Lade Login-Box.
Corona Newsletter Gemeinsam handeln
Topthemen: #GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilft

 

Klinikärzte leiden unter hoher Belastung

Viele Patienten, lange Schichten, erschöpfte Ärzte: Aus Sicht des Marburger Bundes sind die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern alles andere als gut. Wie sieht der Alltag eines Klinikarztes aus?



Ärzte bei einer Operation
Da viele Krankenhäuser sich vorrangig als Wirtschaftsunternehmen verstehen, müssen Ärzte immer mehr Patienten versorgen. Damit steigt auch die Arbeitsdichte.   Foto: Oliver Berg/dpa

In manchen Wochen kommt Johannes Wetzel noch nicht einmal mit der gesetzlichen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden hin. Wenn man das Arbeitspensum in der Klinik erfüllen wolle, müsse man nach der Schicht oftmals länger bleiben, sagt der Mediziner, der seinen richtigen Namen und auch seinen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg lieber nicht nennen möchte.

Teilweise bauten die Dienstpläne sogar schon auf Überstunden auf. «Die Situation ist über alle Berufsgruppen prekär, muss man sagen. Wir haben viele freie Stellen, die nicht nachbesetzt werden können. Das führt zu einer sehr angespannten Situation.»

Starke Arbeitsverdichtung

Gleichzeitig sei der ökonomische Druck in den Krankenhäusern sehr groß. «Das ist ja nichts Neues», sagt Wetzel. Die Patienten blieben im Schnitt immer kürzer stationär in der Klinik, was insgesamt zu mehr Patienten führe. Und das wiederum verändere und verdichte die Arbeit der Ärzte. «Das ist über die letzten zehn Jahre stark zu beobachten gewesen.»

Geschichten wie die von Wetzel, der auf fast 30 Jahre Berufserfahrung zurückblickt, kennt auch Michael Beck vom Marburger Bund. Viele Ärzte - gerade auch ältere - flüchteten sich in die Teilzeit, um Belastungen zu reduzieren, sagt der Sprecher des Berufsverbands in Baden-Württemberg. «Und wir haben auch den Trend, dass viele Ärzte in fachfremde Berufe wechseln - zum Beispiel in Unternehmensberatungen. Dementsprechend wird der Bestand an Ärzten verknappt.»

6500 angestellte Ärzte befragt

Alarm-Signale sendet auch der Marburger Bund. In einer neuen Umfrage

für die Ärztegewerkschaft gaben fast 60 Prozent der Klinikärzte an,

oft oder sogar ständig überlastet zu sein. Und ebenfalls 60 Prozent

sagten, drei Stunden am Tag oder noch mehr mit Verwaltungsaufgaben zu

tun zu haben. «Es ist schlichtweg ein Skandal, wie viel Arbeitskraft

und Arbeitszeit mit Datenerfassung und Dokumentation vergeudet wird»,

sagt Verbandschefin Susanne Johna. «Bürokratie gefährdet die

Versorgung», warnt auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Ziel

müsse sein, den Aufwand dafür um die Hälfte herunterzubekommen.

Jeder zehnte geht demnach sogar ständig über seine Grenzen hinaus. Drei Viertel (74 Prozent) sehen sich wegen der Arbeitszeitgestaltung in der eigenen Gesundheit beeinträchtigt, etwa mit Schlafstörungen oder häufiger Müdigkeit. Für die Studie beteiligten sich im September und Oktober 2019 rund 6500 angestellte Ärzte an einer Online-Befragung.

Ein Medizinstudienplatz koste eine Menge Geld, sagt Beck. «Die öffentliche Hand müsste sich überlegen: Wollen wir es, dass Ärzte aufgrund der Belastung krank werden oder aus dem Beruf ausscheiden? Man könnte viel kompensieren, wenn man den Arztberuf durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen attraktiver macht.»

Kontrolle der Arbeitszeit

Der Marburger Bund hat eine Kampagne ins Leben gerufen, die eine konsequente Kontrolle der Arbeitszeit fordert. Denn Fehler, die auf Übermüdung oder Überlastung von Ärzten zurückzuführen seien, könnten die Patienten direkt betreffen und im Zweifel fatale Folgen nach sich ziehen.

In Wetzels Krankenhaus wird die Arbeitszeit zwar erfasst, und Überstunden werden ausgeglichen oder ausbezahlt. Aber nicht jeder ist damit zufrieden: Viele Kollegen wollen, wie der Facharzt berichtet, eine geregelte Arbeitszeit und nicht viele Wochen lang Überstunden zu ungünstigen Zeiten - nachts und an Wochenenden - ansammeln. «Sie wollen nicht mehr 48 Stunden arbeiten, aber sie müssen es, weil sonst die Dienste nicht adäquat besetzt werden können.»

Erfassungssysteme könnten auch ausgetrickst werden, sagt Beck. «Was mir oft begegnet: Dass Druck ausgeübt wird, dass die Leute ausstempeln.»

Veröffentlicht am:
24. 01. 2020
11:59 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitsplätze Arbeitszeit Berufserfahrung Berufsverbände und Berufsvertretungen Deutsche Krankenhausgesellschaft Klinikärzte Krankenhäuser und Kliniken Marburger Bund Offene Stellen Patienten Ärzte Ärztegewerkschaften
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Auch im Gewächshaus gibt es viel zu tun

03.04.2020

Diese Branchen suchen Mitarbeiter

Schuhe kaufen, Konzerte besuchen, Autos am Fließband zusammenbauen - das geht alles nicht mehr. Nudeln kaufen, zum Arzt gehen, Spargel stechen - das muss alles unbedingt weitergehen. Nur wer macht's? » mehr

Geteilte Führung

09.12.2019

So klappt Jobsharing in der Praxis

Die 40-Stunden-Woche passt immer weniger in die Lebenskonzepte der Menschen. Jobsharing ist ein Modell, um das aufzufangen. Drei Tandems erzählen, worauf es bei Planung und Umsetzung ankommt. » mehr

Gabriele Bringer

30.12.2019

Flurfunk ist nicht immer harmlos

Es wird getuschelt, getratscht, gelästert: In Unternehmen kursieren mitunter wilde Geschichten. Wahr sind sie nicht unbedingt. Wie geht man als Mitarbeiter mit dem Flurfunk um? Experten geben Tipps. » mehr

Lebenslauf

17.02.2020

Den Lebenslauf überzeugend gestalten

Einen Lebenslauf aufsetzen? Das haben die meisten schon mal gemacht. Doch dann will man sich auf einen neuen Job bewerben - und die Regeln von einst sind überholt. Worauf sollte man achten? » mehr

Zeit fürs Leben

23.03.2020

Tipps für das Arbeitszeitmodell Vier-Tage-Woche

Vier Tage arbeiten, drei Tage frei: Von einem solchen Arbeitszeitmodell erhoffen sich viele Beschäftigte eine bessere Work-Life-Balance. Möglich ist das sogar ohne die Inanspruchnahme von Teilzeit. » mehr

Umzug für den Job

20.01.2020

Soll ich für einen neuen Job umziehen?

Neuer Job, neue Stadt? Einen Umzug für eine andere Stelle nehmen Menschen eher ungern in Kauf - und schon gar nicht leichtfertig. Flexibel zu sein kann sich aber lohnen, vor allem für Einsteiger. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
24. 01. 2020
11:59 Uhr



^