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Der Fantasie so fern

Was war das für ein Aufruhr. "Kostenloser öffentlicher Nahverkehr!" hieß es Anfang des Jahres aus der damals noch geschäftsführenden alten GroKo. Mancher glaubte schon, Schwarz-Rot habe plötzlich irgendein grünes Gewissen. Oder zumindest eine Art Idee. Womöglich sogar einen Plan. War natürlich nicht so. Alles nur nackte Panik. Schließlich drohten wegen der hohen Stickoxid-Belastung erste Diesel-Fahrverbote in Städten.



 

Heute kommen die Bannmeilen für Selbstzünder im Wochentakt – doch vom Gratis-ÖPNV spricht in Regierungskreisen keiner mehr. Gescheitert ist das Ganze vor allem am Geld. Mal wieder. Die Bundesregierung wollte das Projekt nicht finanzieren, und die ausgewählten Pilotstädte – Essen, Bonn, Mannheim, Herrenberg und Reutlingen – winkten prompt ab. Ohne schlüssiges Konzept seien sie nicht interessiert, hieß es. Noch nicht mal die Grünen vermochten sich für den Nulltarif zu erwärmen.

Die Folge ist wenig verwunderlich. Erneut hat das Institut für angewandte Sozialwissenschaft festgestellt, dass das Auto auch weiterhin der wichtigste Verkehrsträger der Republik bleiben wird. Rund 43 Prozent der Wege, heißt es in der Studie "Mobilität in Deutschland 2017", würden mit Auto oder Motorrad zurückgelegt. Tendenz: nicht fallend.

Da hilft im Übrigen auch die viel beschworene und doch nur halbherzig in Angriff genommene Elektrifizierung nicht. Auto bleibt Auto. Ein Wechsel von Sprit zu Strom mag die City-Luft atembarer machen, flüssiger wird Verkehr damit kein bisschen. Auch E-Mobile sind im Schnitt 23 von 24 Stunden am Tag Stehzeuge und brauchen Fläche, die für anderes verloren ist. Für bezahlbaren Wohnraum zum Beispiel, Fahrradwege oder Kinderspielplätze.

Und: Private Elektroautos kommen meist zu einem Verbrenner hinzu, hat die Studie ergeben. Lediglich ein Viertel sind demnach die einzigen Gefährte im jeweiligen Haushalt. Und so wächst der Bedarf an Stellflächen eher als dass er sinkt.

Punktuelle Entlastung auf der Straße mag es geben. Durch Umstieg aufs Fahrrad zum Beispiel. Aber bei Regen oder mit zwei schweren Einkaufstaschen ist das keine echte Alternative. Das gilt für elektrisch unterstützte Tretroller übrigens genauso. Wenig hilfreich sind auch preiswerte Ticket-Angebote für Schüler, Jugendliche oder Rentner. Die nämlich sitzen gerade nicht in den Autokolonnen, die sich täglich durch die Städte schieben.

Besserung ist also nur in Sicht, wenn die Zahl der Autos sinkt. Weil man sich eben nur bei Bedarf eines holt, zum Beispiel. Das mag vielen noch ungewöhnlich erscheinen, weil es Jahrzehnte lang etwas wert war, ein eigenes Auto zu haben. Es sind daher eher die Jungen, die lieber buchen als besitzen. Man spart sich Versicherung, Steuer, Reparaturen, Hauptuntersuchung und Parkgebühren.

Doch warum hat die Mobilität der Zukunft einen Bundestagswahlkampf lang, plus Jamaika-Sondierung plus GroKo-Verhandlung, keine große Rolle gespielt? Weil man dann erklären müsste, wie dieses Land es künftig mit den Jobs halten will. Ob die als Folge von immer noch mehr Effizienz tatsächlich immer noch mehr Richtung Innenstädte strömen sollen – und mit ihnen zwangsläufig die Pendler? Und warum man in den Ministerien das Auto mit digitaler Infrastruktur verknüpft und eben nicht mit den Ressorts Arbeit, Bauen oder Wohnen?

Und was hört man von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer? Der mosert gelegentlich ein klein wenig über halsstarrige Auto-Bosse, vertritt ansonsten aber die Auffassung, die Menschen sollten doch einfach alte Diesel verschrotten und neue kaufen. Dann wäre zumindest das Problem mit der schlechten Luft in den Städten kleiner.

Politische Fantasie klingt irgendwie anders ...

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
23. 11. 2018
11:18 Uhr

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