Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

 

«Equal Pay Day»: «Frauenberufe» liegen in Bezahlung hinten

Mehr Frauen in technische Berufe. Das wird häufig als Lösung für die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern vorgeschlagen. Doch warum werden bestimmte Berufe überhaupt höher entlohnt?



Eine Frau arbeitet in einem Labor
Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Doch die Unterschiede schwinden langsam. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa  

Die Unterschiede sind deutlich: 14 Euro pro Stunde verdient eine Erzieherin, 16 Euro ein Sozialpädagoge. Ein Techniker bekam nach einer Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Jahr 2014 hingegen 18 Euro und ein Ingenieur sogar 29 Euro.

«Jobs in der Industrie werden im Durchschnitt besser vergütet als beispielsweise im Gesundheitswesen», stellt Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln fest. «Das hat viel mit der Wertschätzung des Produktes durch die Kunden zu tun», sagt er. Viel hänge an der Zahlungsbereitschaft der Menschen.

Die unterschiedliche Bezahlung in verschiedenen Branchen wird als ein wichtiger Faktor für den so genannten  Gender Pay Gap gesehen - also für den Unterschied im Bruttoverdienst von Männern und Frauen. Die Lücke lag in Deutschland 2016 bei 21 Prozent - nach 22 Prozent im Jahr 2015, wie das Statistische Bundesamt erklärte.

«Es gibt viel Ungerechtigkeit in der Bezahlung von Männern und Frauen, aber ein großer Teil des Unterschieds kommt durch Branchen- und Berufswahl, Dienstalter und Beschäftigungsumfang», sagt Helmut Uder von der Unternehmensberatung Willis Towers Watson. Frauen unterbrechen nach wie vor länger für die Familie und arbeiten hinterher öfter in Teilzeitjobs. Das von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) geplante Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit, das Beschäftigten erlaubt zu erfahren, wie sie im Vergleich zu anderen bezahlt werden, dürfte daran kaum etwas ändern.

Denn allein 15 Prozent des Gender Pay Gaps liegen nach Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft an der Branche. Und das Gefälle lässt sich klar entlang klassischer Männer- und Frauenberufe ablesen. Laut der Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung lag der Stundenlohn in Berufen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, 2014 im Schnitt um acht Euro niedriger als in männlichen dominierten Berufen bei gleicher Ausbildungszeit.

Die Gründe dafür sieht Corinna Kleinert vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg teilweise in der historischen Entwicklung. Die Bezahlung von Berufen sei lange gewachsen. «Historisch galten Frauen als weniger kompetent und leistungsfähig im Bereich der Erwerbsarbeit als Männer.» Ihnen standen daher vor allem haushaltsnahe Berufe offen, und solche «typisch weiblichen» Tätigkeiten wurden in der Folge auch geringer entlohnt. «Daher wird auch von einer bis heute anhaltenden Entwertung von Frauenberufen gesprochen.»

Technische Berufe würden dagegen traditionell häufiger von Männern ausgeübt und daher höher entlohnt. «Ein weiteres Merkmal dieser Berufsgruppen ist, dass es ihnen gelang, Zugänge dazu stärker zu begrenzen und sich stärker gewerkschaftlich zu organisieren als in Frauenberufen», sagt Kleiner. Auch dadurch konnten sie höhere Löhne erzielen. «Kindergärtnerinnen haben es nie geschafft, ihren Beruf so stark zu schließen und diese Schließung in Lohnvorteile umzuwandeln wie Ingenieure.»

«Der geringe Verdienst hat auch etwas zu tun mit dem Thema Arbeitsbewertung», sagt Sarah Lillemeier vom Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen, die in einem Kooperationsprojekt mit dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) arbeitet und zum Thema geschlechtergerechte Arbeitsbewertung forscht. «Dabei ist eine Schieflage entstanden zwischen der Bewertung und Bezahlung von «Männer-» und «Frauenberufen»

Denn die Kriterien zur Bewertung von Arbeit kämen prinzipiell aus der Industrie. «Darin sind weder psychosoziale Anforderungen enthalten und auch die Verantwortung für das Wohlergehen der betreuten Menschen bleibt oft unberücksichtigt», so Lillemeier. Sorgeberufe seien daher sehr anfällig für eine zu geringe Bewertung und Bezahlung, gemessen an ihren Anforderungen und Belastungen.

Das wirke auch nach: «Empirische Studien zeigen, dass sich weiblich konnotierte Tätigkeitsinhalte negativ auf die Bezahlung auswirken», sagt Lillemeier. «Eine Maskulinisierung führte dagegen historisch zu einer Aufwertung.» Eine Annäherungen sieht zumindest Lillemeier bislang nicht. «Das Bewusstsein für die Thematik ist da», sagt sie. «Kostendruck und Ökonomisierungstendenzen in den Sorgeberufen führen aber auch dazu, dass sich derzeit wenig ändert.»

Veröffentlicht am:
14. 03. 2017
13:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Berufe Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Frauen Frauenberufe Institut der deutschen Wirtschaft Institute Manuela Schwesig SPD Statistisches Bundesamt Universität Duisburg-Essen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Florian Haggenmiller

16.01.2017

Rollenbilder bei der Berufswahl

Eine Kfz-Mechanikerin und ein Zahnmedizinischer Fachangestellter haben etwas gemeinsam: Sie sind Minderheiten in ihrem Beruf. Denn es gibt sie noch, die typischen Männer- und Frauenberufe. Doch es deutet sich an, dass si... » mehr

Handwerker

17.09.2018

Handwerker verzweifelt gesucht

Es wird gemauert, gestrichen und gefliest was das Zeug hält. Handwerker haben so viel zu tun, dass Aufträge immer länger liegen bleiben oder gar nicht mehr angenommen werden. Der Handwerkermangel führt zu Frust - beim Ku... » mehr

Nickerchen im Büro

31.08.2018

Wann macht der Büroschlaf Karriere?

Snoozing is losing? Wer am Schreibtisch ein Nickerchen macht, erntet Spott. Doch ausgeschlafene Mitarbeiter bringen mehr Leistung, das erkennen erste Konzerne. Aber nicht unbedingt in Deutschland. » mehr

Weibliche Verstärkung

16.07.2018

Fachkräfte im MINT-Bereich händeringend gesucht

In technisch-mathematischen Berufen ist derzeit der Fachkräftemangel besonders groß. Doch welche Fachkräfte brauchen Firmen besonders? » mehr

Temperaturregelung per Smartphone

10.08.2018

Junge Unternehmen suchen Nachwuchs in neuen Berufen

Das Smartphone wird in vielen Bereichen des Lebens immer allgegenwärtiger. Was fehlt - IT-Nachwuchs selbst in jungen Firmen. Was tun? » mehr

Michael Nasterlack

23.07.2018

Was gilt beim Schichtdienst?

Ob im Krankenhaus, im Kraftwerk oder bei der Polizei: In vielen Berufen arbeiten Menschen im Schichtdienst. Damit im Betrieb alles reibungslos abläuft, dabei aber auch die Gesundheit der Mitarbeiter nicht auf der Strecke... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
14. 03. 2017
13:00 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".