Lade Login-Box.
Sommerausklang in Südthüringen zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

 

Die Bücherwand sagt mehr als 1000 Worte

Das Coronavirus verdammt viele Deutsche zum Arbeiten von zu Hause aus. Was man früher im Büro zwischen Kaffeeküche und Konferenztisch besprochen hat, passiert nun am Bildschirm: in einer Videokonferenz.



Homeoffice
Um die Ausbreitung des Coronaviruses zu verlangsamen, arbeiten viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen von zu Hause aus.   Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Mikro auf, Kamera an: Die Coronavirus-Krise hat vielen Deutschen eine völlig neue Erfahrung beschert. Da sie notgedrungen im Homeoffice arbeiten, wird der Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen über Videokonferenzen aufrechterhalten.

Die Auswirkungen dieses Kulturwandels sind nicht zu unterschätzen. Kollegen, die im Büro noch an ihrem Sakko festgenäht schienen, tragen plötzlich Kapuzenpulli. Die Wohnzimmerdeko verrät mehr über einen Vorgesetzten als alle Mitarbeitergespräche. Und man benötigt eine ganz andere Gesprächsdisziplin. «Wenn mir in einer normalen Situation 15 Minuten Aufmerksamkeitsspanne zur Verfügung stehen, sind es in einem virtuellen Format vielleicht noch fünf», mahnt der Kommunikationstrainer Phillipp Gründel. Wichtig sei: Prägnanz.

Was auffällt: Jeder geht anders mit dieser Situation um. Und doch gibt es Verhaltensmuster bei Kolleginnen und Kollegen, die immer wieder zu beobachten sind. Eine - etwas zugespitzte - Übersicht.

Der Technikfremdler:

Die Videokonferenz-Programme sind mittlerweile recht leicht zu bedienen. Der Technikfremdler tut sich damit allerdings immer wieder aufs Neue schwer. Er spricht minutenlang zu den Kollegen, obwohl sein Mikro stummgeschaltet ist, redet aber exakt dann zu Hause über das bevorstehende Mittagessen, wenn es alle hören können. Zudem ist ihm relativ schnuppe, wie sein Bildausschnitt wirkt. Nicht selten schaut er von schräg oben in die Kamera, so dass sein Nasenloch gut in Szene gesetzt wird.

Der Technikkritiker: Der Technikkritiker kennt sich im Gegensatz zum Technikfremdler gut mit dem ganzen Video-Schnickschnack aus. Vor allem geht es ihm dabei um Selbstschutz - er will den Feind kennen. Gegen die verwendeten Video-Apps - allen voran das momentan so populäre Zoom - hat er größte datenschutzrechtliche Vorbehalte. Er fragt sich auch, warum das alles notwendig ist, es gibt doch Telefone. Trägt er seine Bedenken in der Konferenz vor, nicken die Kollegen verständnisvoll - und konferieren weiter. Danach klebt der Technikkritiker wieder seine Laptop-Kamera mit einem Post-it zu.

Der Plauderer:

Gestik, Mimik, Körpersprache - in einer Videokonferenz ist all das schwer zu übermitteln. Techniken zum Einhegen besonders redseliger Kollegen werden daher ausgehebelt. Anders gesagt: Man kann jemandem nicht durch einen scharfen Blick bedeuten, dass er sich gerade um Kopf und Kragen redet. Dieser toxischen Gemengelage fällt regelmäßig - oft auch bereitwillig - der Plauderer zum Opfer. Er empfindet die neue Videokonferenz-Welt als äußerst befreiend. Immerhin kann man nebenher schon mal Mails checken.

Der Mitteilsame:

Im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem. Manche kommen ganz gut damit klar - und manche nicht. So jemand ist der Mitteilsame. Im Büro kennt man ihn nur vom Flur, nun erfährt man in einer Videokonferenz en passant wie es um die Verdauung seiner Katze oder seinen Haaransatz bestellt ist. Viel zu schnell wird es viel zu privat. Tendenziell hat er auch kein Problem damit, Einblicke in seine unaufgeräumte Bude zuzulassen. Eine halb leere Flasche Rotwein wegräumen? Ach, das geht auch so.

Der Inszenierer:

Für viele Arbeitnehmer ist die Videokonferenz das letzte soziale Highlight des Tages. Für den Inszenierer heißt das vor allem: Showtime! Er sitzt perfekt ausgerichtet in der exakten Mitte vor einer akkurat eingeräumten Bücherwand, die geeignet ist, anderen Kollegen in Größe und Inhalt ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Auch Skulpturenkunst ist gelegentlich zu sehen. Der Inszenierer weiß zudem, dass auf dem Bildschirm dasselbe gilt wie auf der Straße: Streifen machen schlank, Karos sorgen für Irritationen.

Veröffentlicht am:
08. 04. 2020
13:09 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitnehmer Büros Gewissensbisse Kameras und Photoapparate Kapuzenpullover Körpersprache Sakkos Telefonanlagen und Telefongeräte Videokonferenzen Vorgesetzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Digitalkompetenzen erwerben

21.09.2020

Ohne Technikscheu im Job noch einmal durchstarten

Investition in Bildung lohnt sich immer. Auch für Arbeitnehmer, die es nicht mehr weit bis zur Rente haben. Wer sich etwa digitale Kompetenzen aneignet, hat auch im Alter noch etwas davon. » mehr

Tjark Menssen

14.09.2020

Wann eine Versetzung zulässig ist - und wann nicht

Einer Versetzung müssen Beschäftigte nicht immer Folge leisten - auch wenn dies arbeitsvertraglich vereinbart ist. Oft kommt es auf die Umstände des Einzelfalls an. Was Beschäftigte wissen sollten. » mehr

Urlaubsplanung konfliktfrei regeln

07.09.2020

Die Urlaubsplanung konfliktfrei regeln

Immer wieder gibt es in Unternehmen Gerangel um die Urlaubsplanung. Corona hat auch dieses Thema nicht einfacher gemacht. Welche Regeln Beschäftigte kennen sollten. » mehr

Mit offenen Karten?

27.07.2020

So wird das Jahresgespräch keine Nullnummer

Viele Worte um nichts: Oft genug sind Beschäftigte nach ihrem Mitarbeitergespräch ebenso schlau wie zuvor. Mit Kritik muss man sich aber nicht zurückhalten - wenn man dabei einen Punkt beachtet. » mehr

Bernd Wittschier

30.12.2019

Flurfunk ist nicht immer harmlos

Es wird getuschelt, getratscht, gelästert: In Unternehmen kursieren mitunter wilde Geschichten. Wahr sind sie nicht unbedingt. Wie geht man als Mitarbeiter mit dem Flurfunk um? Experten geben Tipps. » mehr

Rückenschmerzen im Büro

14.09.2020

Kleine Fitnessübungen fürs Büro

Zwickt es im Nacken? Ziept der Rücken? Beschäftigte sitzen am Arbeitsplatz oft viel zu lange. Also: Mehr bewegen! Schon ein Mini-Workout reicht, wenn man es regelmäßig macht. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
08. 04. 2020
13:09 Uhr



^