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Bedingt fahrbereit

Man muss noch nicht mal nach Rio de Janeiro reisen, Tokio oder New York. Berlin genügt völlig. Friedrichstraße zum Beispiel oder Ku'damm. An schlechten Tagen kommt man da mit dem Wagen schlecht hin, an guten nicht viel besser. Weil es einfach zu viele davon gibt. Noch schlimmer ist es zu Fuß oder auf dem Rad. Es befällt einen das Gefühl, Menschen seien hier nur zu Gast. In Wirklichkeit gehöre die Stadt den Autos.



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In Frankfurt oder München ist das nicht viel anders. Ein Unglück? Nein. Es ist das Ergebnis eines Wahns, dass alles immer noch schneller und noch effizienter funktionieren muss, und dass es in der Folge nur mehr Jobs in den Städten gibt. Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt heute bereits dort. Über 300 Millionen allein in den 20 größten Ballungsräumen der Welt. Tendenz stark steigend.

Autos sind zwangsläufig Teil dieses Irrsinns. Mehr als eine Milliarde davon verteilt sich über den Globus. Aber eben nicht gleichmäßig. Sie verstopfen Straßen, verfeuern Energie, produzieren Lärm und Abgase. Ein Tag Peking reicht für die Erkenntnis, dass stehendes Blech in Sechserreihen alles Mögliche ist, nur keine Mobilität. Mindestens in den Metropolen steht der eigene Wagen daher auf der Roten Liste. Ein Wechsel des Betriebssystems von Sprit zu Strom, sagen Experten, wird ihn auf Dauer ebensowenig retten wie Tricks bei der Abgas-Messung.

In Deutschland gibt es aktuell rund 63 Millionen Autos. Knapp 46 Millionen davon sind Pkw. Nicht wenig für ein Land dieser Größe. Doch eine andere Zahl ist noch viel bedenklicher: Jeder dieser Wagen ist im Schnitt nur eine Stunde pro Tag tatsächlich ein Fahrzeug. Denn Rest der Zeit, nämlich 23 Stunden, ein Stehzeug. Und weil das so ist, brauchen wir so unendlich viele Parkplätze. Flächen, die für andere Dinge verlorengehen. Für bezahlbaren Wohnraum zum Beispiel. Oder Kinderspielplätze.

Besserung ist in den großen Städten nur in Sicht, wenn die Zahl der Autos sinkt. Weil man sich eben nur bei Bedarf eines holt zum Beispiel. Das mag den Älteren noch ungewöhnlich erscheinen, weil es Jahrzehnte lang etwas wert war, ein eigenes Auto zu haben. Auch wenn man es selten brauchte und oft genug nur einen Kompromiss in der Garage stehe hatte. Weil meist ein Kleinwagen genügt hätte und es ab und an auch mal ein Sportwagen hätte sein sollen, man aber dann eben doch lieber den Kombi wählte. Doch der Tag scheint nicht mehr fern, an dem gänzlicher Verzicht die bessere Lösung sein könnte. Bedeutet er doch auch, dass wir keinen Parkplatz mehr brauchen, keine Versicherung, keine Reifen, keinen Kundendienst, keine Hauptuntersuchung.

Auf Sicht werden Städter eher buchen denn besitzen. Die Jungen machen es jetzt schon so. In den Szenarien der Verkehrsfuturisten verschmelzen Busse, Bahnen, Taxis, Leihräder, Mietwagen, Segways und Mitfahr-Zentralen bereits zu einem virtuellen Fuhrpark, aus dem man per Smartphone Mobilität bucht. Man gibt sein Ziel ein und bekommt eine maßgeschneiderte Route mit den billigsten Verkehrsmitteln. Oder den bequemsten. Oder der schnellsten. Wer überhaupt noch selbst fährt, tut dies per Car-Sharing in der City.

So jedenfalls funktioniert die Theorie. Was die Praxis stattdessen bringen kann, hat Xavier gezeigt – der erste heftige Herbststurm dieses Jahres. Zugegeben eine Ausnahmesituation. Doch als die ersten Äste fielen, war es in Deutschlands Hauptstadt erst einmal vorbei mit dem öffentlichen Nahverkehr. Sämtliche Stadtbusse stellten umgehend den Betrieb ein, ebenso Züge und S-Bahnen. Gerade mal im Untergrund verkehrten noch ein paar wenige Waggons.

Das einzige, was zuverlässig fuhr, waren – Autos. Ganz normale, angeblich so altmodische Autos. Jedenfalls so lange, bis es in der Folge wieder mal zu viele wurden. Doch wer keines hatte, war gänzlich aufgeschmissen. Und zwar bis spät in die Nacht. Kein Wunder, dass sämtliche Mietwagen innerhalb von Minuten ausgebucht waren. Lieber zähfließender Verkehr oder ein Umweg als durchnässt und ohne Chance auf Weiterkommen.

Vielleicht sollte also jemand laut "Xavier" rufen, wenn sie im politischen Berlin demnächst wieder das Auto verteufeln. Ganz ohne wird es nämlich noch für einige Zeit auch in der Stadt nicht gehen. Die Herausforderung ist, es bis dahin klug anzustellen. Und sei es nur, den öffentlichen Nahverkehr einigermaßen wetterfest zu machen.

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
19. 10. 2017
11:30 Uhr

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