen Bremsscheiben im Format einer Familienpizza dafür, dass man auch sehr schnell wieder sehr langsam wird. Dazwischen schnürt der I-Pace auf seinen bis 22 Zoll großen Rädern derart gierig um jede Biegung, dass es einem Sportwagen zur Ehre gereichte. Selbst ohne die optionale Luftfederung.

Wer dauerhaft so zu Werke geht, schafft die 480 Kilometer natürlich nicht, die der I-Pace mit einer Ladung unterwegs sein kann. Da mag man noch so viel Bremsenergie zurückgewinnen – Dynamik kostet Distanz. Alte Batterie-Fahrer-Weisheit. Allerdings bringen 40 Minuten an einem 100-kW-Schnelllader 80 Prozent Kapazität. Wer’s noch eiliger hat – eine Viertelstunde reicht für 100 Kilometer. Und es gibt acht Jahre Garantie auf die Batterie (bis 160 000 Kilometer und 70 Prozent Effizienz).

Noch etwas beschert die kompromisslose E-Architektur: Platz. Jede Menge Platz. Man müsste schon XJ fahren, um ähnlichen Freiraum zu haben. Vorne wie hinten thront man wie Gott in England. Dabei misst der I-Pace außen gerade mal 4,68 Meter. Zudem steckt er einiges weg: 656 Liter hinter vollem Gestühl – bei flachgelegter Lehne fast 1,5 Kubikmeter. Dazu kommt eine Zehn-Liter-Box in der Mittelkonsole und unter den Rücksitzen verbergen sich Laptop-Fächer.

Und natürlich wäre der I-Pace kein Jaguar, würde es im Innenraum nicht höchst behaglich zugehen. Zu traditionellem Leder gesellt sich Zierrat aus Lack, Holz oder gefrästem Alu. Bis zu acht Geräte lassen sich gleichzeitig mit dem Internet verbinden, und an USB-Buchsen herrscht auch keine Not. Wer in einem E-Auto eher einen Beitrag zu Nachhaltigkeit sieht, dem sei die naturnahe Innenausstattung aus Premium-Textil empfohlen.

Und so schwebt man dahin. Geräuschlos. Den Blick auf dem Head-up-Display. Derweil sich der Wagen um den klugen und sparsamen Weg kümmert. Über Navi-Daten, Verkehrszeichen und Infos der Assistenz-Systeme. Und den persönlichen Fahrstil merkt sich der I-Pace auch.

Die schlechte Nachricht zum Schluss: Unter 77 100 Euro tut sich nix in Sachen I-Pace. Nach oben indes ist reichlich Luft. Die "First Edition" beginnt bei 101 850 Euro. Da fliegt bei den Meisten leider die Sicherung.

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Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
24. 08. 2018
16:47 Uhr

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