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Unterwegs mit einem S-Cargo-Bike

Lastenräder sieht man immer öfter, vor allem als Pedelecs erobern sie die Städte. Selten dagegen sind S-Pedelecs, die bis 45 km/h unterstützen. Dabei taugen gerade die als Autoersatz.



S-Cargo-Bike Load 75 HS
Lang und schnell: Als S-Pedelec unterstützt das Load 75 HS bis zu 45 km/h. Doch dafür muss man ganz schön in die Pedale treten.   Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn » zu den Bildern

Der Boom der E-Bikes hat in besonderer Weise die Lastenräder erfasst. Keine andere Fahrradgattung ist mit elektrischem Motor bei den Kunden so viel beliebter als ohne. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) wurden 2019 insgesamt fast 76 000 Lastenräder verkauft, davon knapp 54 400 als E-Bikes.

Es erscheint sinnvoll: Wer viel transportieren hat, kann Motorhilfe gut gebrauchen, beim Wocheneinkauf oder der Fahrt zur Kita mit dem Nachwuchs an Bord. Und auch Handwerksbetriebe und Paketzusteller haben E-Lastenräder entdeckt. Doch die elektrifizierten Packesel sind mit einem Verkaufsanteil von vier Prozent unter den E-Bikes noch ein Nischenprodukt.

Eine der wenigen Firmen, die E-Lastenräder sogar als schnelles S-Pedelec anbieten, ist Riese & Müller. «S» steht für Speed; diese Art E-Bikes unterstützt statt bis 25 km/h bis Tempo 45. Wir haben das Modell Load 75 HS ausprobiert, erhältlich ab 6920 Euro Grundpreis.

- Der Einsatzzweck: Egal, ob er die Kinder mit dem Load abhole, Sportgeräte und Lasten transportiere - «alles, was man mit dem Auto machen würde, mache ich seit Jahren mit dem Load», sagt Geschäftsführer Markus Riese, der das Modell selbst privat fährt.

In der schnelleren Variante sieht er gegenüber den normalen Pedelecs den besseren Autoersatz, vor allem auf längeren Strecken: «Mit 25 Stundenkilometern kann ich mich kaum in den Verkehrsfluss integrieren, das HS aber bietet die Chance, im Straßenverkehr mitzuschwimmen.» Außerdem seien längere Pendlerstrecken in kürzerer Zeit möglich. Ein S-Pedelec darf jedoch nicht auf dem Radweg fahren.

- Die Technik: Mit ihrem stärkeren Motor und aufgrund der höheren Unterstützungsgeschwindigkeit gelten S-Pedelecs rechtlich als Kleinkrafträder und müssen auf die Straße. Es besteht Versicherungs-, Helm- und Fahrerlaubnispflicht. Wer einen Autoführerschein besitzt, darf losdüsen. Es genügt aber auch der Führerschein Klasse AM, den man ab 16 Jahren machen kann.

Wie alle S-Pedelecs hat das Load HS verpflichtend eine Hupe, einen Rückspiegel und zusätzliche Reflektoren seitlich an der Gabel. Das Bike fährt wie ein Motorrad stets mit Beleuchtung. Zieht man einen Bremshebel, leuchtet hinten ein Bremslicht auf.

Markus Riese betont, dass sich das einspurige Load aufgrund des langen Vorbaus selbst bei heftigen Bremsmanövern nicht überschlagen könne. Weil man so die volle Haftung des Reifens nutzen kann, verringere sich der Bremsweg gegenüber einem normalen Fahrrad etwa aus 20 km/h um die Hälfte auf 1,7 Meter. Zum Zuge kommen Vier-Kolben-Scheibenbremsen. Für Beschleunigung sorgt ein Bosch-Mittelmotor mit 85 Nm Drehmoment. Vier verschiedene Unterstützungsstufen lassen sich wählen. Die maximale Tretkraftunterstützung ist mit 340 Prozent erreicht.

Die Kraftübertragung ans Hinterrad erledigt ein verschleißarmer Carbonriemen, die Übersetzung eine elektrische 14-Gang-Nabenschaltung von Rohloff. Die beiden Akkus mit je 500 Wattstunden können synchron über eine Buchse am Rad geladen werden oder extern, dann aber nacheinander. Als Gesamtnutzlast inklusive Fahrer gibt der Hersteller 200 Kilo an. Davon entfallen allein auf die vordere Ladefläche 100 Kilo, der hintere Gepäckträger ist auf 20 Kilo ausgelegt. Das Rad passt laut Hersteller für Menschen von 1,50 bis 1,95 Meter Körpergröße. Neben der veränderbaren Sattelhöhe kann dazu der Vorbau winkel- und höhenverstellt werden.

- Der Fahreindruck: Das Load 75 HS wiegt je nach Ausstattung ab 38,4 Kilo und ist 2,64 Meter lang. Das erfordert vor allem beim Manövrieren Eingewöhnung. Das Rad mal eben anheben und in Fahrtrichtung bringen, das geht kaum. Der Wendekreis misst 4,5 Meter. Wenn Kinder zusteigen, muss man das Rad gut stabilisieren - es sei denn, es steht auf dem stabilen Zweifuß-Ständer, der das Rad auch voll beladen sicher hält.

Sobald sich Kinder unterwegs bewegen, gibt es Unruhe - ansonsten liegt das Bike aber schon aufgrund des Eigengewichts satt auf der Straße und bleibt stabil. Gepäck und Last an Bord machen sich fast nur beim Bremsen bemerkbar. Bei Steigungen ist man bei Extrakilos an Bord froh über den kräftig zupackenden Mittelmotor. Auf gerader Strecke aber ist er nicht zwingend erforderlich. Ausgeschaltet lässt er sich widerstandsfrei treten.

Auf unseren Testfahrten kutschieren auch wir Kram umher: Getränkekisten, Retouren-Kartons, Lebensmittel. Das Auto bleibt oft stehen. Aber: Das Mitschwimmen im Verkehr bei Tempo 45 ist selbst auf dem S-Pedelec schweißtreibend - auch wenn die eingebrachte Tretkraft im Turbo-Modus um das 3,4-Fache erhöht wird.

Der Fahrkomfort ist hoch: Der Stahlfeder-Rahmendämpfer mit 80 Millimetern Federweg bügelt zusammen mit der Federgabel (70 mm) selbst Kopfstein fast glatt. Nur das Nummernschild klappert am gut verarbeiteten Bike. Die Rohloff E-14 Speedhub lässt sich wie eine Kettenschaltung selbst im Treten bedienen, weil sie die Motorlast beim blitzschnellen Schalten reduziert. Ein Anfahrtsgang kann definiert werden, in den die Rohloff bei Halt automatisch zurückschaltet, etwa an der Ampel. Die Übersetzungsbandbreite zwischen 1. und 14. Gang liegt bei enormen 526 Prozent.

- Ausstattung, Zubehör, Peripherie: Am Testrad liefern zwei Akkus mit je 500 Wattstunden den Strom (Aufpreis: knapp 900 Euro). Bei voller Ladung zeigte das Display rund 150 Kilometer Reichweite an, der Praxiswert aber kann weit darunter liegen. Weil auch Gewicht und Ladung eine Rolle spielen, erzieht das Load zum bedachten Umgang mit Energie. Eine Schaltpunktanzeige im Display hilft dabei.

Für die verschiedene Aufbauten verlangt Riese & Müller 80 bis 630 Euro Aufpreis: Es gibt niedrige und hohe Seitenwände für mehr oder weniger Ladevolumen, als Abdeckung Persenning, abschließbares Hardcover oder Kinderverdeck. Bis zu drei Kindersitze finden Platz. Für bessere Sicht bei Dunkelheit ist ein Scheinwerfer mit Fernlichtfunktion montiert, der die Straße gut ausleuchtet, auch weil er die Lenkbewegungen mitmacht.

Selbst auf sandigem Grund kommt das 40-Kilo-Bike nicht gleich ins Schlingern - was auch an der «GX-Option» liegt. Für knapp 50 Euro kommen grobstollige Reifen an die 20 Zoll (vorn) und 26 Zoll (hinten) großen Räder, die den Grip verbessern und einen extrasicheren Pannenschutz versprechen. Für Diebstahlschutz sorgt ein Rahmenschloss von Abus, das durch eine optionale 130 Zentimeter lange Schlosskette ergänzt werden kann. Rahmen-, Ketten- und Akkuschloss schließen mit dem gleichen Schlüssel. Dank integriertem RX Chip (knapp 100 Euro) lässt sich das Rad über GPS mit einer App orten. Diese warnt den Fahrer auch, wenn das Bike in Abwesenheit bewegt wird.

- Der Preis: Mit aktuell 6920 Euro Grundpreis ist das Load 75 HS fast so teuer wie Deutschlands zurzeit günstigster Neuwagen, der Dacia Sandero (ab 7300 Euro). Das Testrad mit Rohloff-Schaltung, Doppelakku, Kindersitzen und weiteren Extras kommt auf rund 9900 Euro - ein Preis für Überzeugungstäter, denen der Autovergleich egal sein muss.

- Das Fazit: Das Load 75 HS ist der Eil-Laster unter den Lasten-Pedelecs, der diesem Anspruch alle Ehre macht, sich ihn aber auch bezahlen lässt. Das ultrateure Rad schluckt viel Ladung, taugt als Kita-Kutsche und ist dabei schnell. Vor allem aber im dichten Straßenverkehr mit Nachwuchs an Bord wünscht man sich, auf den Radweg zu dürfen - der S-Pedelecs jedoch rechtlich verwehrt bleibt.

© dpa-infocom, dpa:201012-99-918342/2

Veröffentlicht am:
13. 10. 2020
04:53 Uhr

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dpa

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13. 10. 2020
04:53 Uhr



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