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Die meisten Waldorfschulen gehen mit der Zeit

Es wird ständig gestrickt und danach tanzen die Schüler ihre Namen - Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf - vor allem im Osten.



Im Biologieunterricht
Schülerinnen schauen in der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe durch Mikroskope.   Foto: Sebastian Gollnow

Strickzeug hat niemand ausgepackt, gerade geht es an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe um Zellenlehre. Die Schüler der 11a justieren den Fokus ihrer Mikroskope. «Das ist der Einzeller Euglena - das Augentierchen», erklärt Biolehrer Albrecht Schad.

Er unterrichtet in Stuttgart an der nach eigenen Angaben weltweit ältesten Waldorfschule. 2019 wird sie 100 Jahre alt. Im Jubiläumsjahr gibt es überall in Deutschland Feierlichkeiten, den Anfang macht Sachsen.

Ihre Namen haben die Waldorfschulen in Deutschland von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Der Fabrikant Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter gute Schulbildung ermöglichen und gründete 1919 die erste Waldorfschule unter Leitung des umstrittenen Österreichers Rudolf Steiner (1861-1925). Steiners Lehre steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorf-Pädagogik.

Ausgangspunkt sind die Kinder

Der Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, Henning Kullak-Ublick, sagt: «Rudolf Steiner hat keine Rezepte geliefert, wie man etwas machen soll.» Eine dogmatische Auslegung widerspreche sogar dem Anspruch der Waldorfschule - denn Ausgangspunkt seien immer die einzelnen Kinder und die Zeit, in der sie lebten. 100 Jahre nach der Gründung besuchen seinen Angaben nach etwa 88.000 Schüler die 245 Freien Waldorfschulen in Deutschland - weltweit gibt es rund 1150.

Schulforscher Till-Sebastian Idel von der Universität Bremen sagt: «Sie sind sehr unterschiedlich, man muss unterscheiden zwischen Waldorfpädagogik und der bestimmten Waldorfschule. Sicherlich findet man auch Schulen, die eher orthodox sind. Ich würde aber sagen, dass das nur wenige sind, die meisten Waldorfschulen gehen mit der Zeit.»

Mut, Respekt und Erfahrung

Auch die Dresdner Waldorfschule gehört mit ihrer Gründung vor 90 Jahren zu den ersten. Im Deutschen Hygiene-Museum wird in der Stadt 100 Jahre Waldorfpädagogik gefeiert. In der fünften Klasse der Dresdner Waldorfschule steht Zirkusunterricht auf dem Plan. «Es geht um Mut, Respekt und die Erfahrung, sich aufeinander zu verlassen», sagt Sportlehrerin Silvia Linke. Noten gibt es bis zur Oberstufe nicht, sitzen bleibt niemand, Fächer wie Mathe, Deutsch und Geografie werden in «Epochen» - in mehrwöchigen Blöcken - unterrichtet.

15 Waldorfschulen gibt es heute in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg oder in Rheinland-Pfalz sind es um die 60 - jeweils. «Gerade im Osten ist die Waldorfschulbewegung in Bewegung, da tut sich was», sagt Birgit Thiemann von der Region Mitte-Ost im Bund der Freien Waldorfschulen. Während der Markt im Westen gesättigt sei und die Schulen mancherorts um Schüler ringen, würden im Osten Schulen neu gegründet. Bundesweit haben innerhalb von zehn Jahren seit dem Schuljahr 2006/2007 die Freien Waldorfschulen laut Statistischem Bundesamt einen Zuwachs von 16 Prozent verzeichnet.

Gegenmodell zu leistungsgetriebenem Schulsystem

Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften und Autor von Waldorf-Studien sieht Waldorf als Gegenmodell zu einem Schulsystem, das zunehmend auf Leistung und Drill aus ist. «Ich beobachte eine Verschärfung des Leistungsklimas, es gibt immer mehr Tests.» Viele Eltern schauten sich deshalb nach einer Alternative um. «Nicht Dressur, Training und Auswendiglernen ist ihnen wichtig, sondern dass die Begabungen und Talente des Kindes individuell gefördert werden.»

Lina ist eine von rund 950 Schülern an der Ur-Waldorfschule in Stuttgart. «Es gibt Klischees über uns», sagt sie. «Zum Beispiel: Waldorfschüler tanzen ja nur ihre Namen und wollen nicht lernen. Aber das stimmt nicht.» In zwei Jahren will die 17-Jährige das Abitur machen und danach vielleicht Medizin studieren. Mehr als die Hälfte der Schüler schließt nach Angaben des Bundes der Freien Waldorfschulen mit dem Abi ab.

Richtunggebende Autorität

Im Stundenplan von Lina und ihren Mitschülern stehen auch Stricken, Gartenbau und Korbflechten. «Der Ausgangspunkt ist immer: Selber tun, eigene Erfahrungen machen, um sie dann zu gestalten und denkend zu verarbeiten», fasst es Kullak-Ublick zusammen. Die klassischen Fächer wie Mathe, Deutsch oder Geografie unterrichtet bis zur achten Klasse in der Regel ein einziger Lehrer. «Ein Haltepunkt», so hat es Cristian empfunden, er geht wie Lina in die 11a. Schulforscher Idel sagt, anti-autoritär gehe es an den Schulen nicht zu. «Gerade in den ersten Schuljahren beanspruchen die Klassenlehrer, eine richtunggebende Autorität für die Kinder zu sein.»

Die 17 Jahre alte Schülerin Laura sieht manches an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe kritisch: «Warum entscheiden wir nicht selbst, was wir lernen wollen? Das geben immer noch die Lehrer vor.» Und ab der 9., 10. Klasse gehe es dann vor allem um die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen, so ihre Kritik. «Die Waldorfschule wird immer mehr zur staatlichen Schule gemacht.»

Schulforscher Idel sagt: «Die ursprüngliche soziale Idee, eine Schule für alle Schichten zu sein, gerade auch für Arbeiterkinder, hat sich nicht erfüllt.» Die Schüler kämen - wie an anderen Privatschulen auch - zu einem großen Teil aus der akademischen Mittelschicht. Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen räumt ein: «Uns gefällt das selbst nicht, weil unser Anspruch ist: Wir sind für alle Kinder da.» Man könne zwar in sozial schwierigen Stadtteilen Schulen gründen. Das sei aber nicht so einfach - weil die Eltern aufgrund der Gesetzeslage zur Finanzierung der jeweiligen Schule beitragen müssten.

Veröffentlicht am:
30. 01. 2019
05:09 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
30. 01. 2019
05:09 Uhr



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