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"Es geht um Schuld"

Alle bisherigen Aufführungen waren restlos ausverkauft. Jetzt gibt es weitere Zusatztermine von Ben Beckers Inszenierung "Ich, Judas". Ein Sonntagsgespräch über Liebe und Schuld



  Foto: dpa, Fritz Brinckmann

So!: Herr Becker, was ist Judas für Sie? Ein Verräter? Ein Missverstandener? Oder ein treuer Diener Jesu?

Die Termine (Auswahl)
26. März: Dresden, Kreuzkirche
4. April: Würzburg, St.-Johannis-Kirche
6. April: Erfurt, Thomaskirche
7. April Leipzig, Peterskirche
29. September: Jena, Volkshaus
3. November: Erfurt, Thomaskirche
4. November: Bad Elster, König-Albert-Theater
10. November: Dresden, Kreuzkirche

Ben Becker: Ein Mensch mit sehr viel Liebe in seinem Herzen. Liebe auch Jesus von Nazareth und Gott gegenüber. Diese Liebe hat ihn aber in Zweifel, auch in Selbstzweifel gebracht.

So!: Er war doch notwendig für Gottes Plan. Hätte es ohne diesen angeblichen Verrat kein Christentum gegeben?

Becker: Da bin ich mir ziemlich sicher, ja. Ohne ihn wäre Jesus Christus nicht zu dem geworden, was er heute in unserem Kulturkreis ist. Es war vonnöten, den Menschen, den er liebt, ans Kreuz zu schlagen. Das ist es, was ihn selbst zum Zweifeln bringt. Und auch in große Verzweiflung. Er hat aus Liebe einen Verrat zu begehen.

So!: Ist "Ich, Judas" ein Plädoyer für einen Geächteten?

Becker: Das kann man so sagen, ja. Wobei natürlich der Text von Walter Jens auch die Infragestellung dessen beinhaltet, was Sie mit "Geächtetem" ansprechen. Es ist unheimlich leicht, jemanden für schuldig zu erklären. Da bin ich kein großer Freund von. Und wie ich weiß, Walter Jens auch nicht. Das ist es, was mich so tief beeindruckt hat: Dass Jens diese Sachen in seinem Text hinterfragt.

So!: Und Judas eben nicht direkt verurteilt.

Becker: Ja, nicht so, wie es Judas oft ergangen ist. Er wurde verurteilt von den Nazis, von Luther, von der Kirche, immer wieder. Weil man eben gern einen Schuldigen hat. Es ist einfacher zu verurteilen, als zu hinterfragen. Ich jedoch finde das Hinterfragen interessanter. Und uns Menschen würdiger.

So!: Ist das Thema Verrat auch in der heutigen Zeit aktuell?

Becker: Ich würde sagen, dass das Thema sehr aktuell ist. Es geht um Schuld. Wie viel Schuld trägt ein jeder von uns in sich? Ich habe kürzlich in den Nachrichten eine Frau gesehen, die bei sieben Grad Minus, ihr Kind an der Brust, durch den Balkan wandert, weil sie glaubt, in Deutschland hätte sie ein besseres Leben. Als sie dann ankommt in einem Aufnahmeheim, wirft irgend so ein Typ eine brennende Flasche als Gute-Nacht-Kuss für sie und ihr Kind durchs Fenster. Hat diese Frau Schuld? Die kommt doch nicht aus Spaß zu uns. Aber: Wer hat Schuld? Und: Wie viel Schuld trägt dieser Mann, der ihr das Fläschchen, das brennende, hochschickt? Gehört der an die Wand gestellt oder gehört der hinterfragt? Mit der Schuld, die er in sich trägt.

So!: Es geht also um Schuld. Weitere Beispiele?

Becker: Was ist ein Herr Snowden? Inwieweit hat er aufgedeckt? Wo hat er sich schuldig gemacht? Hat er sich überhaupt schuldig gemacht? Ist ein Donald Trump schuldig? Und: Inwieweit? Wie weit lassen wir Schuld zu? Diese ganze Infragestellung kann ich nur in den Raum stellen. Ich habe keine Antworten. Aber ich habe das Gefühl, dass das Publikum kommt und sich bereiterklärt, sich mit diesem Text und einem Herrn Becker, der ihn vorträgt, auseinanderzusetzen. Diese Menschen teilen diese Fragestellung. Es gibt ein Leben neben
RTL2.

So!: Es ist bereits Ihr zweites Programm, das seinen Ursprung in der Bibel hat. Würden Sie sich als religiös bezeichnen?

Becker: Ich bin ein durchaus gläubiger Mensch. Aber vielleicht nicht im bürgerlich-moralisch-christlichen Sinne. Ich glaube nicht an den alten Mann mit einem weißen Bart da oben. Ich sehe Gott in allem. In dem Vogel, der da fliegt. In dem Baum, der da wächst. Dafür habe ich eine große Anerkennung und einen großen Respekt. Ich weiß nicht, ob das alles wirklich so war, wie es in der Bibel steht. Ich glaube, dass man auch das hinterfragen muss.

So!: Sie sind beim Vortrag des Judas-Textes sehr emotional, weinen sogar manchmal.

Becker: Ja. Und da bin ich nicht der Einzige. Wenn man eine so existenzielle Auseinandersetzung auf der Bühne vorführt und sich da reinversetzt, dann ist das nicht unbedingt komisch. Da muss man dann auch mal weinen. Aber das geht mir auch bei anderen Figuren so.

So!: Was ist das für ein Gefühl, wenn man in einer Kirche steht und zum Publikum spricht?

Becker: Nun, ich bin ja kein Priester. Ich bringe das Theater in die Kirche. Für mich, Ben Becker, sind das beides heilige Orte, das Theater und die Kirche. Für viele Leute ist die Kirche heiliger als das Theater. Das muss man respektieren. Man muss mit einem offenen, ehrlichen, großen, liebenden Herz ein solches Haus betreten. Dort sprechen zu dürfen, finde ich ganz toll.

So!: Was sollen die Besucher für sich mitnehmen?

Becker: Sie sollen sich selbst Fragen stellen. Ich bin nicht dazu da, um zu missionieren. Ich stelle einen Text in den Raum. Mich freut, wenn sich das Publikum damit auseinandersetzt. Und: Wenn davon ein bisschen was hängenbleibt.

So!: Werden Sie sich weiter mit der Bibel auseinandersetzen?

Becker: Ja, das wird mich nie wieder loslassen. Warum auch? Die Bibel liegt bei mir auf dem Nachttisch, aber ich lese da nicht jeden Tag drin. Dennoch: Ihre großen Themen sind existenzielle Themen.

So!: Gehen Sie privat manchmal in eine Kirche?

Becker: Ich gehe auch privat in Kirchen, ja.

So!: Sie waren auch schon in einem Kloster.

Becker: Mehrmals, ja.

So!: Ist das für Sie dann eine Auszeit?

Becker: Ja. Ein Zur-Besinnung-Kommen. Ein Moment der Ruhe. Aber letztlich haben Sie recht: Es ist eine Auszeit. Trotzdem findet eine Auseinandersetzung statt. Ich finde dort einen Ort von Anonymität und – im besten Falle – auch ein ganz klein bisschen was von mir.

So!: Wie empfinden Sie eigentlich die Zeit, in der wir leben?

Becker: Mein Gott, was soll ich dazu sagen? Wenn ich sehe, was der Putin so macht, dann kriege ich schon ein bisschen Angst. Die Globalisierung macht mir auch Angst. Ich bin, wie man weiß, kein Freund dieses global herrschenden Kapitalismus’. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Und das macht mir Angst, auch, weil ich ein Kind zu Hause habe. Ich möchte nicht, dass dieses Mädchen so etwas wie einen Krieg erlebt. Die Zeit macht mir schon Angst. Aber trotzdem: Weiter geht’s.



"Ich, Judas"

Seine Geschichte ist eine der Schuld ohne Vergebung. Er ist der einzige Feind, für den es keine Liebe gibt, der Meistgehasste, Meistverfolgte und Verteufelte: Judas, der Jünger Jesu, der Gottes Sohn mit seinem Kuss verrät und ans Kreuz liefert. Ben Becker übernimmt seine Rolle. Er verteidigt Judas mit einem Text von Walter Jens, nach dem nichts mehr ist, wie es schien.

Ben Becker

im Dezember 1964 in Bremen geboren, ist einer der beeindruckendsten deutschen Schauspieler. Der heute mit Frau und Tochter in Berlin lebende Becker wirkte bereits als Kind in Hörspielen mit und übernahm kleine Filmrollen. Seit Ende der 1980er-Jahre spielt er mit großem Erfolg und vielfach ausgezeichnet am Theater, im Fernsehen und im Film ("Schlafes Bruder", "Comedian Harmonists", "Von jetzt an kein Zurück"). Wie seine Schwester Meret Becker ist er auch Musiker. Seine Bass-Stimme prägt viele Hörbücher. Bundesweites Aufsehen erregte er mit seinen stets ausverkauften Performances "Die Bibel – Eine gesprochene Symphonie" und "Ich, Judas". Ben Becker schreibt Kinderbücher und ist Autor der Autobiografie "Na und, ich tanze".
Autor

Andrea Herdegen
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
09. 02. 2017
14:45 Uhr

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09. 02. 2017
14:45 Uhr



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