Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

 

Mit Borderline im Berufsleben stehen

Die Borderline-Störung ist gekennzeichnet von Instabilität - sie kann sich auf das Selbstbild, auf Beziehungen und Gemütslagen beziehen. Es gibt Menschen, die damit erfolgreich im Berufsleben stehen.



Borderline
Menschen mit Borderline erleben oft extreme Gefühle und Stimmungsschwankungen - manche verfallen auch in ein Schwarz-Weiß-Denken.   Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-infografik GmbH/dpa-Themendi/dpa » zu den Bildern

Das Wort Borderline kennen viele, wissen aber oft nicht genau, was dahintersteckt. Der Begriff bezeichnet eine komplexe Persönlichkeitsstörung. Sie wirkt sich auch auf das Berufsleben aus.

Bezeichnend für Borderline ist ein selbstverletzendes Verhalten. «Aber nicht jeder Borderline-Betroffene verletzt sich. Und nicht jeder, der sich selbst verletzt, hat Borderline», erklärt Birger Dulz, Psychiater aus Hamburg und Borderline-Experte.

Betroffene erleben oft extreme Gefühle und Stimmungsschwankungen. Dies zeigt sich häufig auch in Beziehungen. Patienten beschreiben es Dulz zufolge oft so: «Es geht nicht mit anderen, und es geht nicht ohne andere.» Sie schwanken zwischen dem Aufbauen von Nähe und Distanz. «Ich hasse dich, verlass mich nicht» lautet der Titel eines Buches über die Erkrankung - dies fasse laut Dulz die Störung treffend zusammen.

Schwankende Gefühle und Schwarz-Weiß-Denken

Für Außenstehende ist das häufig schwer nachvollziehbar. «Einige Betroffene reagieren impulsiv, preschen in ihrem Verhalten nach vorne. Andere ziehen sich in ihr Inneres zurück», erklärt Dulz.

Trotz aller Schwierigkeiten: Borderline ist behandelbar. Nach mehrjähriger Behandlung sei diese Persönlichkeitsstörung nicht mehr diagnostizierbar. Dulz erläutert, dass viele, aber nicht alle, in der Kindheit Erfahrungen mit Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung gemacht hätten.

Bloggerin Dominique de Marné beschreibt die Persönlichkeitsstörung als ein «zu viel an Gedanken und Gefühlen». Das Leben mit der Störung sei turbulent. «Betroffene verfallen in ein Schwarz-Weiß-Denken. Diese innere Zerrissenheit zeigt sich natürlich auch im Berufsleben.»

Es gebe Betroffene, die ihre Erkrankung gut kompensieren, sagt Dulz. «Sie können überaus erfolgreich sein, entgleisen aber in schwierigen zwischenmenschlichen Situationen.» Ob und wie viel ein Betroffener arbeiten kann, hänge allerdings vom Einzelfall ab. Für einige kann es schwierig sein, einen Beruf dauerhaft auszuüben. Für andere «kann ein Job auch Sinn und Struktur geben», erläutert de Marné.

Im Berufsleben sehen sich Betroffene häufig mit Vorurteilen konfrontiert. So schildert de Marné, die bis vor kurzem angestellt war und jetzt selbstständig ist: Viele wollten nicht mit Borderlinern zusammenarbeiten. «Die für Borderliner typische Impulsivität kann natürlich zu Konflikten am Arbeitsplatz führen.»

Dabei ist die Unterstützung auf kollegialer Ebene wichtig, um eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt zu fördern, erklärt der Psychologe Mattias Morenings. Der Leiter im Bereich Rehabilitation und Integration am Beruflichen Trainingszentrum Hamburg rät Auswirkungen der Erkrankung zu thematisieren: «Man kann vielen die Angst vor dem Wort Borderline nehmen, wenn man die Symptome übersetzt.» Es könne helfen, Kollegen zu erklären, dass man in bestimmten Situationen sehr emotional reagiert.

Therapie ist möglich und nötig

«Als Ausbilder kann ich mir Borderline-Betroffene gut vorstellen. Sie sind außerordentlich gut darin, die Emotionen und Bedürfnisse des Gegenübers zu erkennen», sagt Morenings. Laut Dulz sind viele in sozialen Berufen tätig: «Sie sind sehr empathisch, wollen, dass es anderen besser geht als ihnen selbst.»

Genau diese Empathie kann zur Belastung werden: «Borderliner können ein Zuviel an Empathie zeigen, sich selbst vernachlässigen», erklärt Dulz. «Eine Therapie ist erforderlich, um den Herausforderungen im Privatleben und auch im Berufsleben gewachsen zu sein.»

Durch die Diagnose habe sich viel verändert, erzählt de Marné. Trotzdem: Manchmal bedanke sie sich bei ihrer Krankheit. «Viele Borderliner sind außerordentlich kreativ und empathisch.» Sie wünscht sich einen offeneren Umgang mit der Krankheit: «Man sollte den Menschen sehen, nicht die Störung» - und ihm eine Chance geben.

Veröffentlicht am:
04. 12. 2019
09:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Behandlungen Beruf und Karriere Berufe Berufsleben Empathie Krankheiten Psychiater Psychische Erkrankungen Selbstverletzendes Verhalten Störungen und Störfälle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Prof. Sabine Herpertz

20.05.2020

Wenn Narzissmus krankhaft ist

Kein Mitgefühl, Angst vor Kritik: Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung machen sich groß und andere klein. Experten erklären, was die Erkrankung kennzeichnet und wo Therapien ansetzen. » mehr

Iris Hauth

24.06.2020

Funktioniert Psychotherapie auch digital?

Der Markt für mentale Gesundheit im Netz wächst. Doch nicht alle Anwendungen sind ohne weiteres für jeden geeignet - wenn es schlecht läuft, machen sie es sogar schlimmer. » mehr

Psychotherapie

23.06.2020

Der mitunter steinige Weg zur Psychotherapie

Psychische Störungen brauchen eine gute Therapie. Doch das ist für gesetzlich Krankenversicherte leichter gesagt als getan. Denn die Plätze sind rar - und der Ablauf nicht leicht zu durchblicken. » mehr

Stephanie Kaye

12.02.2020

Hochsensible Kinder brauchen Auszeiten

«Mein Kind ist hochsensibel.» Für manche klingt das nach Wunderkind, für andere nach Weichei. Doch die Wahrheit ist, wie so oft, komplizierter. » mehr

Prof. Ulrich Voderholzer

25.12.2019

Wie es wirklich ist, das Tourette-Syndrom zu haben

Wer an die Krankheit Tourette denkt, verbindet mit ihr oft Menschen, die lauthals Schimpfworte rufen. Das trifft jedoch nur auf einen Teil der Betroffenen zu - die meisten haben andere Probleme. » mehr

Psychotherapie

14.08.2019

Psychotherapie: Welches Verfahren passt zu wem?

Die Ängste oder die Niedergeschlagenheit nehmen überhand, eine Psychotherapie scheint angebracht. Aber wie finden Interessierte einen passenden Therapeuten? Und welche Form der Therapie ist geeignet? » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
04. 12. 2019
09:32 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.